Würzburg

Wie der Konflikt um Schwangerenberatung die Kirche spaltete

20 Jahre Donum Vitae: Wie ein kleiner Verein deutsche Bischöfe zur Weißglut trieb und warum für Barbara Stamm Laien in der Konfliktberatung ein Geschenk des Himmels sind.
Zwei Striche: schwanger. Dieses Ergebnis kann zu schweren Konflikten führen, in denen Frauen Hilfe brauchen. In der Schwangerenkonfliktberatung gibt es diese Hilfe.   Foto: Mascha Brichta, dpa

1999 brach in der katholischen Kirche ein Streit los, der 20 Jahre lang andauern sollte und bis heute nicht beigelegt ist. Als der damalige Papst Johannes Paul II 1998 den katholischen Schwangerenberatungsstellen untersagt, den Beratungsschein auszustellen, der laut Gesetzgebung in Deutschland für einen Schwangerschaftsabbruch erforderlich ist, steigt die Kirche aus dem staatlichen Konfliktberatungssystem aus. Laien gründen daraufhin den Verein Donum Vitae, Geschenk des Lebens. Für sie ist klar: Die Kirche darf sich hier nicht zurückziehen, muss ungewollt Schwangeren Hilfe anbieten, Lösungen aufzeigen – und das Gespräch ergebnisoffen lassen, sprich, den Frauen mit dem Beratungsschein eine straffreie Abtreibung ermöglichen. 

"Als wir 1999 den Verein gründeten, wurde uns Ungehorsam gegenüber dem Papst vorgeworfen und es gab unqualifizierte Kritik, wir würden 'Tötungslizenzen' ausstellen", so die Bayerische Vorsitzende von Donum Vitae, Sabine Demel. Solche Vorwürfe gebe es heute noch. Die Kirche akzeptiere den Verein nach wie vor nicht in ihren Reihen. Und immer noch stehe ungeklärt im Raum, ob ein Religionslehrer, eine Pastoralreferentin oder ein Priester Mitglied bei Donum Vitae werden könne, ohne Abmahnungen oder gar eine Kündigung zu riskieren.

Nach dem Beschluss der Bischöfe 1999: Es wird keinen dieser für eine straffreie Abtreibung notwendigen Scheine mehr von katholischen Einrichtungen ausgestellt.  Foto: dpa

Donum Vitae hat mittlerweile 202 Mitarbeiter und mehr als 20 staatlich anerkannte Beratungsstellen, eine davon im unterfränkischen Aschaffenburg. Auch die Würzburger CSU-Politikerin Barbara Stamm, damals Sozialministerin in Bayern, war als Befürworterin von Donum Vitae Zielscheibe teils heftiger Angriffe seitens der Bischöfe. "Die Diskussionen gingen ins Persönliche, es gab viele emotionale Verletzungen", erinnert sich die Vorsitzende des Förderkreises und Beiratsmitglied von Donum Vitae in Bayern. 

Die harte Linie des Papstes 

Bei einigen Bischöfen, so Stamm, sei durchaus eine positive Haltung zu Donum Vitae zu spüren gewesen, das Gespräch der Deutschen Bischofskonferenz mit dem Papst damals jedoch blieb erfolglos. Offiziell blieben die Bischöfe fortan auf der harten Linie des Papstes. "Uns wurden wirklich alle Steine in den Weg gelegt, die man sich vorstellen kann", erinnert sich Stamm. Es durften keine kirchlichen Räume genutzt werden, die Frauen, die von den bischöflich anerkannten Beratungsstellen zum staatlich anerkannten Verein Donum Vitae wechselten, riskierten ihren Job.    

"Diese Unbeirrbarkeit - trotz aller Widerstände diesen Weg zu gehen, das ist der Erfolg von Donum Vitae."
Barbara Stamm, Vorsitzende des Förderkreises und Beiratsmitglied von Donum Vitae in Bayern 

"Es wusste ja damals niemand, was auf uns zukommen wird. Kann sich der Verein finanziell über Wasser halten? Finden wir genügend Unterstützer?" In dieser schwierigen Zeit sei zwischen den Laien ein Zusammenhalt entstanden, der sie bis heute verbinde. "Diese Unbeirrbarkeit – trotz aller Widerstände diesen Weg zu gehen, das ist der Erfolg von Donum Vitae", sagt Stamm. Heute wie damals greift sie gegenüber Kritikern gerne auf den Satz zurück: "Wer ungeborenes Leben schützen will, muss sich um geborenes Leben kümmern." 

Barbara Stamm: Die ehemalige Landtagspräsidentin aus Würzburg engagiert sich seit 20 Jahren für Donum Vitae.   Foto: Daniel Peter

Barbara Stamm stellte sich von Anfang an vor die Mitarbeiter. "Ich war ja als Ministerin vom Bundesgesetzgeber verpflichtet, quasi über Nacht 23 neue Beratungsstellen mit einer staatlichen Anerkennung auf den Weg zu bringen. Es war ein Geschenk des Himmels, dass katholische Laien da waren, die die Verantwortung für die Amtskirche übernommen haben."

Und auch am Katholikentag 2016, an dem die Mitglieder von Donum Vitae nach langen Diskussionen erstmals teilnehmen durften, und es zu einem heftigen Schlagabtausch kam, fand die damalige Landtagspräsidentin Stamm auf dem Podium klare Worte: "Ich will nicht, dass meine Kirche diese Mitglieder ausschließt, die ehrenamtlich bei Donum Vitae arbeiten." Sie kritisierte auch offen die arbeitsrechtlichen Konsequenzen für Mitarbeiter des Vereins, die jederzeit von kirchlicher Seite mit einer Kündigung rechnen müssten. Im Bistum Würzburg sei der Druck glücklicherweise nicht so hoch gewesen. Das bestätigt eine Anfrage beim Bistum, dort heißt es: "Abmahnungen oder Kündigungen im Zusammenhang mit Donum Vitae sind uns nicht bekannt." Stamm selbst widersetzte sich stets den Vorgaben, kandidierte für ihr kirchliches Ehrenamt im Diözesancaritasverband Würzburg –  mit Erfolg. "Ich habe mir gedacht, wenn Bischof Hofmann mich nicht will, muss er es sagen." 

Würzburger Bischof Franz Jung bedauert Trennung

Der heutige Würzburger Bischof Franz Jung sagt, dass die Trennung vor 20 Jahren nach wie vor bedauerlich sei. Man spreche den Beraterinnen von Donum Vitae nicht die Entschlossenheit ab, schwangere Frauen dazu zu bewegen, ihr Kind vor der Abtreibung zu bewahren. "Im Unterschied zu Donum Vitae stellen die katholischen Beratungsstellen in letzter Konsequenz dennoch keinen Nachweis aus, der die Beratung bestätigt. Damit will die Kirche Missdeutungen des Beratungsnachweises als 'Freifahrschein für eine straffreie Abtreibung' entgegentreten un ein eindeutiges Zeugnis im Kampf um den Schutz des ungeborenen Lebens geben."   

Widerstand von katholischen Laien gegen die Amtskirche kam mit Gründung von Donum Vitae vor 20 Jahren auch aus Schweinfurt. Norbert Baumann, ehemaliger Richter und bekennender Katholik etwa, gehört zu Gründungsmitgliedern im Vorstand des Vereins in Bayern.    

Norbert Baumann aus Schweinfurt: Der Richter im Ruhestand ist Gründungsmitglied von Donum Vitae in Bayern.     Foto: Helferich

Als der Streit 2006 eskalierte, legte Baumann sein Amt als Vorsitzender des Diözesanrats des Bistums nieder. 24 Jahre, davon acht Jahre als Vorsitzender, lagen da als engagierter Laie hinter ihm. Kardinal William Levada, Präfekt der Glaubenskongregation, hatte zuvor die deutschen Bischöfe aufgefordert, "klug und entschieden darauf hinzuwirken, dass die Gläubigen, besonders Vertreter kirchlicher Organisationen und Räte, nicht nur auf eine leitende Mitarbeit bei Donum Vitae, sondern auf jede Form der Unterstützung verzichten". Doch 2018 gab es nach Jahrzehnten eine entscheidende Annäherung. Die Deutsche Bischofskonferenz würdigte erstmals offiziell, dass sich auch der Verein Donum Vitae für den Schutz des Lebens einsetzt und Erfolge in der Konfliktberatung erzielt. Auch ein Wechsel zurück in die kirchlichen Beratungsstellen ist jetzt möglich. 

"Ja, die Lage hat sich entspannt", bestätigt Barbara Stamm. Bei der Jubiläumsfeier am 19. Oktober in München erwarte sie deshalb auch keinen Streit oder gar einen Schlagabtausch wie beim Katholikentag vor drei Jahren. Ob und wann der Verein von der Kirche anerkannt wird, das könne man nicht sagen. Stamms Wunsch zum 20. Geburtstag von Donum Vitae klingt dennoch äußerst optimistisch. "Wenn die Deutsche Bischofskonferenz jetzt sagen würde, 'Diese großartige Leistung bedeutet für uns, dass wir als Amtskirche mit Donum Vitae gemeinsam einen Weg gehen können', das wäre das schönste Geburtstagsgeschenk!"

Staatlich anerkannte Konfliktberatungsstellen
Staatlich anerkannte Konfliktberatungsstellen werden sowohl von öffentlichen als auch von freien Trägern unterhalten. So bieten konfessionelle und nicht konfessionsgebundene Wohlfahrtsverbände und andere freie Träger und Vereine die gesetzliche Konfliktberatung an (zum Beispiel Arbeiterwohlfahrt, Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband, Deutsches Rotes Kreuz, Diakonisches Werk, donum vitae, pro familia), darüber hinaus in manchen Kommunen örtliche Gesundheitsämter sowie verschiedene Ärztinnen und Ärzte. Die vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend geförderte Internetseite der BZgA www.familienplanung.de enthält eine Suchmaschine, die die Schwangerschafts- und Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen aller Träger in der Nähe des eingegebenen Wohnortes anzeigen. 

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