Würzburg

Wo Tucholsky abstieg und Strauß sich den Arm brach

Es hat eine lange Geschichte, das Gasthaus "Lämmle". Davon zeugen nicht nur Eintragungen in den Gästebüchern, sondern auch ein steinerner Hinweis an einer Hauswand.
Die Bauinschrift verrät, wer dieses Gebäude wann errichten ließ. Foto: Eva-Maria Bast

Eine 1, eine halbe 8, eine 8 und eine nach oben zeigende Zacke – das ergibt in der europäischen Schreibweise des Mittelalters die Jahreszahl 1487. Zu entziffern ist sie am Gebäudekomplex des „Wirtshaus zum Lämmle“. Man läuft geradewegs auf sie zu, wenn man von der Marienkapelle aus die Häfnergasse entlanggeht. Mit einiger Mühe lässt sich auch entziffern, was sonst noch auf der an der Hauswand angebrachten Tafel geschrieben steht: „hat Jost Kolb dißen baw lassen mache“. Jost Kolb hat also 1487 das Haus erbauen lassen.

Die Suche nach diesem Jost Kolb führt ins Stadtarchiv, das mitteilt, ein Jobst Kolb lasse sich im Jahr 1485 als Würzburger Ratsherr nachweisen; 1481 war er Bürgermeister der Stadt. Naheliegend, dass es sich um den gleichen Jost oder Jobst Kolb handelt, der auch das Haus erbauen ließ. Es gehörte ursprünglich zum domkapitelischen Präsenzhof „Zum Elsengarten“. „Merkwürdig, obwohl das Haus so lange im Besitz meiner Familie war, habe ich die Tafel mit der Inschrift nie bemerkt“, sagt Axel Hochrein nachdenklich. Denn auch wenn der Flügel, an dem die Hausinschrift hängt, heute nicht mehr direkt zum „Gasthaus Lämmle“ gehört, war das zu Zeiten, als seine Vorfahren in dem Gebäudekomplex über viele Generationen das Wirtshaus und Hotel führten, noch anders.

Gasthof "Zum Weißen Lamm" 1656 erstmals urkundlich erwähnt

Gut 100 Jahre nachdem Jost oder Jobst Kolb das Haus erbaut hatte, 1594, wurde bereits ein „Gasthaus zum Weißen Lamm“ in Würzburg erwähnt, wie Axel Hochrein recherchiert hat. „Urkundlich wird ein Gasthof zum Weißen Lamm erstmals 1656 genannt.“ Die Familiengeschichte der Hochreins in selbigem beginnt mit Eusebius Philipp Hochrein. Der war zuerst im „Greifensteiner Hof“ als Hausdiener tätig, ehe er Anna Mark heiratete, die Tochter des damaligen Eigentümers vom Weißen Lamm.

„Der Gasthof war eine beliebte Einstellwirtschaft, in der Pferde und Fuhrwerke untergestellt werden konnten. Schon kurz nach vier Uhr morgens kamen die ersten Gäste und stärkten sich mit Kaffee und Frühstück, nachdem sie als Einkäufer bei den Marktbauern ihre Bestellung aufgegeben hatten. Später fuhr dann ein Lohndiener die Ware in die Hotels oder Kaufläden“, erzählt Axel Hochrein. 1925 erfolgte die Umbenennung in „Lämmle“, um von der Gaststätte „Weißes Lamm“ in der Gerberstraße unterschieden werden zu können.

Axel Hochrein vor dem Gasthof, der lange Zeit seiner Familie gehörte. Foto: Eva-Maria Bast

Der Aufschwung von der Einstellwirtschaft zum viel besuchten Weinlokal sei unter Eusebius‘ Sohn Oskar, Axel Hochreins Großvater, passiert, der eine Paula Schmitz geehelicht hatte. Und Paula brachte Erfahrung mit, hatten ihre Eltern doch im Breisgau das Hotel „Römischer Kaiser“ betrieben. „Paula war die Seele des Geschäfts und kümmerte sich um jeden Gast, obwohl sie zwei Söhne, Adolf und Hans, zu erziehen hatte“, erzählt Hochrein. Besonders berühmt seien die Kommunionsfeiern gewesen, die „Frau Paula“ mit viel Mühe ausrichtete: „Vom Tischschmuck bis zum Dankgebet war alles bedacht und wurde Jahr für Jahr variiert. Noch feierlicher ging es bei Hochzeiten zu. War die Trauung in der nahen Marienkapelle, so lag ein dreißig Meter langer roter Läufer vom Nordportal bis zum Hauseingang aus, damit die Hochzeitsgesellschaft an die gedeckte Tafel kam, ohne einen Fuß aufs Pflaster setzen zu müssen“, schildert Axel Hochrein die Mühen seiner Großmutter.

Neue Blüte nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg

Auch Burschenschaften hätten im Hinterzimmer gern ihre Versammlungen abgehalten. Der Zweite Weltkrieg brachte viel Leid: Sohn Adolf kehrte nicht von der Front heim, der Bombenangriff vom 16. März 1945 zerstörte das Anwesen stark – die Familie überlebte im Weinkeller. „Oskar Hochrein erlitt als Brandschutzwart allerdings eine Rauchvergiftung und starb genau ein halbes Jahr später am 16. September 1945“, berichtet Axel Hochrein über das Schicksal seines Großvaters. Seine Witwe Paula baute zusammen mit ihrem Sohn Hans – Axel Hochreins Vater – das Haus wieder auf und verhalf ihm zu neuer Blüte: „In den 1950er-Jahren war es das erste Haus am Platz in Würzburg, wer Rang und Namen hatte, stieg hier ab“, sagt Axel Hochrein, der noch immer das Gästebuch hat, in dem sich auf jeder Seite Prominenz aus Film, Wirtschaft und Politik drängt.

"Wer Rang und Namen hatte, stieg hier ab.“
Axel Hochrein, Nachfahre der früheren Betreiber

Kurt Tucholsky war da, Kronprinz Rupprecht kam am 22. Mai 1947 und aß „Königinsuppe, Goldbarschfilet in Weisweinsoße, Salzkartoffel und Rumpsteak mit Bratkartoffel, Stangenspargel und Kopfsalat und eine Käseplatte“, wie der noch erhaltenen Speisekarte zu entnehmen ist. Magda Schneider, die Mutter von Romy Schneider, stieg hier ab und auch der Bayerische Ministerpräsident Hans Ehard. Winifred Wagner war am 14. und 15. September 1951 zu Gast, Otto von Österreich-Ungarn und seine Frau weilten hier, ihr Kind wurde in Würzburg geboren und im Neumünster getauft. „Das Lämmle hat den Sekt zum Empfang spendiert“, sagt Axel Hochrein.

Ein Komödiant "ergänzte" den Gästebucheintrag von Strauß

Franz Josef Strauß verewigte sich am 16. Juli 1963 ebenfalls im Gästebuch und ließ unter seiner Widmung noch Platz, den der folgende Gast, Komödiant Karl Lorenz, zu nutzen wusste. Er schrieb darunter – in dem Wissen, dass Strauß’ Vater Metzger war: „Wenn sein Vater Ochsen, Kälber, Schweine mit geübten Armen die Axt vors Stirnbein schlug, / ging Franz Josef in sein Zimmer um zu weinen, da sein Zartgefühl den Anblick nicht ertrug. / Erst am Mittag, wenn das Resultat der Schlachtung lieblich in der Pfanne briet, / zeigt er dem Handwerk wieder Achtung, denn gesegnet war Franz Josefs Appetit.“

Übrigens hat Strauß sich im Hochrein’schen Haus den Arm gebrochen: „Er ist in der Badewanne ausgerutscht“, sagt Axel Hochrein. „Das hatte zur Folge, dass die Uniklinik, in der er versorgt wurde, eine neue Ausstattung bekam.“ 1973 verkaufte die Familie das Haus, es folgten mehrere Besitzerwechsel. „Im März 2007 begann eine neue Ära“, sagt Axel Hochrein. Gemütlich einen Schoppen trinken kann man hier nach wie vor. Tut man das draußen, kann man dabei auch noch die Tafel begutachten, die der stolze Erbauer des Hauses vor vielen Jahrhunderten anbringen ließ. Prost, Jost oder Jobst Kolb!

Text: Eva-Maria Bast

Der Text stammt aus dem Buch „Würzburger Geheimnisse - Band 2“ von Eva-Maria Bast, das in Kooperation mit der Main-Post entstand. Das Buch enthält 50 Geschichten zu historischen Geschehnissen und Orten. Präsentiert werden die Begebenheiten jeweils von Würzburger Bürgern.

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