GREUSSENHEIM

Wie kommt der Kleber in die Tube?

Gluetec: Das Greußenheimer Unternehmen hat sich auf Klebstoffe aller Art spezialisiert. Vor allem aber auf deren Verpackungen.
Gluetec hat sich auch auf die Etikettierung seiner rund 1000 verschiedenen Gebinde spezialisiert. Foto: Gluetec

Michael Berlin ist bei Gluetec in Greußenheim der Spezialist für das Abfüllen von Sekundenklebstoffen. Seit 2004 arbeitet der 42-jährige Leinacher im Unternehmen – und ist damit einer der dienstältesten Mitarbeiter.

Am Hauptsitz wird unter anderem hochwertiger Sekundenklebstoff mittels Spezialmaschinen von großen Fässern in kleine Fläschchen abgefüllt. Das entscheidende Wort, das Berlin in diesem Zusammenhang in den Mund nimmt, ist: Viskosität.

Sie bezeichnet die Zähflüssigkeit von Flüssigkeiten und Fluiden. „Je größer die Viskosität, desto dickflüssiger ist der Klebstoff. Das muss man berücksichtigen, wenn man ihn abfüllt. Denn dann braucht die Maschine einfach mehr Zeit, um ihn durch die Schläuche zu schieben“, erklärt Michael Berlin.

Lebensmittelriese gibt Flüssigdübel in Auftrag

Klebstoffe, Dichtstoffe und Aerosole (Sprays) aller Art, zahlenmäßig um die 150, in 1000 verschiedene Gebinde abzufüllen, ist eines der fünf Geschäftsfelder von Gluetec. „Zum weit überwiegenden Teil passiert das an unserem polnischen Standort“, erklärt Dr. Marco Holst, seit diesem Jahr einer der drei Geschäftsführer des Familienbetriebs. 20 Jahre ist die Firma in ihrer ursprünglichen Form nun schon am Markt.

Gründer ist Seniorchef Wilhelm Kopp; im Jahr 2000 stieg auch seine Tochter Christine mit einer eigenen Gründung (Gluetec) ins Klebstoffgeschäft mit ein. Beide Firmen sind längst miteinander verschmolzen – und zwei weitere Standorte hinzugekommen, darunter eine Niederlassung in Czestochowa, einem schlesischen Wallfahrtsort nördlich von Kattowitz.

„Dort ist kürzlich der von den Stückzahlen mit Abstand größte Auftrag der Unternehmensgeschichte über die Bühne gegangen“, freut sich Holst.

Ein großer deutscher Lebensmittelriese aus Neckarsulm hat in Kürze unter seiner Eigenmarke einen Flüssigdübel im Angebot – und zwar in fast allen seinen europäischen Märkten. „Dieses Produkt stammt komplett aus unserem Haus – angefangen von der Klebstoffspritze mit dem bei uns abgefüllten Inhalt über die Etiketten bis hin zur Verpackung.“

Insgesamt 260 000 solcher Flüssigdübel hat Gluetec ausgeliefert. „Wenn es gut läuft, dann sind sie binnen kürzester Zeit vergriffen.“ Ein Folgeauftrag wäre dann nicht ausgeschlossen. Prinzipiell hat sich Gluetec mit seinen eigenen Marken auf hochwertige, professionell eingesetzte Klebstoffe spezialisiert, die händisch angewendet und nicht maschinell aufgetragen werden.

Praxistaugliche Gebinde

Die Klebstoffe selbst, aber auch die angebotenen Aerosole und Dichtstoffe werden nicht von Gluetec, sondern von Zulieferern aus aller Welt hergestellt. „Wir sehen uns als hochspezialisierten und umfangreichen Anbieter von Klebstofflösungen. Bildlich gesehen stehen wir direkt hinter den Fässern großer Chemiekonzerne und Klebstoffhersteller. Wir füllen den Inhalt in praxistaugliche, teils kindergesicherte Gebinde mit individuellem Design et cetera und liefern das Produkt fertig konfektioniert an unsere Kunden“, erläutert Holst.

Die Klebstoffe sind so vielfältig, wie es unterschiedliche Anwendungsgebiete gibt. Das Brot-und-Butter-Geschäft der Greußenheimer sind Klebstoffe, die in klassischen Branchen, beispielsweise im Maschinen- und Anlagenbau oder der Elektrotechnik, dem (Bau-)Handwerk und Handel zum Einsatz kommen. Zukunfts- und ziemlich sicher auch volumenstarke Felder, die Gluetec zunehmend bespielen möchte, sind große und teure Fortbewegungsmittel. „Im Bootsbau sind wir bereits angekommen, mit einer eigenen Marke namens WIKO Marine“, sagt der promovierte Chemiker Holst.

Stets passende Lösungen

„Stellen Sie sich vor, an Bord einer Yacht muss Schiffsparkett verklebt und verfugt werden. Dies gelingt aufgrund der vielfältigen Anforderungen wie Wetterschutz, Wasserverträglichkeit oder barfüßiges Begehen nur mit einem ausgeklügelten Klebesystem.“ Auch für die Auskleidung von Zugwaggons hat Gluetec passende Lösungen im Repertoire. Um weitere internationale Märkte zu erschließen und neue Kunden im Schienenfahrzeugbau zu gewinnen, waren die Greußenheimer kürzlich auf der Iran Rail Expo 2017 in Teheran vertreten.

„Die Internationalität ist ein ganz wichtiger Faktor. Wir sind in letzter Zeit sehr stark gewachsen, nun müssen wir unsere Organisation und die Prozesse nachziehen“, betont Holst. Es gibt fast keine europäischen Länder, die Gluetec noch nicht mit Klebstoffen beliefert hat. Hinzu kommen Russland und die Türkei. Ein Schwerpunkt liegt auf den osteuropäischen Staaten. „Deshalb haben wir schon vor längerem einen Vertriebsstandort in Slowenien eröffnet, den wir kürzlich noch einmal vergrößert haben.“ Das Land sei wirtschaftspolitisch stabil und räumlich nahe an den anderen ehemaligen Ostblockstaaten dran. „Der beste Markt neben Deutschland ist allerdings Polen. Vor allem unsere Hausmarke WIKO läuft dort besonders gut“, weiß Holst.

Modernste Abfüllanlage in Polen

Sie geht auf den Gründer Wilhelm Kopp zurück, der WIKO 1997 zusammen mit seiner Frau in seinem Einfamilienhaus in Kirchheim ins Leben gerufen hat. Heute steht am polnischen Standort die modernste Abfüllanlage für Zwei-Komponentenklebstoffe in ganz Europa. Allein an diesem Vollautomaten schaffe man im Jahr acht Millionen Stück, also beispielsweise mit Klebstoff gefüllte und fertig etikettierte Kartuschen, so Holst. „Durch die Spezialisierung, das Serviceangebot und die mittelständische Größe können wir auch für die großen Chemiekonzerne ein verlässlicher und flexibler Partner sein.“

Der Klebstoffexperte aus dem Landkreis Würzburg, er ist auf Expansionskurs. Im vergangenen Jahr lag der Umsatz bei knapp unter zehn Millionen Euro, davon 43 Prozent im Ausland; 2017 soll er auf 13 Millionen springen, wohlgemerkt ganz ohne Zukäufe. „Wir sind zur Jahresmitte genau im Plan“, bemerkt Holst: „Die Branche wächst insgesamt schon seit Jahren überdurchschnittlich. Doch Zuwächse zwischen 20 und 30 Prozent sind natürlich schon außergewöhnlich. Das birgt auch gewisse Risiken, denen wir uns stellen müssen.“

In Greußenheim klebt, um im Bilde zu bleiben, das Herzstück des Unternehmens: hier sitzt der Vertrieb, die Anwendungstechnik für Klebstofflösungen, das Qualitäts- und Prüflabor, das Designstudio, Marketing und nicht zuletzt die Geschäftsleitung.

Michael Holst, ein gebürtiger Hamburger und durch seine vorherigen Stationen ein Kenner der Branche, schaut zusammen mit Vater und Tochter Kopp auch über den Tellerrand hinaus – beispielsweise was die Entwicklung umweltverträglicher Verpackungen angeht.

Oder, um es mit den Worten von Firmenchefin Christine Kopp auszudrücken: „Wir verstehen uns seit jeher als ganzheitlicher Lösungsanbieter. Das fängt beim passenden Klebstoff an und hört bei der Verpackung nicht auf.“

Infobox

Firma: Gluetec Industrieklebstoffe GmbH & Co. KG

Standort: Am Biotop 8a, 97259 Greußenheim

Weitere Standorte: Polen (Czestochowa), Slowenien (Murska Sobota).

Gründungsjahr: 1997

Mitarbeiterzahl: 63

Umsatz: Zirka zehn Millionen Euro (2016)

Hauptleistungen: Klebstoffe, Dichtstoffe und Aerosole (Sprays), (Lohn-)Abfüllung, Verpackungstechnik, Produktdesign, Konfektionierung.

Geschäftsführung: Christine Kopp (Vorsitz), Dr. Marco Holst und Wilhelm Kopp (Seniorchef).

Homepage: www.gluetec-industrieklebstoffe.de

Die Geschäftsführung von Gluetec hat sich Anfang dieses Jahres vergrößert (von links): Dr. Marco Holst, Christine Kopp u... Foto: Gluetec
In Polen wurde in die modernste Abfüllanlage für Zwei-Komponentenklebstoffe investiert. Allein an diesem Vollautomaten k... Foto: Gluetec
Und noch eine hoch technisierte Anlage: Das Bild zeigt einen Vorgang beim Abfüllen von Kartuschen. Foto: Gluetec

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