Würzburg

Wie eine Sekretärin der Patrona Franconiae das Gesicht gab

Eine Würzburger Brückenfigur hatte bei Kriegsende 1945 ihren Kopf verloren. Um die Statue wiederherzustellen, griff der Bildhauer zu einer pragmatischen Lösung.
Dirk Eujen weiß: Diese Patrona Franconiae war nach dem Zweiten Weltkrieg für einige Zeit kopflos. Foto: Eva-Maria Bast

Diese Patrona Franconiae ist gar nicht die Patrona Franconiae. Genauer gesagt: Sie hat nicht ihr Gesicht. Ihr Kopf ist mehr als 200 Jahre jünger als ihr 1725 aufgestellter Körper – und ein Stein gewordenes Abbild der Frau, die nach dem Zweiten Weltkrieg im Mainfränkischen Museum das Sekretariat schmiss. Wie es dazu kam, kann Dirk Eujen, profunder Würzburg-Kenner, erzählen: „In den Kriegswirren, vielleicht aber auch am Ende des Kriegs mit dem Einmarsch der Amerikaner, kam der Figur der Kopf abhanden, vermutlich durch Beschuss. Er fiel in den Main und tauchte trotz intensiver Suche nicht wieder auf.“

Das war 1947 sogar dem Nachrichtenmagazin "Spiegel" einen Bericht wert: „Die steinerne Frau (…)  verlor in den Kriegswirren ihren Kopf, und die Flußgötter des Maines gaben ihn nicht wieder her. Nun hat Georg Schneider der Frankonia den Kopf wieder zurechtgemeißelt und zurechtgesetzt.“ Jener Georg Schneider war, wie der "Spiegel" schreibt, „ein graugelockter alter Herr von jugendlicher Rüstigkeit“. Dem Bildhauer oblag die Aufgabe, die vielen „steinernen Flüchtlinge“, also die Madonnenfiguren, die den Krieg nur beschadet überstanden hatten, zu restaurieren, bevor man sie „zurückführen kann in die laute Welt“. Und deshalb war er, so der Autor, „stets von außerordentlich schönen, aber keineswegs leichten Frauen umgeben“.

Eine Fotografie half nicht wirklich weiter 

Eine dieser Damen war allerdings keine Madonna, sondern die kopflos gewordene weltliche Patronin Frankens. „Eigentlich sollte er ihr Gesicht anhand einer Fotografie rekapitulieren, aber er hatte Schwierigkeiten, die Zweidimensionalität in die Dreidimensionalität zu übertragen“, sagt Eujen. „Also musste ein anderes Modell her. Wie mir berichtet wurde, klagte er sein Leid dem ersten Nachkriegsdirektor des Mainfränkischen Museums, Max Hermann von Freeden. Und der sagte: ,Dann nehmen Sie doch meine Sekretärin.‘“

Laut "Spiegel" kam der Bildhauer selbst auf die Idee: Schneider, verzweifelt auf der Suche nach einem passenden Gesicht, sei sich eines Tages „erfreut durch das graue Gelock“ gefahren und habe „dem Fräulein, dem er Tag für Tag seine Korrespondenz diktiert“, ins Gesicht gestarrt. Dieses Fräulein hieß Annemarie Probst. Vermutlich hatte er ihr seine Briefe diktiert, weil man den Madonnen „in der Marienfeste jenseits des Maines eine vorläufige Unterkunft zugewiesen“ hatte, also dort, wo auch das Museum seinen Sitz hat. Der Journalist beschreibt anschaulich, was dann weiter geschah: „Der alte Herr bog dem an der Schreibmaschine sitzenden Fräulein den Kopf in den Nacken und rief ‚Sehn’s, Sie ham ja des Köpfl‘. So hat er also das Würzburger ‚Mädle‘ für die Frankonia konterfeit.“

Und dieses „Mädle“ schaut nun Tag für Tag von der Alten Mainbrücke aus in den Würzburger Himmel – derweil sich um ihren mehr als 200 Jahre älteren Körper die Brückenschoppentrinker scharen und sich in die barocken Falten ihres Gewandes schmiegen.

Text: Eva-Maria Bast

Der Text stammt aus dem Buch "Würzburger Geheimnisse - Band 2" von Eva-Maria Bast, das in Kooperation mit der Main-Post entstand und soeben erschienen ist. 

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