Würzburger Ansichten: Einer von uns

Würzburger Ansichten: Referent in der Zwickmühle

Würzburg hat gelesen. Zehn Tage lang stand der Roman „Die Jünger Jesu“ im öffentlichen Interesse, ein Buch von Leonhard Frank. Jenem Schriftsteller, an den sich Würzburg Jahrzehnte lang nicht wirklich gerne erinnert hat. Denn mit dem Erinnern ist das in Würzburg so eine Sache. (Sich) Erinnern kann nämlich auch schmerzhaft sein. So wurde und wird der 16. März 1945, der Tag der Bombardierung und fast vollständigen Zerstörung der Stadt und der dabei getöteten 5000 Menschen, nahezu ausschließlich aus der Perspektive des Schmerzes und des Leids betrachtet. Dass es für dieses tragische und traumatische Ereignis eine Ursache gab, nämlich das Terrorregime des Nationalsozialismus, wurde dabei, wenn nicht vergessen, so doch verdrängt. Und das nicht nur in Würzburg.

Leonhard Frank, der Mahner, Kritiker und überzeugte Pazifist, musste deshalb seine Heimat verlassen. Zum zweiten Mal, denn auch im Ersten Weltkrieg konnte er nicht in Deutschland bleiben. Als er 1950 aus dem Exil in den USA zurückkam, war der Zweite Weltkrieg beendet und Hitler-Deutschland geschlagen. Doch die Nationalsozialisten waren noch da, nicht nur das, sie besetzten wichtige Positionen, spannen weiter die Fäden. In Würzburg und anderswo. Davor und den damit für ganz Deutschland verbundenen Gefahren warnte Leonhard Frank und nicht, weil er seine konservative, bürgerliche Heimatstadt verunglimpfen wollte.

All dies und noch viel, viel mehr, konnten mehrere tausend Würzburger bei der Aktionswoche „Würzburg liest ein Buch“, während der die Persönlichkeit und das Werk Franks aus unterschiedlichsten Blickwinkeln betrachtet wurde, in rund 100 Veranstaltungen erfahren. Dafür gebührt den Verantwortlichen allergrößter Dank, denn sie haben Leonhard Frank ein Stück seiner Heimat zurückgegeben und umgekehrt auch seiner Geburtsstadt Würzburg einen wichtigen Schriftsteller, auf den sie stolz sein kann. Dass dies gerade jetzt möglich war, hat sicher auch damit zu tun, dass in den letzten Jahren aus dem Rathaus in Person von Ex-Oberbürgermeister Georg Rosenthal und Kulturreferent Muchtar Al Ghusain neue Impulse zur Kultur der Erinnerung gekommen sind.

Das wohl erst machte es möglich, dass jetzt eine Initiative aus der Mitte der Stadtgesellschaft entstehen konnte. So konnten auch gesellschaftliche Gruppierungen einbezogen werden, die bisher keinen Zugang zu dem „Gefühlssozialisten“ Frank gefunden hatten oder ihn gar nicht kannten, weil das „Geheimnis Frank“ allzu gut gehütet wurde. Jetzt, 53 Jahre nach seinem Tod, ist er wieder präsent und mitten unter uns. Und die vielen Veranstaltungen haben gezeigt, dass seine Werke auch heute noch große Aktualität haben. Grund genug also, es nicht bei einer Aktionswoche zu belassen, sondern die Erinnerung an den Schriftsteller dauerhaft in der Stadt zu verankern.

Ein paar Beispiele: Man könnte an ein Denkmal an einem zentralen (!) Ort denken. Oder ein regelmäßiges Symposium, mit dem sich Würzburg einen Namen als „Stadt des Friedens“ machen könnte. Wer wäre hierfür glaubwürdiger als eine Stadt, die in einem Krieg nahezu ausgelöscht war, aus den Trümmern neu entstand und es heute ernst meint mit dem Bekenntnis „Nie wieder Krieg!“ Oder ein interdisziplinäres Forschungszentrum unter Beteiligung der Würzburger Hochschulen. Oder ein Literaturmuseum, in dem auch die Erinnerung an andere Würzburger Literaten wie Max Dauthendey oder Yehuda Amichai wach gehalten wird. Hier könnten auch die vielen Frank-Ausgaben aus privaten und öffentlichen Sammlungen zusammengeführt werden.

Eine Chance besteht aber auch darin, dass während „Würzburg liest ein Buch“ auch viele junge Menschen erstmals von Leonhard Frank gehört und sich intensiv mit beachtlichen Projekten mit seinem Werk beschäftigt haben. Deshalb sollte Leonhard Frank in den Würzburger Schulen einen festen Platz finden.

Im Jahr 2014 sollte man Leonhard Frank in seiner Heimatstadt Würzburg als „einen von uns“ betrachten. Gerade weil er ein Unbequemer, ein Mahner, ein Aufrüttler, einer der die Dinge beim Namen nannte, war. Vorbei sein sollte jetzt die Zeit, als man ihn nur als „enfant terrible“ betrachtete, der „seine“ Stadt verunglimpfen wollte. Auf Fehlentwicklungen hinzuweisen, sie verhindern zu wollen, war aber noch nie ein Fehler. Frank hatte den Mut dazu und er musste dafür büßen. Auch in dieser Hinsicht kann er ein Vorbild sein.

Gerade an diesem Gründonnerstag, an dem die Würzburger Christen des biblischen Letzten Abendmahls gedenken, bietet sich die Gelegenheit darüber nachzudenken, warum Frank, der Kirchenkritiker, wohl ausgerechnet dieses Bild für seinen Roman gewählt hat. Frank schrieb aber auch einen Roman mit dem Titel „Der Mensch ist gut“. Und es wäre schon, wenn Würzburg jetzt mit seinem großen Sohn wieder gut wäre.

Denn: Leonhard Frank ist gut.

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