Würzburg

Würzburg als neues Zentrum für globale Gesundheit

Sogar Entwicklungsminister Gerd Müller war gekommen: zur Geburtsstunde des neuen Zentrums im Kampf gegen Armutskrankheiten. Dass es in Würzburg entsteht, hat gute Gründe.
Typische offene Wunde bei Buruli Ulcer, der "kleinen Schwester" der Lepra. Die Krankheit führt unbehandelt zu dauerhaften Verkrüppelungen und Behinderungen. Foto: Andreas Jungbauer

Es ist ein Teufelskreis: Bestimmte Krankheiten entstehen vor allem dort, wo Armut herrscht. Breiten sie sich aus, richten sie großen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Schaden an – und verstärken wiederum die Armut. Allein medizinisch ist den sogenannten vernachlässigten Tropenkrankenheiten (englisch NTDs) nicht beizukommen. Über eine Milliarde Menschen in weltweit rund 150 Ländern sind infiziert, sie leiden an hierzulande kaum bekannten Krankheiten wie Leishmaniose, Chagas oder Buruli Ulcer.

Wie Krankheiten und ihre Umwelt zusammenhängen

In Würzburg wurde nun ein Zentrum gegründet, das Forschung und Praxis, Hochschulen und Nichtregierungsorganisationen im Kampf gegen aktuell 20 benannte NTDs zusammenspannen will: das Deutsche Zentrum für die sektorübergreifende Bekämpfung Vernachlässigter Tropenkrankheiten (DZVT). Der Name ist sperrig, die Idee dahinter eingängig: Expertenwissen aus verschiedenen Bereichen bündeln.

Gründung des "Deutschen Zentrums für sektorübergreifende Bekämpfung vernachlässigter Tropenkrankheiten" (DZVT). Im Bild die Projektpartner mit Ehrengästen (von links): FHWS-Präsident Robert Grebner, Uni-Präsident Alfred Forchel, DAHW-Geschäftsführer Burkard Kömm, Bundestagsabgeordneter Paul Lehrieder, Entwicklungsminister Gerd Müller, Njideka Kömm und Markus Engstler (beide DZVT), Bürgermeister Adolf Bauer, August Stich (Missionsärztliche Klinik), Georg Ertl (Ärztlicher Direktor Uniklinik), Dekan Matthias Frosch (medizinische Fakultät der Uni), Dieter Wenderlein (Sant' Egidio). Foto: Fabian Gebert

Natürlich hängt das Vorkommen der Tsetse-Fliege als Überträger der Afrikanischen Schlafkrankheit vom Klima ab. Ein Fall also nicht nur für Mediziner, sondern hier auch für Klimaforscher. Oder dort für Kommunikationsdesigner: Sie entwerfen Bilder, wo Analphabeten die Flugblätter zur Gesundheitsaufklärung nicht lesen können. Oder Fragen für Sozialwissenschaftler: Welche Riten oder kulturelle Gepflogenheiten stehen hinter einem ungesunden Verhalten? Lassen sie sich ändern, damit der medizinische Einsatz von Hilfsorganisationen keine Sisyphus-Arbeit ist? Die Botschaft: Alles hängt zusammen.

Impuls beim Gründungssymposium: Theologe Mathias Duck von der DAHW erkrankte selbst an Lepra, konnte dank früher Diagnose geheilt werden. Er hat sich dem Kampf gegen Ausgrenzung und Stigmatisierung Betroffener verschrieben. Foto: Fabian Gebert

Dass das neue Zentrum mit einem selbst erklärten nationalen Anspruch ausgerechnet in Würzburg als "Kristallisationspunkt" entsteht, ist kein Zufall: Hier arbeiten Wissenschaft, Medizin und internationale Dienste schon seit langem für die globale Gesundheit – ein Thema, das die Politik vor allem seit der letzten großen Ebola-Epidemie in Westafrika stärker in den Mittelpunkt gerückt hat.

Entwicklungsminister appelliert zu weiterer Anstrengung

Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) ermutigte die Akteure beim Gründungssymposium im Toscanasaal der Residenz: "Wir können helfen!" Dies hätten Erfolge bei Lepra und anderen Krankheiten gezeigt. "Aber wir müssen weitermachen", nicht nur medizinisch. Zwei Milliarden Menschen ohne Zugang zu sauberem Wasser – das habe negative Folgen für die Gesundheit, wie Infektionen oder Cholera.

Deshalb lobte der Minister den integrativen Ansatz des Würzburger Projektes: "Das ist von großer Bedeutung." Mensch, Tier und Umwelt müssten im Kampf gegen Armutskrankheiten gleichermaßen berücksichtigt werden. "Da gibt es keine Schranken zwischen Human- und Veterinärmedizin."

Unterstützung aus Berlin: Entwicklungsminister Gerd Müller (Zweiter von rechts) lobte, dass von Würzburg aus Kompetenzen im Kampf gegen Armutskrankheiten gebündelt werden. Dazu gehören auch die Uni und die FHWS mit ihren Präsidenten Alfred Forchel (rechts) und Robert Grebner (links). Auch der CSU-Bundestagsabgeordnete Paul Lehrieder steht hinter dem Projekt. Foto: Fabian Gebert

60 Prozent aller Infektionskrankheiten werden durch Tiere übertragen. Und 70 Prozent aller Menschen in Armut halten Tiere.  Diese Zahlen legte Christian Griebenow von "Tierärzte ohne Grenzen" vor. Die Organisation unterstützt das neue Zentrum, weil die Uni Würzburg selbst keine Veterinärmedizin hat. Ansonsten aber sollen sich verschiedenste Fakultäten und Disziplinen der Uni einbringen, von der Biomedizin über Ökologie, Logistik und Wirtschaft bis hin zur Politikwissenschaft.

Sieben Würzburger Einrichtungen schließen sich zusammen

Weitere Gründer des neuen Zentrums sind neben der Julius-Maximilians-Universität die Hochschule für angewandte Wissenschaften (FHWS), die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW), die Deutsche Gesellschaft für Parasitologie, das Missionsärztliche Institut, das Universitätsklinikum Würzburg und die christliche Gemeinschaft Sant' Egidio: Sie unterhält 47 HIV-Zentren in elf afrikanischen Ländern. Ihr Vertreter Dieter Wenderlein machte deutlich, dass der Kampf gegen HIV nur gemeinsam mit der Bevölkerung Erfolg haben kann. Und umgekehrt: "Wo Erkrankte ausgegrenzt, wo Menschenrechte ausgeschaltet werden, ist das ein Risikofaktor."

Die beiden Initiatoren des neuen Zentrums: DAHW-Geschäftsführer Burkard Kömm (rechts) und der Zellbiologe Markus Engstler, der seit vielen Jahren zu vernachlässigten Tropenkrankheiten forscht. Foto: Fabian Gebert

Das DZVT ist offen für weitere Organisationen, die sich mit den vernachlässigten Krankheiten beschäftigen. Vor allem hofft man wegen der fachlichen und sozialen Expertise auf Beteiligung aus den betroffenen Ländern.

Noch hat das neue Würzburger Zentrum keine Struktur, kein Büro, kein eigenes Personal, keine Internetseite. "Die Arbeit fängt jetzt an", so Prof. Markus Engstler. Der Zellbiologe und NTD-Experte von der Uni Würzburg hatte den Impuls zur Gründung gegeben und in DAHW-Geschäftsführer Burkard Kömm einen überzeugten Mitstreiter gefunden. Als nächster Schritt soll in wenigen Wochen ein Verein gegründet werden. Zur Finanzierung hofft man auf Mittel aus dem Entwicklungs-, dem Forschungs- und dem Gesundheitsministerium. So ressortübergreifend eben, wie die Aufgaben für die neue Einrichtung.

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