WÜRZBURG

Wildwasser hilft traumatisierten Flüchtlingskindern

Elisabeth Kirchner Foto: Thomas Obermeier

Die Zahl der ankommenden Flüchtlinge in Deutschland und auch in Mainfranken ist weiterhin groß. Viele der Menschen nehmen gefährliche Routen in Kauf, riskieren ihr Leben für ein Leben in Frieden und Freiheit. Doch einige von ihnen, vor allem Kinder und Jugendliche, haben sexualisierte Gewalterfahrung im Herkunftsland oder auf der Flucht erlebt.

Um diesen traumatisierte Flüchtlingskinder zu helfen, startet der Verein Wildwasser in Kooperation mit der World Childhood Foundation, einer Stiftung für hilfsbedürftige Kinder, jetzt ein dreijähriges Projekt. Das stellte der Verein in einer Pressekonferenz vor.

Ziel des Ganzen ist es, die Flüchtlingskinder nach Gewalterfahrungen mental zu stabilisieren sowie vor erneuten Übergriffen zu schützen. „Vor allem junge Mädchen sind schon auf der Flucht sexueller Gewalt ausgesetzt“, sagt Elisabeth Kirchner von Wildwasser. Damit sich die Lebenssituation der betroffenen Kinder verbessert, sollen Personen in deren Umfeld gestärkt werden. Das sind neben den Eltern, ehrenamtliche Helfer, aber auch Behörden, Kita- und Schulpersonal sowie Mitarbeiter der Jugendhilfe und Dolmetscher. Es ist sei jedoch nicht einfach, an die Betroffenen heranzukommen, entgegnet Kirchner. Bei vielen herrsche Unsicherheit, Scham, kulturelle Hemmnisse und vor allem die Angst, welche Folgen auf sie zukommen könnten.

Um die Hürden zu überwinden, sollen Ansprechpartner vor Ort mit Hilfe von Dolmetschern die Jugendlichen und ihre Eltern beraten. Damit das Projekt funktionieren kann, werden die Helfer an Fortbildungskursen teilnehmen, teilt die Fachberatungsstelle mit. Außerdem werden sogenannte Supervisionsgruppen gegründet. Darin können sich Helfer ein- bis zweimal die Woche treffen. Hier können sie Erfahrungen austauschen und Fragen stellen, wie sie den Kindern im Einzelfall gerecht werden können.

Doch wie viele Kinder und Jugendliche, die nach Würzburg kommen, sind tatsächlich Opfer sexueller Gewalt? „Es gibt keine offiziellen Zahlen für den Raum Würzburg“, sagt Elisabeth Kirchner. Beratungsstellen und Nichtregierungsorganisationen gehen jedoch von einer hohen Dunkelziffer aus. Und diese betreffen auch Opfer sexueller Gewalt in Flüchtlingsunterkünften.

Kinder, die bereits Gewalt erfahren mussten, die wenig Selbstbewusstsein haben und ihre Rechte nicht kennen, seien besonders gefährdet. „Man kann von potenziellen Tätern in Flüchtlingsunterkünften ausgehen“, sagt Kirchner. Es sei natürlich nicht fair, alle Helfer unter Generalverdacht zu stellen. Dennoch ist damit zu rechnen, dass es Täter gibt, die sich in den Unterkünften Zugang zu bedürftigen Kindern verschaffen wollen.

Es fehle insgesamt an klaren Regeln, Strukturen und Kontrollen, die Kinder bei der Erstaufnahme oder in Notunterkünften vor sexuellen Übergriffen schützen. Deswegen sollen Schutzkonzepte entwickelt werden. „Wir haben uns bei den Unterkünften Gedanken gemacht, wie ein besserer Schutz gewährleistet werden kann“, sagt Sozialreferentin Hülya Düber bei der Pressekonferenz. Dazu zählen abschließbare Räume für Frauen und Kinder, getrennte Duschmöglichkeiten und Toiletten sowie aufgeteilte Schlafräume.

Die Initiatoren des Projekts sind sich einige, dass die Voraussetzung dafür eine enge Zusammenarbeit mit Hilfsorganisationen und Behörden ist, die bereits in der Flüchtlingshilfe tätig sind. Wichtig, so sagen sie abschließend, werde auch sein, auf kommende Entwicklungen flexibel zu reagieren und Chancen, die sich ergeben, zu nutzen.

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