Würzburg

Wie ein Flugplatz-Tower zu einer innovativen Bibliothek wird

Innerhalb von drei Jahren hat sich der ehemalige Flugplatz-Tower am Hubland in eine Bücherei verwandelt. Nicht mehr die Bücher stehen im Vordergrund, sondern der Mensch.
Auf einer Lesetribüne können die kleinen Besucher in Kinderbüchern schmökern. Kulturreferent Achim Könneke (hinten), Büchereileiterin Anja Flicker, Architekt und 'creative guide' Aat Vos und OB Christian Schuchardt beim Testlesen.
Auf einer Lesetribüne können die kleinen Besucher in Kinderbüchern schmökern. Kulturreferent Achim Könneke (hinten), Büchereileiterin Anja Flicker, Architekt und "creative guide" Aat Vos und OB Christian Schuchardt beim Testlesen. Foto: Johannes Kiefer

Auf den ersten Blick schaut alles etwas unaufgeräumt und improvisiert aus: Die Möbel scheinen schon bessere Tage gesehen zu haben, auf dem Fußboden liegen Matratzen, jeder Stuhl sieht anders aus, keiner so richtig neu, die Kaffeebar ist ein zusammengeschweißtes Auto und das, worum es hier eigentlich gehen soll, fristet ein Dasein am Rande, die Bücher nämlich. Die neue Stadtteilbücherei am Hubland, die am Donnerstag eröffnet wurde, ist anders als man sich gemeinhin eine Bibliothek vorstellt. Und sie will ganz bewusst anders sein. Sie ist nämlich das, was in der Fachsprache der Bibliothekare inzwischen ein "Dritter Ort" genannt wird.

Was auf den ersten Blick ein wenig chaotisch wirkt, ist in Wirklichkeit bis ins kleinste Detail durchdacht. Dafür hat neben dem Bibliotheksteam um Anja Flicker vor allem der niederländische Architekt und "creative guide" Aat Vos gesorgt, der schon viele Bibliotheken in Europa vom nüchternen Buchverleih zum Wohlfühl-Treffpunkt umgestaltet hat. Die Einrichtung und Gestaltung der Hubland-Bücherei ist sein erster Auftrag in Deutschland und somit ein echtes Vorzeigeprojekt. 

Die Einrichtung ist bis ins Detail durchdacht

Für die Hubland-Bücherei im ehemaligen Flugplatz-Towerhat man in enger Kooperation mit den künftigen Nutzern "Fliegen" als Leitthema gestellt. Allerdings nicht aufdringlich-plakativ, dafür umso dezenter und wirkungsvoller. Das hängt zum einen mit der Geschichte des Gebäudes als Flugplatz-Leitstelle zusammen, aber auch mit dem Bedürfnis junger Leser ihre Gedanken fliegen zu lassen, erklärt Aat Vos.

Aufs Fliegen bezieht sich auch eine von der Decke hängende Hülle eines Ballons. Auf dem Boden darunter liegen Kissen als Aufenthaltsfläche für Kinder. Die Ballonhülle kann herunter gelassen werden, wenn die Kinder sich etwas zurückziehen wollen. Umrandet wird die Fläche von einem transparenten Holzzaun, der es Elten gestattet, von außerhalb ihre Kinder im Blick zu behalten. An diesem Beispiel lässt sich gut erkennen, wie vielschichtig die Ideen hinter vermeintlich nur dekorativen Einrichtungsgegenständen sind.

Im Untergeschoss der Bibliothek ist ein eigens angefertigtes UFO als originelles Sitzmöbel gelandet.
Im Untergeschoss der Bibliothek ist ein eigens angefertigtes UFO als originelles Sitzmöbel gelandet. Foto: Johannes Kiefer

Platz nehmen im UFO

Entstanden sind die vielen Ideen in einem sogenannten "Design Thinking"-Prozess. Dabei wurden vom Büchereipersonal während der Planungsphase die Bedürfnisse und Erwartungen der Büchereinutzer abgefragt und soweit wie möglich umgesetzt. So können die Besucher sich in Gruppen zusammenzusetzen, aber auch individuelle Rückzugsflächen nutzen. Sie können in Ruhe und in gemütlichem Ambiente lesen, sich an der Kaffeebar treffen oder in einem UFO Platz nehmen. Und dies täglich bis zum späten Abend, denn die Bücherei ist bis 22 Uhr geöffnet.   

Oberbürgermeister Chistian Schuchardt appellierte an die künftigen Bibliotheksgäste, von den  zahlreichen neuen Angeboten ausgiebig Gebrauch zu machen. Die neue Bibliothek sei ein Ort der Begegnung, des Bildung, der Erlebnisse, des Selbermachens und somit ein Ort der Demokratie für alle Alters- und Gesellschaftsgruppen. Deshalb sollen die Besucher auch selbst mitbestimmen, was in der Bibliothek in Zukunft geschieht. Sein Ziel sei es, in den nächsten Jahren sowohl die Zentralbibliothek im Falkenhaus als auch die Stadtteilbüchereien in "Dritte Orte" umzuwandeln. 

Kulturreferent: Innovativste Bibliothek Deutschlands

Kulturreferent Achim Könneke bezeichnete die neue 400 Quadratmeter große Bibliothek als "die schönste und innovativste in Deutschland". An ihr könne man die Bibliotheksentwicklung im 21. Jahrhundert ablesen. Das leben in den Städten habe sich verändert, weshalb sich auch die kulturellen Institutionen verändern, um den Bedürfnissen gerecht zu werden und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Die neue Hubland-Bücherei habe den Anspruch ein "Labor für soziale Gerechtigkeit" zu sein. Aat Vos erläuterte, bei der Konzeption ganz bewusst darauf geachtet zu haben, dass nicht der Eindruck von Perfektion entsteht. "Wenn es weniger perfekt ist, fällt es leichter sich zu Hause zu fühlen und es wird dann auch leichter, neue Ideen zu entwickeln". Früher seien Architekten oft nach dem Motto "Wir wissen schon alles vorher" aufgetreten. Er hingegen versuche, die Benutzer zu verstehen und danach die Einrichtung zu konzipieren. 

Schnell ergriffen die zahlreichen Eröffnungsbesucher von der neuen Bibliothek im ehemaligen Tower Besitz.
Schnell ergriffen die zahlreichen Eröffnungsbesucher von der neuen Bibliothek im ehemaligen Tower Besitz. Foto: Johannes Kiefer

In dieser neuen Bücherei stünden die Menschen im Vordergrund und nicht die Bücher, hatte Büchereileiterin Anja Flicker schon im Vorfeld der Eröffnung gegenüber dieser Redaktion erläutert. Sie dankte vor allem ihrem engagierten Team dafür, dass trotz des aufwändigen dreijährigen Prozesses für die neue Bibliothek, der reguläre Betrieb im Falkenhaus und den vier Stadtteilbibliotheken reibungslos und vollständig weitergelaufen sei.

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