Würzburg

Würzburger Alt-Oberbürgermeister Klaus Zeitler wird 90

22 Jahre lang saß Klaus Zeitler auf dem Chefsessel im Rathaus. Bis vor fünf Jahren war er Stadtrat. Wie er heute über sein Leben und die politischen Wechsel denkt.
Gelassen mit Zigarre und Cognac: Altoberbürgermeister Klaus Zeitler wird an diesem Freitag, 27. September, 90 und kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken.
Gelassen mit Zigarre und Cognac: Altoberbürgermeister Klaus Zeitler wird an diesem Freitag, 27. September, 90 und kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken. Foto: Silvia Gralla

Wenn Altoberbürgermeister Klaus Zeitler aus seinem Wohnzimmer in der Wohnanlage Miravilla am Hubland sieht, fällt sein Blick auf sein eigenes Haus ganz in der Nähe, in der heute seine Tochter mit ihrer Familie wohnt. Und sein Blick schweift über die Stadt, den Geschicke er als Oberhaupt der Stadtverwaltung und des Stadtrates über 20 Jahre gesteuert hat. Wenn Zeitler, dessen Frau vor drei Jahren gestorben ist, dann beginnt, mit viel Humor aus seinem Leben zu plaudern, dann mag man bei so viel geistiger Fitness und tiefgründigem Wissen gar nicht glauben, dass er an diesem Freitag 90 Jahre alt wird.

"Wenn man sich mit dem Zeitgeist vermählt, ist man schnell Witwer"
Klaus Zeitler - Altoberbürgermeister

Dass die Politik wie seine Zigarre und der Cognac noch immer zu seinem Leben zählt, sieht man an den drei Zeitungen, die er noch täglich liest, die Main-Post aus seiner Geburtsstadt natürlich, die Süddeutsche und die Welt. Nur selbst politisch Einfluss zu nehmen, das hat er schon länger eingestellt. Dafür ist Zeitler aber noch viel unterwegs: beim regelmäßigen Fitnesstraining im nahen Adami-Bad "seines" Schwimmvereins, bei Kulturveranstaltungen, bei seinem alten Stammtisch im Bürgerspital. Und natürlich im Hätzfelder Döle bei der Flößerzunft, auch wenn er da 24 Stufen hochsteigen und zur Not aufs Plumpsklo gehen muss: "Da wird geplaudert, gesungen und gesoffen, und da komme ich immer gut gelaunt nach Hause", sagt er lachend.

Über sein Leben müsste Zeitler eigentlich gar nichts erzählen

Über sein Leben müsste Zeitler eigentlich gar nichts erzählen, denn er hat alles selbst in Büchern festgehalten: In "Jahrgang 1929" berichtet er über (s)eine Jugend in Deutschland, über die Endzeit der Weimarer Republik, über das Dritte Reich und die Nachkriegszeit, die er hautnah miterlebt hatte. Und mit seinem nächsten Buch "Wohlauf die Luft geht frisch und rein" hat Zeitler die "Erinnerungen eines Oberbürgermeisters" festgehalten.

Zwei, die sich lange kennen: Altoberbürgermeister Klaus Zeitler zusammen mit Autor Herbert Kriener, der ihn als früherer Leiter der Main-Post-Stadtredaktion viele Jahre auf seinem politischen Weg begleitet hat.
Zwei, die sich lange kennen: Altoberbürgermeister Klaus Zeitler zusammen mit Autor Herbert Kriener, der ihn als früherer Leiter der Main-Post-Stadtredaktion viele Jahre auf seinem politischen Weg begleitet hat. Foto: Silvia Gralla

Nach seinem Studium der Rechtswissenschaften und der Volkswirtschaftslehre in Würzburg, Köln und Dijon promovierte er. In die Politik kam Zeitler 1950 mit seinem Eintritt in die SPD und wurde 1956 das damals jüngste Mitglied des Würzburger Stadtrates. Zwei Jahre später führte ihn sein Weg beruflich zum DGB nach Düsseldorf, dann wurde er Rechtsrat der Stadtverwaltung Bielefeld und kam dann ins Personalreferat der Stadt München. 1968 ging für ihn ein Traum Überfüllung, wie er sagt. Nachdem Oberbürgermeister Helmuth Zimmerer in politische Schwierigkeiten geraten war, bewarb er sich als für die SPD als Oberbürgermeister und gewann dann die Stichwahl sehr knapp gegen den CSU-Kandidaten Reinhold Vöth.

Ein Traum ging für ihn in Erfüllung: Zeitlers Amsvorgänger, der umstrittene Helmuth Zimmerer, überreichte 1968 seinem Nachfolger die Amtskette des Oberbürgermeisters.
Ein Traum ging für ihn in Erfüllung: Zeitlers Amsvorgänger, der umstrittene Helmuth Zimmerer, überreichte 1968 seinem Nachfolger die Amtskette des Oberbürgermeisters. Foto: Walter Röder

Für überregionale Schlagzeilen sorgte Zeitler im Jahr 1989

Würzburg in die Zukunft zu steuern, war Zeitlers Ziel. "Er war immer seiner Zeit voraus", sagt einer, der es wissen muss: sein langjähriger Stellvertreter von der CSU Jürgen Weber, der später sein Nachfolger über die Würzburger Liste wurde. Lang ist die Liste Zeitlers erfolgreicher Initiativen über gut zwei Jahrzehnte hinweg: das Büro für Bürgerhilfe, dass Würzburg Europastadt wurde, der neue Marktplatz ohne Autos, die Entwicklung der Heuchelhofes, das Congress Centrum, das Frauenlandbad, das neue Kaufhaus am alten Schwanengelände, der neue Alte Kranen, die Landesgartenschau 1990 und nicht zuletzt die Stadtbegrünung, was ihm den Namen "Grüner Klaus" eingebracht hat. "Da bin ich heute noch stolz drauf", sagt er.

So manchen prominenten Gast konnte Zeitler im Rathaus begrüßen: so im Oktober 1974 auch den damaligen FDP-Vorsitzenden und Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher.
So manchen prominenten Gast konnte Zeitler im Rathaus begrüßen: so im Oktober 1974 auch den damaligen FDP-Vorsitzenden und Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher. Foto: Hans Heer

Für überregionale Schlagzeilen hat Zeitler gesorgt, als er sich 1989 gegen die Wintex-Kriegsübung der NATO auflehnte. Einen Riesenwirbel in den Medien löste Zeitler im selben Jahr aus, als er überraschend seinen Rücktritt von der anstehenden OB-Wahl ankündigte, nachdem die CSU Barbara Stamm als Herausforderin nominiert hatte. Heute lacht er darüber: "Das war eine spontane Entscheidung, aus heutiger Sicht wohl eine Eselei", sagt er. Mitgespielt haben wohl Reibereien in der SPD und die Angst, gegen eine junge Frau zu verlieren.   

Als es 1984 um die Bemalung des neuen Ratssaals ging (von links): Stadtkämmerer Gerhard Pfeuffer, Regierungspräsident Franz Vogt, Oberbürgermeister Klaus Zeitler, Stadtbaurat Heinz Lützelberger und Bürgermeister Jürgen Weber vor dem Modell.
Als es 1984 um die Bemalung des neuen Ratssaals ging (von links): Stadtkämmerer Gerhard Pfeuffer, Regierungspräsident Franz Vogt, Oberbürgermeister Klaus Zeitler, Stadtbaurat Heinz Lützelberger und Bürgermeister Jürgen Weber vor dem Modell.

Foto: Georg Heußner

Von 1996 bis 2003 saß er für die für die Republikaner im Stadtrat

Heftige Kritik vor allem von seiner SPD fing sich Zeitler ein, als er den Sozialdemokraten den Rücken zuwendete und 1992 zu den Republikanern wechselte. Der Vorwurf, dass er ein Nazi geworden sei, ist für Zeitlers politischen Wegbegleiter Jürgen Weber "ein Blödsinn". Zeitler selbst hatte den Wechsel mit einem Linksruck der SPD weg von der klassischen Arbeiterpartei begründet. Ein Grund war auch, dass die SPD die Wiedervereinigung Deutschlands nicht mittragen wollte, die für Zeitler "unser größtes Glück" war. Von 1996 bis 2003 saß er für die für die Republikaner im Stadtrat. Dann wechselte er zur Würzburger Liste. 2014 schied er aus dem Stadtrat aus.

Ein OB in Badehose: Zeitler 1974 beim Wettkampf um den Schwimmerkönig im Stadtrat mit (von links) Manfred Scherk, Wolfgang Zirkelbach, Willi Dürrnagel, Hans Sponsel, Hanns Deppisch, Erich Felgenhauer, Wolfgang Bötsch, Bürgermeister Hermann Zürrlein, Hugo Vierheilig und Heiner Hauck.
Ein OB in Badehose: Zeitler 1974 beim Wettkampf um den Schwimmerkönig im Stadtrat mit (von links) Manfred Scherk, Wolfgang Zirkelbach, Willi Dürrnagel, Hans Sponsel, Hanns Deppisch, Erich Felgenhauer, Wolfgang Bötsch, Bürgermeister Hermann Zürrlein, Hugo Vierheilig und Heiner Hauck. Foto: Hans Heer

Wie sieht er den politischen Wechsel heute? "Ach, was soll man mit 90 noch bereuen? Jeder lebt in Raum und Zeit. Ein freier Mensch war ich immer. Wenn man sich mit dem Zeitgeist vermählt, ist man schnell Witwer", sagt er, zieht an seiner Zigarre und genießt schmunzelnd seinen Cognac.

Gefeiert wird am Sonntag mit seinem Sohn und seiner Tochter und geladenen Gästen im Bürgerspital.

Alt-OB Klaus Zeitler (rechts) und seine Nachfolger (von links): Christian Schuchardt, Georg Rosenthal, Pia Beckmann und Jürgen Weber. Das Foto entstand bei der Verabschiedung von OB Rosenthal im April 2014.   
Alt-OB Klaus Zeitler (rechts) und seine Nachfolger (von links): Christian Schuchardt, Georg Rosenthal, Pia Beckmann und Jürgen Weber. Das Foto entstand bei der Verabschiedung von OB Rosenthal im April 2014.    Foto: Theresa Müller

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