WÜRZBURG

Wo die AfD in Unterfranken besonders gepunktet hat

In Unterfranken haben im Vergleich der bayerischen Bezirke die wenigsten Wähler für die AfD gestimmt. Trotzdem haben die Rechtspopulisten auch hier ihre Hochburgen.
Wo die AfD in Unterfranken besonders gepunktet hat       -  Wahlplakat der AfD mit Spitzenduo Alice Weidel und Alexander Gauland.
Wahlplakat der AfD mit Spitzenduo Alice Weidel und Alexander Gauland. Foto: dpa

Mit dem klaren Einzug der rechtspopulistischen AfD in den Bundestag hat sich das deutsche Parteiensystem verschoben. Und es ist deutlich instabiler geworden – allein schon, weil die AfD selbst so unberechenbar und heterogen ist wie ihre Wahlergebnisse vom Sonntagabend.

Personalquerelen gleich am Morgen danach: In Berlin verlässt Parteichefin Frauke Petry die AfD-Fraktion, noch bevor sie sich konstituiert hat. Und in Würzburg tritt Direktkandidat Thomas Thiel zürnend aus der Partei aus.

Würzburger AfD-Direktkandidat tritt aus Partei aus

Seit längerem lag er mit ihr im Clinch, sah Intrigen gegen sich laufen, um die Kandidatur in seiner Heimat Donau-Ries (Schwaben) zu verhindern. Er spricht von persönlichen Anfeindungen und Schnüffeleien im Privatleben: „Wie verklemmt ist diese Partei?“

Weil in Würzburg noch ein Platz frei war, bot er sich an – und wurde von der AfD prompt als Direktkandidat aufgestellt. Jetzt, nachdem die Wahl vorbei ist, sagt Thiel unumwunden: „Mir ging's doch nicht ums Mandat. Würzburg war eine reine Trotzreaktion. Ich lasse mich nicht so leicht ausbremsen.“

Bayern-Vergleich: AfD im Wahlkreis Würzburg schwach

Eine Show-Kandidatur also, inszeniert von Partei und Kandidat. Wahlkampf im 250 Kilometer entfernten Würzburg zu machen, so Thiel, habe er nie vorgehabt.

Tatsächlich waren in der Stadt kaum AfD-Plakate zu sehen. Die schwache Präsenz dürfte einer der Gründe sein, warum die AfD im Wahlkreis Würzburg mit 8,7 Prozent nach den vier Münchner Wahlkreisen bayernweit ihr schlechtestes Ergebnis eingefahren hat.

Minuswert in Sommerhausen, Höchstmarke in Rüdenhausen

Unterfrankenweit stimmten 10,9 Prozent für die rechtsnationale Protestpartei, so wenige wie in keinem anderen bayerischen Regierungsbezirk. In Niederbayern (16,7 Prozent) und in Schwaben (13,5 Prozent) wurde die AfD zweitstärkste Kraft hinter der CSU.

Ihren unterfränkischen Minuswert verbuchte sie in Sommerhausen (Lkr. Würzburg) mit 5,5 Prozent. Aber es gibt sie auch in Mainfranken, die rechten Hochburgen. Spitzenreiter für die AfD ist der Markt Rüdenhausen (Lkr. Kitzingen) mit 20,7 Prozent der Zweitstimmen. Am Tag danach rätselt Bürgermeister Gerhard Ackermann (Freie Wähler) über das Ergebnis. Eine Proteststimmung habe er weder auf der Straße noch in Vereinen oder an Stammtischen festgestellt. Rüdenhausen sei weder sozialer Brennpunkt noch Stützpunkt für rechte Gruppierungen.

Russlanddeutsche als wichtige Zielgruppe für AfD

Gleichwohl fiel die Gemeinde schon in der Vergangenheit durch hohe Werte für rechte Parteien auf. Ja, es seien einige Familien aus den neuen Bundesländern und Spätaussiedler zugezogen. Eine mögliche Erklärung? Fakt ist, dass die AfD bei Russlanddeutschen und Aussiedlern massiv Wahlwerbung betrieben hat. Sie hat offenbar gefruchtet, wie ein Blick auf Ergebnisse in Würzburger und Schweinfurter Stadtteilen zeigt: Die AfD hat dort besonders gut abgeschnitten, wo viele Russlanddeutsche leben.

Der aus Kasachstan stammende Alexander Himmrich bestätigt den Eindruck. Er ist Sprecher des Integrationsvereins „Perspektive“ am Würzburger Heuchelhof. Auffällig viele Aussiedler seien am Sonntag zur Wahl gegangen, hat er beobachtet.

„AfD hat den Leuten Angst vor dem Islam gemacht“

Im Vorfeld hatten Propagandavideos über What's App die Runde gemacht: Russlanddeutsche riefen teils sogar auf Russisch auf, die AfD zu wählen. Warum die Partei für diese Menschen attraktiv ist? Sie hätten oft negative Erfahrungen mit dem Islam in ihrer früheren Heimat gemacht. „Sie waren in der Minderheit oder nur zweite Wahl. Die AfD hat ihnen jetzt neue Angst vor dem Islam gemacht“, sagt Himmrich, der sich mit seinem Verein um Jugendliche aller Nationalitäten kümmert.

In Würzburg holte die AfD die meisten Stimmen am Heuchelhof mit 16,3 Prozent und in der Lindleinsmühle mit 14,5 Prozent.

Während die Partei im ganzen Stadtgebiet nur auf acht Prozent kam, schaffte sie ausgerechnet in der einst linken Hochburg Schweinfurt 15,5 Prozent der Zweitstimmen. Im dortigen Musikerviertel wären die Rechtspopulisten mit 22,7 Prozent fast stärkste Kraft vor der CSU geworden. 22,8 Prozent holten sie im Deutschhof, 21,4 Prozent am Bergl.

AfD punktet vor allem in sozial schwierigen Quartieren

Die AfD hat also auch in Schweinfurt in sozial schwierigeren und einkommensschwächeren Vierteln gepunktet und dort, wo viele Russlanddeutsche wohnen. Daneben lässt sich aus den Wahlergebnissen auch Protest gegen die Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge herauslesen: In ihrem Umfeld war die Partei besonders stark.

Der Schweinfurter Pfarrer Roland Breitenbach sieht das Wahlergebnis als Weckruf für die etablierten Parteien. „Rechtsradikale, auch etliche in der Kirche, zeigen, wie dringend Reformen sind“, sagte er gegenüber der Redaktion. Er hoffe, dass die Politiker nun nicht vorwurfsvoll den Zeigefinger Richtung Wähler erheben, sondern selbstkritisch herangehen.

Kirchenvertreter äußern sich sehr nachdenklich

Kritisch äußert sich auch Würzburgs Weihbischof Ulrich Boom. Das starke AfD-Abschneiden stimme ihn „nachdenklich“. Die Gesellschaft drohe sich zunehmend zu spalten. Deshalb müsse die Kirche vor allem für „Arme, Schwache und Ausgegrenzte eintreten.“

Mit Informationen von EPD / Mitarbeit HH

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