WÜRZBURG

Wohin mit dem Staatsarchiv?

Es sind schöne Worte, die Georg Rosenthal findet: „Ein Archiv ist in Stein gegossene Geschichte.“ Und das Staatsarchiv Würzburg „unser Gedächtnisort, unser Wissensschatz“. Wieder einmal hat der SPD-Landtagsabgeordnete zu einer Gesprächsrunde aufgerufen, in der er sich für den Verbleib des „Kulturgutes“ in Würzburg starkmacht. Dieses Mal jedoch nicht – wie vor gerade mal drei Wochen – gemeinsam mit seinen politischen Mitstreitern, den Landtagsabgeordneten Kerstin Celina (Grüne) und Hans-Jürgen Fahn (Freie Wähler). Sie waren jedoch am Donnerstagabend in den Barockhäusern in Würzburg dabei, wo auch das Stadtarchiv beheimatet ist. Ebenso über hundert Interessierte.

Wenn die Orte der jeweiligen Veranstaltungen und die Gastredner auch wechseln, der Inhalt der Botschaft bleibt seit knapp einem Jahr gleich. Im März 2015 verkündete Bayerns Finanz- und Heimatminister Markus Söder (CSU) die Verlagerung des Staatsarchivs nach Kitzingen.

Seither werden unermüdlich Bürgergespräche organisiert, Anfragen an die Bayerische Staatsregierung gestellt, Mitteilungen veröffentlicht, flammende Appelle formuliert – und Gäste eingeladen, die ebenfalls der Entscheidung aus München nicht freudig zustimmen können.

Auch wenn die Opposition im Landtag die Entscheidung der Regierungspartei kippen möchte, hatte die Gesprächsrunde nichts von einer Wahlkampfveranstaltung. Es waren fachlich fundierte Argumente pro Würzburg zu hören, aber nicht gegen Kitzingen, was mögliche alternative Fördermaßnahmen betrifft.

Am Ende war auch der Kitzinger Stadtrat Manfred Marstaller (Unabhängige soziale Wählergruppe/UsW), der sich, wie er scherzhaft meinte, erneut „in die Höhle des Löwen“ gewagt hätte, für einen Verbleib des Staatsarchivs in Würzburg. In Richtung Markus Söder meinte er, dass der Heimatminister die falsche Entscheidung getroffen hätte und nachdenken sollte, „ob es nicht andere Möglichkeiten der Unterstützung“ als Ausgleich für die brach liegenden Konversionsflächen gibt. Kitzingen habe ja nicht nach dem Staatsarchiv gerufen, harre aber der Dinge, die kommen.

Unisono gönnten die Gäste der Stadt Kitzingen effektvolle Fördermaßnahmen – aber nicht das Staatsarchiv. Zum Beispiel Godehard Ruppert, Präsident der Universität Bamberg und 2015 Träger des „Bayerischen Janus“, des Archivpreises. Auch er fand schöne Umschreibungen. Zunächst gab er sich jedoch als „großer Freund“ von Behördenverlagerungen zu erkennen. Das sei ein sinnvolles politisches Instrument. Aber: „Ein Archiv ist keine Behörde“, sondern „ein Ort der historischen Vergewisserung“. Rupperts Forderung: „Ein Archiv gehört ins Bildungszentrum“, also „mittenrein“ in die Universitäts- und Schulstadt Würzburg.

Für Sabine Happ, stellvertretende Vorsitzende des Verbands deutscher Archivarinnen und Archivare (VdA), ist die geplante Verlagerung „keine regionale Sache“ mehr, vielmehr „für Historiker weltweit wichtig“. Auch sie plädiert für den Verbleib des Staatsarchivs in Würzburg. Der vom VdA initiierten Petition schlossen sich über 2600 Unterzeichner an. Happs Argument: Die Wege zwischen den einzelnen Archiven in einer Stadt müssten kurz sein. In Würzburg sind das zum Beispiel neben dem Staatsarchiv das Stadtarchiv, das Diözesanarchiv oder das Universitätsarchiv.

Happ entwarf das Bild einer Waage, die in waage bleiben sollte. Mit der Verlagerung würde Würzburg jedoch verlieren. Zudem komme es „heimatverloren“ vor, wenn man mit der langen Tradition brechen würde.

Diese Tradition sprach auch Michael Hollmann an. Der Präsident des Bundesarchivs war bereits Anfang Oktober 2014 in Würzburg, um beim Festakt zu „250 Jahre Archiv in der Würzburger Residenz“ ein Grußwort zu sprechen. Er erinnerte sich damals an 1985. Das Staatsarchiv, wo er für sein Dissertationsthema recherchierte, sei ihm damals „ein Stück Heimat“ geworden. „Dass ich Archivar geworden bin, hat mit meinen Erfahrungen in Würzburg zu tun.“

Gute Erinnerungen alleine genügen jedoch nicht als Argument für den Standort Würzburg. Am Donnerstag kam Hollmann nach Würzburg, um eine Lanze für Archive, deren identitätsstiftenden Funktion und Einzigartigkeit zu brechen. „Archive sind Unikate“ und „Tresore des Authentischen“.

Sie zu marginalisieren und ein paar Kilometer weit weg zu verschieben, nachdem man 2014 die 250 Jahre andauernde Tradition beim Festakt noch „toll“ fand, sei für ihn ein „Akt von Respektlosigkeit“. Die Verlagerungspläne machten aus dem Staatsarchiv eine „wohlfeile Ware“.

Zu den Zuhörern, die sich zu Wort meldeten, gehörte unter anderen Professor Wolfgang Weiß. Der Lehrstuhlinhaber für fränkische Kirchengeschichte und Vorsitzender des Diözesangeschichtsvereins vertrat Bischof Friedhelm Hofmann. Weiß erwähnte Briefe, die der Bischof nach München adressiert hätte. So habe er Ministerpräsident Horst Seehofer um ein Gespräch gebeten – und bis heute keine Antwort erhalten. Beim Würzburger Unipräsidenten Alfred Forchel habe er Gesprächsforen angeregt – und ebenfalls nichts mehr gehört. Dies bedauerte die anwesende Univizepräsidentin Barbara Sponholz und fügte hinzu, dass sie an diesem Abend noch keine Argumente gehört habe, dass die Waage in Richtung Kitzingen ausschlagen sollte.

Dies hörten Georg Rosenthal und seine SPD-Kollegin sowie kulturpolitische Sprecherin Isabell Zacharias sicher gerne. Sie rief dazu auf, so lange gemeinsam zu kämpfen, „bis das Staatsarchiv in Würzburg bleibt“.

Rosenthals Vorschlag, um den gordischen Knoten zu lösen, lautet unter anderen, das Amt für Ländliche Entwicklung von Würzburg nach Kitzingen umzusiedeln. Es habe nicht speziell etwas mit Würzburg zu tun, sondern sei ein für die gesamte Region wichtiges Amt. Rosenthal möchte die Diskussion „raus aus den Machtstrukturen“ bringen. Die geplante Verlagerung sei „weit weg von einer sachlichen Logik“.

Just am Donnerstagabend erfolgte im Würzburger Stadtrat der Beschluss, den SPD-Antrag zur Anhörung von Fachleuten zur Verlagerung des Staatsarchivs nicht weiter zu verfolgen. Grund: Die Entscheidung falle in die Zuständigkeit der Staatsregierung. Foto: Thomas Frey, dpa

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