Würzburg

Wie sich Jugendliche durch Fake News radikalisieren

Anlässlich des Präventionsfachtages gegen Radikalisierung von Stadt und Landkreis Würzburg sprachen wir mit Sebastian Zollner, Bildungsreferent vom Bezirksjugendring Unterfranken, über Hass, Fake News und Propaganda im Internet. Foto: Silvia Gralla

Von vorneherein verhindern, dass Jugendliche in die Fänge extremistischer Ideologien geraten, dies hat sich das Präventionsnetzwerk Radikalisierung von Stadt und Landkreis Würzburg zum Ziel gesetzt. Bei der diesjährigen Tagung von Pädagogen und Sozialarbeitern ging es um das Thema Hass, Radikalisierung und Fake News in digitalen Medien. Wie ködern Extremisten Jugendliche mit Falschnachrichten im Netz? Sebastian Zollner, Bildungsreferent beim Bezirksjugendring Unterfranken und Sprachwissenschaftler an der Universität Greifswald, antwortet im Interview.

Ist jede Falschmeldung eine Fake News?

Zollner: Nein. Fake News zeichnen sich durch Unwahrheit, Absicht, Manipulation und Imitation aus. Wir Sprachwissenschaftler sprechen von Fake News, wenn eine Nachricht falsch ist, dahinter die Absicht steckt, jemanden zu manipulieren und sie in ihrer Schreibweise und ihrem Aussehen eine echte Nachricht, wie wir sie von klassischen Medien kennen, imitiert und damit Anspruch auf Wahrheit erhebt.

Steckt hinter jeder Fake News eine politische Absicht?

Zollner: Fakten sind nie neutral. Sie werden immer von inhaltlichen Rahmen und grammatikalischen Strukturen begleitet. Ist das Glas halb leer oder halb voll? Dieser Zustand kann von der einen oder der anderen Seite beschrieben werden. Je nachdem wird eine eher negative oder positive Haltung vermittelt. Wir beobachten aber auch organisierte Gruppen, die Falschnachrichten am Fließband zu einem bestimmten Zweck produzieren: Fake News und Propaganda sind eng verwandt.

Ein Beispiel, bitte!

Zollner: In meinen Workshops gab es aufgeregte Debatten über Mesut Özils Rücktritt aus der Nationalmannschaft. Es kursierten Fake News, die sich darum rankten, dass er sowieso kein richtiger Deutscher gewesen sei und er gar nicht für Deutschland hätte spielen dürfen. Bilder gefälschter Dokumente tauchten bei Instagram auf. Auch Bilder vermüllter Plätze, die angeblich nach Demos von Klimaaktivisten aufgenommen wurden, tatsächlich aber woanders entstanden.

Eine reale Situation, aber falsch interpretiert, ist das die übliche Machart von Fake News?

Zollner: Ja, Ausgangspunkt ist oft ein Bild, eine Nachricht oder ein Zitat, das es tatsächlich gibt. Es wird so aufgebauscht, verfälscht, in einen anderen Zusammenhang gestellt oder mit etwas Neuem kombiniert, bis es den eigenen Zielen genügt. Alte Nachrichten werden wiederbelebt, weil viele Leser nicht aufs Datum schauen: Mit der Intention, die eigenen Anhänger zu mobilisieren oder über angebliche Verschwörungen aufzuklären. 

Wie das Foto, das suggerieren sollte, in Ungarn werde gerade ein Zug von Flüchtlingen gestürmt. Tatsächlich zeigte das Bild einen überfüllten Zug in Indien.

Zollner: Das ist die klassische Strategie: Ich nehme etwas, das es bereits gibt, verpasse ihm eine neue Überschrift und bekomme, wenn ich es emotionalisierend gestalte, empörtes Feedback. So kann ich meine Reichweite in den sozialen Medien sehr schnell steigern, weil die Algorithmen eine Nachricht, die als Reaktion Wut, Hass oder Zuneigung beim Leser erzeugt, häufiger angezeigt wird. 

Das heißt, Jugendlichen, die auf Youtube Fans von Greta Thunberg sind, werden automatisch auch Fake News über Greta Thunberg angezeigt, weil diese Videos den gleichen Algorithmen unterliegen?

Zollner: Ganz genau. Extremisten versuchen Jugendliche, die sich selbst finden, zu ködern. Fragen Jugendliche bei Google etwa "Was ist Liebe?", "Wie kleide ich mich richtig?" oder "Wie finde ich meinen politischen Standpunkt?", gibt es Leute, die eine entsprechende Antwort parat haben.

Was ist daran schlimm?

Zollner: Die Identitäre Bewegung etwa, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird, betreibt ein Netzwerk "patriotischer Gruppen" auf dem Messenger-Dienst Telegram. Ihre Hauptpersonen präsentieren sich als Anführer mit Weisheit und Durchblick, die eine Art selbst auferlegten "Informationskrieg" führen. 

Ist den Abonnenten nicht klar, wem sie da folgen?

Zollner: Die Betreiber dieser Kanäle passen sich den Rezeptionsgewohnheiten der Nutzer sozialer Medien an. Viele Infos, die geteilt werden, enthalten Anspielungen auf bekannte Filme oder Serien. Sie werden vom Empfänger nicht unbedingt als problematisch eingestuft. Ein Beispiel sind "Memes" oder "Sharepics". Das sind Bilder, die sich, mit emotionalen Texten kombiniert, wie ein Lauffeuer verbreiten.

Glauben die Abonnenten diese Nachrichten?

Zollner: Dazu forsche ich. Fakt ist: Unser Leben findet immer mehr im Internet statt. Die analoge und die digitale Welt greifen ineinander. Auf einschlägigen Demonstrationen wird auf alternative Medien verwiesen und umgekehrt. Bin ich erst einmal Mitglied in einer solchen Gruppe, steht neben der Nachricht meiner Kinder die nächste Falschmeldung. Die tausendfache monotone Beschallung mit News, die meist nicht strafrechtlich relevant sind, aber alle das gleiche Weltbild bestätigen, integriert sich in meine tägliche Smartphone-Nutzung.

Wie kann ich Fake News erkennen?

Zollner: Oft reicht es schon, das Thema zu googeln und bei seriösen Quellen nachzulesen. Es gibt Faktenchecker oder etwa die Hoax-Map, eine Landkarte, auf der Falschmeldungen, die von ortsansässigen Medien überprüft wurden, gesammelt werden.

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