Würzburg

Worum es der Fridays For Future-Bewegung geht

Eine Würzburgerin ist seit der ersten Stunde Teil der Fridays For Future-Bewegung. Bisher verpasste sie keine Kundgebung in Würzburg. Warum das auch so bleiben wird.
Von der Politik ist Isabell Sterner enttäuscht, das demotiviert sie aber nicht, jede Kundgebung in Würzburg zu nutzen, um auf den Klimaschutz aufmerksam zu machen. Foto: Thomas Obermeier

Isabell Sterner ist eine ganz normale Schülerin. Die 18-Jährige macht gerne Musik und lernt für ihr Fachabitur an der Fachoberschule. Doch sie ist in Sorge. Denn sie hat Angst um ihre Zukunft, wenn alles so bleibt, wie es ist. Um das zu ändern, verpasst sie keine Demonstration der Fridays For Future-Bewegung. Ein Gespräch über ihre Motivation, den Druck der Schulen und den Wunsch, dass alles doch irgendwann besser werden kann.

Frage: Im Januar gab es den ersten Streik der Fridays For Future-Bewegung in Würzburg. Mittlerweile hat sich die Kundgebung an Freitagen zur Tradition entwickelt. Was motiviert Sie, bei jedem Termin mit Schild und Stimme dabei zu sein?

Isabell Sterner: Ich finde, wir befinden uns auf der Kippe. Das bedeutet, wenn wir jetzt nicht handeln, hat das dramatische Folgen, die unsere und die nachfolgende Generation zu spüren bekommen werden. Wir sind für die Zukunft verantwortlich. Die Motivation ist auch angstgesteuert. Man macht sich Sorgen um das, was in der Welt passiert. Wir werden immer lauter, es kommen immer mehr junge Menschen zu uns. Das ist eine unfassbare Bereicherung und gibt natürlich auch einen Motivationsschub. 

Trotz des schlechten Wetters zogen auch am Freitag – und damit in den Ferien – Demonstranten durch die Würzburger Innenstadt. Die Teilnehmerzahl schätzte die Polizei auf 200 bis 250. Foto: Fabian Gebert
Hat sich bei den Streiks etwas spürbar verändert?

Sterner: Die Kritiker der Demos, aber auch die Befürworter werden immer lauter. Es gibt einen Pol, der in zwei Richtungen geht. Das Schlimme ist, es wird viel darüber diskutiert, was wir machen und es wird viel mehr der Fokus darauf gelenkt, wann wir etwas machen. Aber es kommt nicht zur Sprache, warum wir das machen. Ich sage mal so, es wird lieber polemisch argumentiert als über eine konkrete Klimapolitik nachgedacht. Ich glaube, dass es tatsächlich immer noch an Ernsthaftigkeit fehlt, wie man uns gegenübertritt.

Also haben Sie nicht das Gefühl, dass die Bewegung mittlerweile ernst genommen wird?

Sterner: Vielleicht ein bisschen dadurch, dass wir immer mehr werden. Langsam bekommen Politiker schon ein bisschen Angst. Es gibt Leute, die vergleichen uns mit der 68er Bewegung. Ob das jetzt so ist, sei dahin gestellt. Aber wir werden wahrgenommen - und das wird auch weitergehen, ganz sicher.

Vor einer großen Tür stehen Sie als Demonstrantin ja immer wieder: Nämlich vor der der Regierung von Unterfranken. Gab es da mittlerweile eine Rückmeldung?

Sterner: Zu mir persönlich ist nichts durchgedrungen. Ich weiß nicht, ob es irgendwann mal unterschwellige Aussagen an einzelne Mitglieder gegeben hat. Aber offiziell haben wir kein Schreiben oder eine Stellungnahme bekommen.

Sie klingen enttäuscht.

Sterner: Ja, es ist einfach schade.

Wünschen Sie sich generell mehr Anstrengungen von der Würzburger Politik. Es gab ja beispielsweise Reaktionen von Oberbürgermeister Christian Schuchardt, der einen Workshop mit Schülern zum Thema Klimaschutz veranstaltet hat.

Sterner: Das ist ein Anfang. Aber es ist nicht so, dass das Thema damit vom Tisch ist. Der Klimawandel betrifft alle Ebenen der Politik, auch auf lokaler Ebene. Ich finde, gerade eine Stadt wie Würzburg kann noch mehr tun. Zum Beispiel in Sachen öffentlicher Nahverkehr. Da ist noch Luft nach oben. Dazu muss man sagen, Politik ist ein langatmiges Geschäft. Wir protestieren seit einigen Monaten. Da passiert natürlich noch nicht so viel, dafür habe ich Verständnis. Aber es wäre gut, wenn sich etwas bewegen würde.

Besteht nicht die Gefahr bei einem Streik, dass man eine Sache für das Klima macht und dann denkt, das reicht? Nach dem Motto: Ich habe jetzt jeden Freitag protestiert, dann kann ich in den Ferien auch mal den Billigflieger nach Wien nehmen?

Sterner: Ich glaube, dass die Leute, die aktiv mitdemonstrieren und Präsenz zeigen, ein Grundverständnis dafür haben, was der Klimawandel bedeutet. Und sie wissen, was uns bevorsteht und was uns betrifft. Ich glaube nicht, dass solche Leute dann auch solche Einstellungen teilen.

Sind junge Menschen denn dazu bereit, auf vieles zu verzichten, was sie lieben, aber nicht gut für die Umwelt ist?

Sterner: Ich habe gehofft, dass die Frage kommt. Weil: Man betrachtet es aus gesellschaftlicher Sicht als Verzicht. Doch was ist, wenn wir den Spieß umdrehen und es als qualitativen Umschwung betrachten? Müssen wir wirklich das Billig-Fleisch essen, ist das gut für uns? Bringt uns das etwas? Ich glaube nicht. Und ich denke, wir müssen unser Konsumdenken in Sachen Ware umstellen und verstehen, dass wir keinen Verzicht dadurch erlangen, wenn wir statt der Plastikzahnbürste die Bambuszahnbürste benutzen. Unserer Gesundheit tut es gut und der Umwelt auch. Warum machen wir es nicht? Verzicht ist immer negativ behaftet und das ist es eben nicht.

Ist es nicht extrem schwer, genau diesen Schalter in den Köpfen der Menschen umzuschalten?

Sterner: Absolut, aber dafür gehen wir ja auch auf die Straße. Wir demonstrieren ja nicht nur für die große Sache wie "Bitte haltet das Pariser Klimaabkommen ein". Der Klimawandel beginnt beim Individuum. Wir müssen anfangen, Gewohnheiten zu brechen und darauf aufmerksam machen. Es geht um kleine Anfänge.

Wie reagieren denn die Schulen mittlerweile auf die Streiks?

Sterner: Offiziell müssen Schulen sagen, wir dürfen nicht streiken. Aber man erntet zumindest bei meiner Schule keine ernstzunehmenden Folgen. Es gibt aber auch Schulen, da dürfen die Schüler auf einmal Strafe zahlen, wenn sie streiken waren. Es verändert sich etwas, auf der einen Seite wird man lockerer von Seiten der Schulen, auf der anderen etwas extremer.

Nervt Sie der Vorwurf, die Schüler gehen auf die Straße, um nicht im Unterricht sitzen zu müssen?

Sterner: Wir streiken so, dass es am meisten auffällt. Nämlich dann, wenn in der Schule keine Schüler sitzen. Wenn wir uns einfach so auf die Straße stellen, würden wir nicht ansatzweise die Aufmerksamkeit bekommen. Es ist einfach traurig, dass wir es überhaupt tun müssen.

Wenn Sie auf Kritiker treffen, wie treten Sie ihnen gegenüber?

Sterner:  Wenn Menschen komplett gegen eine Sache sind, wird man sie nicht überzeugen. Es gibt Leute, die sind kritisch, aber trotzdem offen. Und das sind sehr gute Argumentationspartner. Wenn man denen erklärt, warum wir die Schule schwänzen, dann sind sie offen und sagen, sie finden es gut. Ich hatte mit einem Abgeordneten der AfD kürzlich eine sehr intensive Diskussion, aber in dem Moment, in dem nur mit Schimpfwörtern argumentiert wird, da geht es dann an der Sache vorbei. Das passiert zum Glück nicht so häufig, aber es passiert.

Regenschirm statt Schild: Glück mit dem Wetter hatten die Demonstranten am Freitag nicht. Foto: Fabian Gebert
Würden Sie sich selbst als Aktivistin bezeichnen?

Sterner: Für eine Aktivistin mache ich noch zu wenig, habe ich das Gefühl. Ich bin einfach ein normaler Mensch, der sich Sorgen um die Zukunft und unsere Umwelt macht. Wenn es klappt, trete ich gerne damit nach Außen. Aber ich muss es nicht und kann es auch in meinem kleinen Kreis verbreiten. Die große politische Nummer ist nicht meins.

Haben Sie Sorge, dass das Engagement irgendwann abebbt?

Sterner: Es wird zunehmen. Auch die Medienauftritte werden immer größer. Die Fridays For Future-Bewegung wird auch professioneller. Es bilden sich gerade immer mehr kleinere Ortsgruppen, die freitags streiken. Ich glaube, die Bewegung wird immer weiter anhalten, bis da oben mal was passiert.

Was würden Sie sich für Würzburg wünschen?

Sterner: Ich würde mir wünschen, dass man sich mehr äußert und uns bei politischen Entscheidungen mehr einbezieht. Verantwortliche in Schlüsselpositionen in Würzburg sollten sich mit uns zusammensetzen. Das passiert von Seiten der grünen Jugend schon öfters, aber wir sind ja eine unabhängige Organisation, auch wenn wir uns mit den Grünen solidarisieren. Wir sind eine sehr umweltfreundliche Stadt im Vergleich zu anderen Städten, aber ich würde mir wünschen, dass wir mehr Power reinbringen und mehr investieren. Es lohnt sich.

Andere Gruppen
Mittlerweile haben sich aus der großen Bewegung auch kleinere Gruppen gebildet, die größtenteils um ersten Mal am Freitag in Würzburg mitdemonstriert haben.
Parents For Future: Die Bewegung entstand Mitte Februar 2019, als sich einige Eltern, die zuvor schon teilweise aktiv die Schülerproteste von Fridays For Future (FFF) unterstützt hatten, über die Whatsapp Unterstützergruppe zusammengefunden haben. Deren Ziel ist es, möglichst viele andere Erwachsene deutschlandweit zusammenzubringen, um die FFF-Bewegung zu unterstützen. Aus einer überregionalen Bewegung entstanden mit der Zeit Regional- und Ortsgruppen. In der Würzburger Gruppe sind aktuell 46 Personen vertreten. Deren Gruppe wurde erst vor zwei Wochen ins Leben gerufen.
Scientists For Future: Die Initiative besteht laut eigenen Angaben aus einem engeren Kreis von etwa 20 und einem weiteren Kreis von rund 60 Menschen. Darunter sind beispielsweise Wissenschaftler der Klimaforschung, Nachhaltigkeitsforschung, Biodiversitäts- und Transformationsforschung. Geschlossen unterstützen sie die FFF-Bewegung und sind der Meinung, diese Anliegen seien berechtigt und gut begründet.
Writers For Future: Schriftsteller, Schauspieler und Künstler aller Sparten sind vom Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) aufgerufen worden, den Protest der Schüler zu unterstützen.
 

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