WÜRZBURG

Wildromantisches Paradies im Stadtgebiet

Als Dirk Schramm aufgrund einer chronischen Erkrankung nicht mehr arbeiten konnte, suchte er in Würzburg nach einer Organisation, die spannende Aufgaben für Ehrenamtliche zu bieten hat. Zufällig stieß er auf die Kinder- und Jugendfarm in der Leistenstraße. Die begeisterte ihn, denn hier kann man gleichzeitig handwerklich kreativ sein, mit Kindern und mit Tieren arbeiten. „Seit 2011 komme ich jede Woche ein- bis zweimal hierher, um mitzuhelfen“, sagt der 47-Jährige, der an Epilepsie leidet.

Die von einem Verein getragene Kinder- und Jugendfarm ist eine ganz besondere Einrichtung für Jungen und Mädchen aus Würzburg und dem Umkreis. Es gibt zwar ein pädagogisches Konzept, aber keines, das die Kinder in irgendeiner Weise zu spüren bekämen. An jenen Nachmittagen, an denen sie nach der Schule die Farm besuchen, sind sie vollkommen frei. Sie können Hütten bauen. Ein Lagerfeuer entfachen. Den lehmigen Hang erklimmen und herunterrutschen. Mithelfen, einen Lehmofen zu errichten. Mit Naturmaterialien experimentieren. Ponys, Ziegen, Esel oder Kaninchen streicheln. Den Hühnern beim Brüten zusehen. Oder im nahen Bach waten.

Die Farm ist für Dirk Schramm ein kleines, wildromantisches Paradies mitten im Würzburger Stadtgebiet. Für Kinder kann es seiner Ansicht nach kaum etwas Schöneres geben, als sich hier zu tummeln. Die Einrichtung mit ihrem weitläufigen Gelände in Gang zu halten, das allerdings bedeutet für Farmleiter Axel Demmel und seine beiden hauptamtlichen Kollegen eine Menge Arbeit. „Gerade die Ehrenamtlichen tragen dazu bei, dass die Farm lebendig bleibt“, sagt der gelernte Zimmermann.

Wie sie sich einbringen, das steht den Volunteers frei. Je nach Neigung und Fähigkeiten bereichern die derzeit sechs Ehrenamtlichen das Farmleben auf ihre individuelle Weise. Die einen lieben es, zu kochen. Andere finden es schön, die Tiere zu füttern. Was sie verlässlich im Sommer wie im Winter tun. Wieder andere kümmern sich darum, dass die Ställe immer in Schuss sind.

Während Dirk Schramm den Kindern gern beim Hüttenbauen zur Seite steht, hat Monika Angst ein Auge für Jungen und Mädchen mit besonderen Bedürfnissen. Die Freiwillige, die seit Dezember 2013 auf der Farm mithilft, arbeitet in Teilzeit als Integrationsfachkraft in einem Kindergarten. Sie kennt sich also bestens aus mit Kindern, die ein körperliches, geistiges oder seelisches Handicap haben. Gerade diese Kinder sollen laut Demmel in Zukunft noch besser ins Farmleben eingebunden werden. Diese Intention macht Monika Angst zu einem wertvollen Mitglied im Freiwilligenteam.

„Manche Kinder kommen auf die Farm, stehen da und wissen gar nicht, was sie tun sollen“, schildert die Pädagogin, die lange in einem Bergbauerndorf im Allgäu lebte. Dann geht sie nicht einfach auf das Kind zu und gibt Tipps wie: Geh doch mal zu den Hühnern. Oder: Schau mal, wie die anderen Kinder Hütten bauen. Monika Angst fragt vielmehr: „Wohin zieht es dich denn?“ Schließlich sollen die Kinder eigene Ideen entwickeln.

Genau das sind viele gar nicht mehr gewohnt. Sie leben nach einem eng getakteten Zeitplan. Erwachsene kümmern sich sowohl in der Schule aus auch in der Freizeit darum, dass bloß nie Leerlauf entsteht. Diese Kinder müssen erst allmählich wieder schätzen lernen, was es bedeutet, ganz frei nach Gusto zu entscheiden, worauf man jetzt im Moment Lust hat.

Für Tanja Hartinger ist diese Freiheit faszinierend. Auf der Farm, findet die 21-Jährige, die sich an der Würzburger Hochschule zur Vermessungsingenieurin ausbilden lässt, erleben Kinder die Welt mit allen Sinnen. Sie selbst empfindet es als schönen Ausgleich, neben ihrem oft sehr theoretischen Studium einmal in der Woche auf der Farm mitzuhelfen. Seit einem Jahr gehört die gebürtige Regensburgerin dem Ehrenamtsteam an.

Wenige Monate vor ihr begann Clara Habben, sich auf der Farm einzubringen. Habben ist ebenfalls 21 Jahre alt. Sie studiert in Würzburg Soziale Arbeit. Auf der Farm mit den Kindern zusammen zu sein und in deren Fantasiewelt einzutauchen, erlebt sie als beglückend. „Neulich suchte ich mit einem Jungen im Bach nach Fossilien“, erzählt sie. Was immer das Kind als Fossil identifizierte, nahmen die beiden aufs Farmgelände. Mit Hammer und Meißel wurden die „Fossilien“ vorsichtig freigelegt und ausgestellt.

Was die Farm alles zu bieten hat, wird das Team beim Sommerfest am 11. August ab 14 Uhr unter dem Motto „Willkommen in der Märchenwelt“ präsentieren. Dann können sich auch Menschen, die Lust auf ein Ehrenamt haben, über das Farmleben informieren. Vor allem Männer und Frauen mit handwerklichem Geschick sind stets hochwillkommen, denn es gibt auf dem weitläufigen Gelände ständig etwas zu reparieren.

Um das Thema „Inklusion“ voranzubringen, sind Ehrenamtliche erwünscht, die gern mit Kindern mit Handicap arbeiten. Aber auch Computerfreaks werden gesucht, so Demmel: „Denn wir hätten gern einen Facebook-Auftritt.“

Geöffnet ist die Farm dienstags bis freitags von 14 bis 18 Uhr und samstags von 10 bis 15 Uhr. In den Ferien können Kinder die Farm an jedem Werktag zwischen 10 und 16 Uhr besuchen. Der Tageseintritt kostet pro Kind 2 Euro.

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