Würzburg

Würzburger Kinderporno-Fall: Prügel bei der Festnahme?

Die Polizisten, die den Logopäden überwältigten, haben wohl entschlossen zugepackt. Nun wird geprüft: Lief der Einsatz rechtmäßig oder war das Vorgehen zu brutal??
Ein Spezialeinsatzkommando (SEK) der Polizei half bei der Festnahme des Logopäden. Nun wird der damalige Einsatz genau unter die Lupe genommen (Symbolbild).
Ein Spezialeinsatzkommando (SEK) der Polizei half bei der Festnahme des Logopäden. Nun wird der damalige Einsatz genau unter die Lupe genommen (Symbolbild). Foto: Marius Becker, dpa

Die Festnahme zweier Verdächtiger im Würzburger Kinderporno-Fall in der Nacht des 20. März hat zu internen Ermittlungen bei der Polizei geführt. Nach Informationen dieser Redaktion überprüfen interne Ermittler die Arbeit des Sondereinsatzkommandos (SEK) in der Nacht auf korrekte Vorgehensweise.

SEK stürmte Haus

Ein überraschender Zugriff war nach Aussagen von Experten bei der Festnahme in einem Haus im Würzburger Stadtteil Rottenbauer wichtig. Die Befürchtung bestand bei den Ermittlern, dass die zwei damals Verdächtigen beim Eindringen der Polizisten ins Haus und der Festnahme noch schnell in letzter Sekunde Beweise am Computer vernichten könnten.

Deshalb wurde mit der Erstürmung des Hauses ein auf heikle Festnahmen trainiertes SEK betraut. Der verdächtige Logopäde saß gerade am Computer, als Männer in Sturmhaube plötzlich im Zimmer standen und ihn zu Boden zwangen – ebenso seinen Partner im Obergeschoss. Die Ermittler sicherten große Mengen von Daten, die den Tatverdacht erhärteten.

Hart angefasst bei der Festnahme

Aber nach Informationen der Redaktion wurden inzwischen interne Ermittler damit beauftragt, zu prüfen, ob der Verdächtige und sein Lebensgefährte bei der Festnahme unnötig hart angefasst oder geschlagen wurden. Die zwei Verdächtigen sollen keinen Widerstand gegen die trainierten Polizisten geleistet haben und völlig überrascht gewesen sein.

Doch nach Informationen unserer Redaktion soll bei der anschließenden Vernehmung der festgenommene Logopäde deutliche Schlagspuren im Gesicht gehabt haben. Auch von Prellmarken im Brustbereich ist die Rede. Er soll über Schmerzen im Rippenbereich geklagt haben.

Auch sein Mann hatte in den Tagen darauf Schmerzen. Er wurde kurz darauf wieder auf freien Fuß gesetzt, weil sich gegen ihn der Tatverdacht nicht erhärtet hat. Sein Partner sitzt in Untersuchungshaft. Er soll ihm anvertraute Buben im Kindergartenalter missbraucht und dies gefilmt haben. Er hat bei den Ermittlungen später zu sieben Opfern Angaben gemacht, die Ermittlungen dauern an. 

Keine Strafanzeigen der Festgenommenen

Waren die Verletzungen ein unvermeidbarer Nebeneffekt des entschlossenen Zugriffs oder unnötige Härte? Auf Nachfrage erklärten die Verteidiger des Paares, Jan Paulsen und Norman Jacob, dazu lediglich: Weder der Beschuldigte noch sein inzwischen freigelassener Mann hätten Strafanzeige erstattet. 

Der Staatsanwaltschaft liegt offenkundig daran, deutlich zu machen, dass bei der Festnahme – trotz der abstoßenden Tat, der man den Logopäden verdächtigt – rechtsstaatlich einwandfrei gearbeitet wurde.  Thorsten Seebach, Sprecher der Würzburger Staatsanwaltschaft, sagte, "dass von Amts wegen aufgrund der Angaben des Beschuldigten Ermittlungen gegen einen (noch) unbekannten SEK-Beamten wegen Körperverletzung im Amt eingeleitet wurden".

LKA ermittelt

Der Sprecher der Anklagebehörde präzisiert: "Die Ermittlungen dauern noch an und werden vom Bayerischen Landeskriminalamt in enger Abstimmung mit der Staatsanwaltschaft Würzburg geführt." Eine bisher mit dem Fall nicht betraute Polizeidienststelle muss in solchen Fällen ermitteln, um die Unabhängigkeit einer Untersuchung zu gewährleisten.

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