WÜRZBURG

Wildwasser-Therapeutin: "Dann ist das wie ein Überfall"

Elisabeth Kirchner
Die Sex-Attacken in Köln und anderen Städten an Silvester schocken auch sie: Elisabeth Kirchner vom Verein Wildwasser in Würzburg. Foto: Thomas Obermeier

Was in der Silvesternacht in Köln und Hamburg passiert ist, ist erschreckend. Im Kern stehen dabei mutmaßliche Fälle sexueller Gewalt. Beim Würzburger Verein Wildwasser betreut die Psychologische Psychotherapeutin Elisabeth Kirchner Frauen, die Gewalt zum Opfer gefallen sind. Sie zeigt sich erschrocken über die Vorfälle, vermisst in der Debatte aber die Sicht der Opfer.

Frage: Frau Kirchner, Sie arbeiten täglich mit Frauen, die Opfer von Gewalt geworden sind. Wie schätzen Sie die Vorfälle in Köln und Hamburg ein?

Elisabeth Kirchner: Wir finden eine Sache besonders erschreckend: Wenn sich bewahrheitet, dass sich dort Täter zu sexueller Gewalt im öffentlichen Raum verabredet haben, dann ist das eine Dimension, die das Bisherige übersteigt. So etwas war mir bislang nicht bekannt. Aber es gibt natürlich immer wieder Belästigungen, wenn man an das Oktoberfest oder an Kiliani denkt. In jeder Disco ist das so – wo Menschen zusammen und betrunken sind, da finden sexuelle Übergriffe statt.

Ist diese neue Dimension auch der Grund dafür, wieso die Empörung in diesem Fall im Gegensatz zu Übergriffen auf Volksfesten so groß ist?

Kirchner: Auf Volksfesten werden die Übergriffe zum Teil als Einzelfälle betrachtet, obwohl das natürlich keine Einzelfälle sind. Außerdem heißt es immer wieder, dass man damit rechnen müsse, wenn man feiern geht, was natürlich überhaupt nicht so ist. Die Verantwortung liegt immer bei dem, der die Grenze überschreitet. Aber darüber hinaus sind solche Übergriffe wohl auch ein Stück weit alltäglich.

Machen die aktuellen Vorfälle aufmerksam auf diese alltägliche sexuelle Gewalt oder lenken sie eher ab?

Kirchner: Ich habe da bisher beide Seiten gehört. Auf der einen Seite wird sofort eine Schublade geöffnet: „Das sind jetzt die Flüchtlinge, die kommen und unsere Frauen missbrauchen.“ Das lenkt natürlich vom eigentlichen Problem ab. Auf der anderen Seite macht diese außergewöhnliche Art der Übergriffe sicherlich darauf aufmerksam. Da sind viele erschrocken. So haben die Vorfälle dazu geführt, dass beim Kölner Karneval neue Maßnahmen ergriffen werden sollen, um Frauen besser zu schützen. Damit hat man das Problem ernst genommen.

Viele sind aber auch darüber erschrocken, dass die Übergriffe nun zum Beispiel gegen Flüchtlinge instrumentalisiert werden. Wie denken Sie darüber?

Kirchner: Das ist eine Gefahr. Deshalb finde ich es überaus wichtig, dass vor allem die Medien das Thema jetzt sachlich aufgreifen und nicht noch Öl ins Feuer gießen. Man muss die Vorfälle und die Reaktionen darauf differenziert betrachten und die verschiedenen Seiten beleuchten.

Alice Schwarzer beispielsweise hat von den „Folgen der falschen Toleranz“ gesprochen.

Kirchner: Alice Schwarzer vertritt schon lange die Meinung, dass Migranten zu sehr in Schutz genommen werden und dass die Gewalt, die von ihnen ausgeht, nicht gesehen wird. Das halte ich für äußerst problematisch, weil sie damit sehr einseitig argumentiert. Aber sie hat natürlich Recht damit, dass die Menschen aus einer anderen Kultur kommen und erst mal ankommen und lernen müssen, dass Frauen hier andere Rechte haben.

Die Debatte kreist stark um diese politischen Aspekte. Was bedeuten die Übergriffe aber für die Frauen, die Opfer von Gewalt wurden?

Kirchner: Ich weiß natürlich nicht, wie es den einzelnen Frauen in den Städten geht, aber wenn man sexuelle Gewalt in einer Situation erlebt, in der man überhaupt nicht damit rechnet, dann ist das wie ein Überfall. Auch Übergriffe, die von außen betrachtet nicht so gravierend waren, können Frauen dabei komplett aus der Bahn werfen. Junge Menschen haben Silvester gefeiert, waren gut drauf und dann mitten in der Menge werden sie plötzlich – teilweise von mehreren Männern – sexuell belästigt. Die Situation, ausgeliefert und hilflos in der Menge zu sein, kann eine große Belastung für Frauen bedeuten. Das beeinträchtigt sie teilweise über Monate in ihrem Alltag und in ihrem Umgang mit anderen Menschen.

Inwiefern spielt es eine Rolle, dass die Übergriffe mitten in der Menge stattgefunden haben?

Kirchner: Man denkt eigentlich, so eine Menge schützt in gewisser Weise. Man ist nicht alleine im dunklen Park unterwegs, sondern es ist alles hell erleuchtet, überall sind Menschen und dann passiert es trotzdem. Das kann ein irreales Gefühl zur Folge haben. Opfer fragen sich, ob das alles überhaupt passiert ist. Es kommt ihnen vor wie eine verrückte Fantasie, weil das in so einer Situation eigentlich nicht sein kann.

Die Anzeigen sind in Köln und auch in Hamburg erst mit etwas Verzögerung rapide angestiegen. Wie erklären Sie sich das?

Kirchner: Da kann die öffentliche Debatte Mut machen. Wenn betroffene Frauen mitbekommen, dass das ernst genommen wird, trauen sie sich eher. Denn in der Vergangenheit mussten Frauen, die angezeigt haben, oft damit rechnen, dass ihnen nicht geglaubt wurde. Außerdem ist so eine Anzeige eine Tortur: Man muss bei der Polizei im Detail erzählen, was passiert ist. Frauen wollen oft einfach nichts mehr damit zu tun haben. Denn oft schämen sie sich oder suchen die Schuld bei sich. Wenn jetzt aber eine Öffentlichkeit und eine Empörung da ist, fühlen sich die Frauen ernst genommen.

Welche Schlüsse ziehen Sie aus den Ereignissen und den Reaktionen für Ihre Arbeit?

Kirchner: Es ist wichtig, dass die sexuelle Gewalt in der Öffentlichkeit wieder zum Thema wird. Denn es passiert sehr viel im Verborgenen. Und da ist es – auch wenn es verrückt klingt – positiv, dass sich Gesellschaft und Politik angesichts der Vorfälle Gedanken machen, wie man Frauen besser schützen kann. Wobei ich betonen möchte, dass die Prävention nicht sein kann, dass sich Frauen verteidigen und Abstand halten müssen.

Sie unterstützen also nicht die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, die vorschlug, Frauen sollten immer eine Armlänge Abstand halten?

Kirchner: Natürlich ist es gut, wenn Frauen Selbstverteidigungskurse besuchen. Die Botschaft darf aber nicht sein, dass Mädchen und Frauen selbst auf sich aufpassen müssen und wenn sie es nicht tun, sind sie selbst schuld. Ich muss mich als Frau frei bewegen können, ohne Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen.

Elisabeth Kirchner

Die Traumatherapeutin und Psychologische Psychotherapeutin arbeitet seit 1991 in Würzburg bei der Fachberatungsstelle Wildwasser, einem Verein gegen sexuelle Gewalt an Mädchen und Frauen. Dort berät sie in erster Linie Mädchen und Frauen, die Opfer von körperlicher, seelischer oder sexueller Gewalt geworden sind, bietet aber auch Fortbildungen und Vorträge für die Öffentlichkeit an. FOTO: Thomas Obermeier

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