WÜRZBURG

„Würzburger Ansichten“: Quo vadis, Africa Festival?

Andreas Jungbauer       -  Andreas Jungbauer
Andreas Jungbauer Foto: Thomas Obermeier

Da ist sie wieder... die Würzburger Widersprüchlichkeit. Oder doch besser: Die Würzburger Vielfalt? Während über dem Marktplatz fränkische Weinseligkeit liegt (Weindorf), ist auf der anderen Mainseite für vier Tage eine Weltoffenheit eingekehrt, die man früher dem „Weinfass an der Autobahn“ kaum zugetraut hätte.

Doch die Zeiten haben sich geändert, die Stadt hat sich verändert. Das Africa Festival ist über drei Jahrzehnte lebensfroher Ausdruck des internationalen Würzburg geworden.

Menschen aus ganz Deutschland, aus Europa, viele Exil-Afrikaner kommen hier zusammen – bei einem Fest der Begegnung und des kulturellen Austausches.

Die positiven Seiten Afrikas nicht vergessen

Die Botschaft des Festivals war immer auch eine politische: Afrika ist nicht nur der Kontinent von Kriegen, Krankheit und Katastrophen – es ist ein faszinierender Kontinent mit großem menschlichem Reichtum und Chancen, die von Politik und Wirtschaft hierzulande viel zu wenig erkannt werden.

Klar: Musik und Kultur standen und stehen beim Festival im Vordergrund. Doch über die Jahre wurden auch inhaltliche Akzente gesetzt, ernste Themen wie Aids oder (in diesem Jahr) die Genitalverstümmelung nicht ausgeklammert. Es gab Jahre, da fanden fast täglich spannende Podiumsrunden statt. Mittlerweile sind sie Beiwerk – als Forum für die kritische Auseinandersetzung mit afrikanischen Themen wird das Festival nicht (mehr) wahrgenommen. Das ist schade.

Eine Million Euro Etat: wirtschaftliche Herausforderung

Damit einher geht die Kritik an einer Kommerzialisierung, die viele an den Eintrittspreisen festmachen. Sind acht Euro regulärer Platzeintritt also wirklich zu viel für drei Konzerte (offene Bühne), Kinder-, Kino-, sonstiges Rahmenprogramm und die ganze Infrastruktur?

Manche trauern den „guten alten Zeiten“ nach, als das Gelände noch nicht umzäunt und der Bummel noch gratis war. Auf rund eine Million Euro beziffern die Veranstalter heute den Etat. So viel Geld wird also für Programm, Infrastruktur und Logistik ausgegeben – und so viel muss eingenommen werden. Es ist nicht genug wertzuschätzen, dass in Würzburg ein kleines Team von Leuten Jahr für Jahr bereit ist, Verantwortung und Risiko einer solchen Großveranstaltung auf sich zu nehmen.

Rückkehr nach der Flut 2013 war ein Kraftakt

Wie schnell man unter die Räder bzw. unters Wasser kommen kann, hat sich ausgerechnet zum 25. Geburtstag vor vier Jahren gezeigt, als ein Main-Hochwasser das Festival wegspülte. Plötzlich saß man auf einer halben Million Euro Miesen, und nur eine gemeinschaftliche Anstrengung von Freunden, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft ließ das Festival wiederaufer- und weiterbestehen.

Ein Kraftakt. Er hat gezeigt, wie breit das Festival gesellschaftlich und politisch verankert ist. So gesehen, steckte in dem Flutdrama eine Chance – nämlich den „Gründergeist“ von Offenheit und Toleranz neu zu beschwören und wieder mehr aktive Mitstreiter hinter der Veranstaltung zu vereinen. Hierzu braucht es freilich die nötige Offenheit und Transparenz in der Festivalführung.

An Strukturen nach der Ära Oschmann denken

Gründer und Leiter Stefan Oschmann (65) ist der absolute Dreh- und Angelpunkt. Das Africa Festival ist sein Lebenswerk. Er hat es groß gemacht – und zuletzt gebremst. Es wurde gespart, verkleinert, verzichtet. Die Jahre von Besucherrekorden sind vorbei. Und in der Tat: Größe ist nicht alles, die Qualität muss stimmen.

Nur ist zu hoffen, dass das Festival nicht stirbt, sollte sich Oschmann irgendwann zurückziehen. Dafür ist es zu wertvoll, dafür ist es – auch mit Blick auf öffentliche Gelder – ein gesellschaftliches Ereignis und keine Privatveranstaltung.

Es muss also an perspektivische Strukturen gedacht werden. Eine rein kommerzielle Variante mit einem Profi-Veranstalter würde den „Geist“ des Festivals wohl endgültig verfliegen lassen. Stattdessen sollte es in Würzburg, dieser Stadt mit so vielen Afrika-Verbindungen, genügend Engagierte geben, die an der Zukunft des Festivals mitdenken und mitarbeiten wollen. Wenn man sie lässt.

Rückblick

  1. Africa Festival: Gentleman und die schöne Mitsing-Party
  2. Rund 80.000 Besucher beim 31. Africa Festival in Würzburg
  3. Africa Festival: Die schönsten Fotos vom Samstag
  4. Blutkrebs: Hunderte wollen Astrid G. helfen
  5. Africa Festival: Die Bilder vom zweiten Tag
  6. Africa Festival: Das sind die Bilder vom ersten Tag
  7. Wenn andere feiern: Arbeiten auf dem Africa Festival
  8. Africa Festival: Ist das Logo rassistisch?
  9. Sie halten Afrikas Traditionen fest - bevor sie verschwinden
  10. Das Millionen-Ding: Wie sich das Africa Festival finanziert
  11. Africa Festival: Was es alles zu wissen gibt
  12. Ärger um Africa Festival-Tickets: Jetzt antwortet Viagogo
  13. Africa Festival 2019 in Würzburg: Die wichtigsten Infos
  14. Verbraucherzentrale warnt vor Viagogo-Tickets
  15. Afrika-Ausstellung: Was es bald so nicht mehr geben wird
  16. Africa Festival: Diesmal wieder mit Straßenparade
  17. Africa Festival: Diese Künstler treten auf
  18. Africa Festival mit musikalischem Kulturerbe
  19. Africa Festival 2019: Calypso, Rum und Modeschauen
  20. Karibische Klänge und ein Chor
  21. Africa Festival: Geburtstagsfeier mit Alten und Bekanntem
  22. 30. Africa Festival: Über 85.000 Besucher
  23. Uni: Viele Verbindungen von Würzburg nach Afrika
  24. Wieviel Afrika steckt im Africa Festival?
  25. Standpunkt: Ein Preis ist relativ
  26. Steinmeier wirbt in Würzburg für ein aufgeklärtes Afrikabild
  27. „Afrikas Entwicklung beginnt auf den Heimatmärkten“
  28. Warum eine Debatte um Mohrenköpfe Realität verändern kann
  29. Rassismus im Alltag: Wenn einem Fremde in die Haare fassen
  30. Wo das Africa Festival zur Open-Air-Party wird
  31. Africa Festival: Zur Eröffnung kommt der Bundespräsident
  32. Wenn der Bundespräsident das Africa Festival eröffnet
  33. Africa-Festival-Macher: „Ein Gefühl von Heimat gegeben“
  34. Podiumsdiskussion: Schwarze Menschen in Deutschland
  35. Mit Weinen vom Kap und vom Stein
  36. Africa Festival: Am Schluss gibt's ein Bonbon für alle
  37. Mit dem Bundespräsidenten nach Gambia
  38. Wuchtige Abschlussparty mit Feuerzeug-Moment beim Africa Festival
  39. Tolle Kora, kämpferische Fatoumata - und ein Karrieresprung
  40. Debatte zu Genitalverstümmelung: Ein Dialog auf Augenhöhe
  41. Über 80 000 beim Africa Festival
  42. Trommeln? Einfach weglassen.
  43. Africa Festival: Das Fest der Freundschaften
  44. „Würzburger Ansichten“: Quo vadis, Africa Festival?
  45. Sechs Tipps für das Africa Festival
  46. Tausende strömten zum Auftakt des Africa Festivals
  47. Africa Festival: Startschuss für afrikanische "Lebensfreude"
  48. Africa Festival: Lebensfreude? Aber mit Sicherheit!
  49. „Ich versuche herauszufinden, was die Frau selbst möchte“
  50. Verstümmelt nicht! Rüdiger Nehberg und die unfassbare Sache

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