Würzburg

Wo der Wald stirbt

War und ist das Waldsterben nur ein grüner Mythos? Kann ein Wald überhaupt sterben? Auf der Suche nach Antworten an drei unterschiedlichen Standorten in Franken.
Der Laie sieht das Drama nicht: Hans Stark zeigt, wie leicht sich die Rinde von einer mächtigen Buche ablösen lässt. Dieser Baum in einem Waldstück bei Haßfurt ist todkrank.
Der Laie sieht das Drama nicht: Hans Stark zeigt, wie leicht sich die Rinde von einer mächtigen Buche ablösen lässt. Dieser Baum in einem Waldstück bei Haßfurt ist todkrank. Foto: Günter Flegel

„Der Baum ist tot. Er weiß es nur noch nicht.“ Hans Stark versucht es mit Galgenhumor, aber selbst dem Besucher in seinem Wald bleibt das Lachen im Hals stecken. Denn der tote Baum, von dem der Förster spricht, ist nicht etwa eine dürre Fichte. Hier stirbt eine ausgewachsene Buche, 150 Jahre alt.

Das Waldstück bei Haßfurt, durch dessen Unterholz Stark stapft, heißt sinnigerweise Dürrholz. Es gehört zu den Waldungen, die Eigentum der Universität Würzburg sind. Stark leitet den Forstbetrieb, der neben der Erwirtschaftung von Gewinnen auch einen Schwerpunkt auf die Forschung legt. Im Wald der Uni trifft man viele Bäume, die es andernorts nicht gibt. Die Artenvielfalt könnte ein Weg sein, um den Wald fit für den Klimawandel zu machen.

Kommt das zu spät? Stark ist erschüttert. Denn bis vor zwei Jahren galt vor allem die Fichte als Opfer des Klimawandels in Franken. Vor Jahrzehnten als schnell wachsender Holzproduzent großflächig gepflanzt, wo früher Buchen und Eichen standen, machen dem Nadelbaum Trockenheit, Hitze und der Borkenkäfer den Garaus. „Jetzt trifft es andere Bäume, auch die Buche, die bisher als ausgesprochen klimastabil galt“, sagt Stark.

Verluste durch Klimaschäden liegen bei 80 Millionen Euro

Der eben erschienene Jahresbericht der bayerischen Staatsforsten bestätigt die Beobachtung Starks: „Von den Schäden durch Trockenheit, Hitze und Schädlingsbefall sind so viele Baumarten betroffen wie noch nie“, sagt der Vorstandsvorsitzende Martin Neumeyer. Auf 80 Millionen Euro beziffert der Chef der Staatsforsten die Verluste durch Klimaschäden. Weil sehr viel „Käferholz“ anfällt, sind die Preise in den Keller gefallen.

Im Wald ist der Wurm drin. Das Wortspiel drängt sich auf, wenn man den Nürnberger Reichswald besucht. Der „Steckerleswald“, geliebt und verspottet zugleich, ist die immergrüne Lunge, die das Bild das Umlands der Großstadt prägt. Jetzt zeigt sich weithin Rot und Braun statt Grün. „Wir haben ein massives Kiefernsterben“, sagt Johannes Wurm, der den Nürnberger Forstbetrieb leitet. Das Problem zeichnete sich im extrem heißen Sommer 2015 ab, die trocken-heißen Jahre 2018 und 2019 haben die Kiefern großflächig geschädigt.

Es hilft nur Kahlschlag, was Spaziergänger wurmt, die sich über aufgewühlte Wege und haushoch gestapelte Stämme beschweren. „Wir haben keine Wahl. Das befallene Holz muss raus“, sagt Wurm. „Ich kann keine 24.000 Hektar gießen.“ Stirbt der Reichswald? Ja und Nein. Ja, weil er in wenigen Jahrzehnten nicht mehr so aussehen wird wie heute. Die „Steckerla“, die langen, dünnen Kiefern, werden größtenteils verschwunden sein. Nein: An ihrer Stelle wird sich Mischwald ausbreiten.

Der Umbau des Waldes wird Jahrzehnte dauern

Der Umbau freilich dauert. Und die Eingriffe tun weh, auch in dem Wald, für den Hans Stark verantwortlich ist. Wenn 150 Jahre alte Buchen sterben, dann ist das nicht einmal eine Baum-Generation, aber fünf Menschen-Generationen. Entsprechend viel Zeit wird vergehen, bis an dieser Stelle wieder ähnlich mächtige Bäume stehen. Eiche, Kirsche, Ahorn...

Dass es den Bäumen in Franken nicht gut geht, erfährt man auch in Würzburg. Das Bauamt geht davon aus, dass der Trockenheit heuer mehrere tausend Stadtbäume zum Opfer gefallen sind.

Würzburg kennt man weniger für Bäume als für Weinstöcke, die sich im heißen Klima erst richtig heimisch fühlen. Klima-Notstand herrscht dagegen in einem deutschlandweit einzigartigen Wald unweit von Würzburg. Auf dem Volkenberg bei Leinach wächst Deutschlands größter Schwarzkiefern-Bestand. Das Stück Natur aus Menschenhand wurde um 1900 auf einer kahlen Fläche angelegt, auf der außer Gras nichts wachsen wollte. Ein Jahrhundert lang fühlten sich die Schwarzkiefern hier wohl, 2003 begann ihr Siechtum. Hitze und Wassermangel machen den mächtigen Baum anfällig gegen die massenhafte Ausbreitung eines winzigen Pilzes, sagt der Revierförster Wolfgang Fricker. Diplodia hat gut 1000 Bäume umgebracht. Weil sich die Pilzsporen weit verbreiten, könnte der ganze Bestand auf der Kippe stehen. Der Wald ist tot. Er weiß es nur noch nicht.

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