WÜRZBURG

Würzburger Muslime besorgt um den Ruf ihrer Religion

Sharif Mohsen (links) vom Ausländer- und Integrationsbeirat der Stadt Würzburg und Ahmet Bastürk, Sprecher der fünf Moscheegemeinden in Würzburg wehren sich dagegen, dass ihre Religion mit Terroranschlägen in Verbindung gebracht wird. Foto: Angelika Kleinhenz

Nach dem Axt-Attentat vor zwei Jahren gaben die fünf Würzburger Moscheen eine gemeinsame Presseerklärung heraus, in der sie sich strikt von jeglicher Form der Gewalt im Namen ihrer Religion distanzierten. Im Februar vergangenen Jahres beteten sie beim Friedensgebet der Nagelkreuz-Initiative in der Marienkapelle gemeinsam mit Vertretern der katholischen und der evangelischen Kirche für die Opfer.

Was sich seither an Prävention gegen religiöse Radikalisierung in ihren eigenen Gemeinden getan hat und ob sich Muslime in ganz Europa stärker vom Terror im Namen ihrer Religion distanzieren müssten, darüber sprachen wir mit Ahmet Bastürk, dem Sprecher der fünf Moscheegemeinden und Sharif Mohsen vom Ausländer- und Integrationsbeirat der Stadt Würzburg.

Was wird an Prävention seither unternommen?

Bastürk: Wir haben Vorträge über Terror gehalten. Jede Moschee hat darüber hinaus über ein anderes Thema des Islam aufgeklärt. Wir haben alle Flüchtlingsunterkünfte in Würzburg besucht, uns vorgestellt und auch die Bewohner zu den Vorträgen über Radikalisierung eingeladen. Wir sind beim Präventionsnetzwerk von Stadt und Landkreis Würzburg aktiv und haben sehr harmonische Beziehungen zur Stadt und zur hiesigen Polizei. Diese guten Beziehungen zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen wollen wir uns in Würzburg bewahren.

Oft kommt der Vorwurf, Muslime kapseln sich vom Rest der Bevölkerung ab – wie sieht das in Würzburg aus?

Bastürk: Wir wollen uns nicht abkapseln, sondern mitmachen und über unsere Religion aufklären. Auf Wunsch besuchen wir Schulen und Kindergärten. Kurz vor der Fastenzeit haben wir Schülern erklärt, wie der Ramadan abläuft. Bei der Landesgartenschau erläutern wir, wie unsere Religion zur Natur steht. Wir sind hier keine Fremden. Ich lebe seit 48 Jahren in Franken. Wir gehören zu dieser Gesellschaft und wollen friedlich miteinander leben. Darauf legen wir innerhalb und außerhalb der Moscheen unser Hauptaugenmerk.

Wie viele Muslime erreichen Sie mit dieser Botschaft in Würzburg?

Sharif Mohsen: Wenige unserer Moscheebesucher sind eingetragene Mitglieder. Bei den Freitagsgebeten kommen aber pro Moschee 800 bis 1000 Gläubige.

Was ist der Inhalt der Freitagspredigt?

Bastürk: Sie handelt vom richtigen Verhalten des Menschen in der Gesellschaft. Wer zuhört, müsste immun sein gegen Radikalisierung.

Findet Prävention bei Ihnen also schon jeden Freitag in den Predigten der fünf Würzburger Moscheen statt?

Bastürk: Richtig. Jeden Freitag werden Gläubige an die islamischen Werte erinnert: daran, dass man niemandem etwas Böses antun darf, egal, welche Religion, Nationalität oder Herkunft jemand hat. Diese Attentäter haben mit dem Islam nichts zu tun. Sie suchen sich ein Alibi, um Gewalt auszuüben. In Arabien wurden tausende Muslime vom IS gefoltert und ermordet.

Hat sich seit dem Anschlag in Würzburg die Stimmung Ihnen gegenüber verändert?

Bastürk: Nicht nur in Würzburg. In ganz Europa gab es in den vergangenen zwei Jahren über 300 Brandanschläge und Angriffe auf Moscheen. Allein in Deutschland waren es rund 80. Muslima mit Kopftuch werden in der Straßenbahn in Würzburg schräg angeschaut.

Wenn sich Gewalttäter auf den Islam berufen, sind doch vor allem Muslime in der Pflicht, sich von ihnen zu distanzieren.

Mohsen: Ja. Doch dabei gibt es ein Problem. Medien transportieren Fotos oder Videos der Attentäter viel zu oft unkommentiert zur Bevölkerung. Dadurch bekommen viele ein verzerrtes Bild vom Islam, beispielsweise die schrecklichen Bilder von Live-Köpfungen und dahinter eine Sure aus dem Koran. Wenn ich kein Moslem wäre, hätte ich Angst vor dem Islam. Die Aufklärung, was der Islam ist, wie es zu solchen Attentaten kommt und eine Abgrenzung der Attentate zur Religion sind nicht nur von Seiten der Muslime wichtig, sondern auch von Seiten der Medien und der hier lebenden Bevölkerung.

Viele Christen sind aber auf Informationen von Ihnen angewiesen.

Mohsen: Wir versuchen, den Islam richtig darzustellen, doch manche Menschen sind aufgrund von Vorurteilen nicht bereit, Informationen aufzunehmen. Das Wort „Islamismus“ ist ein Problem.

Welches Problem haben Sie damit?

Bastürk: Wenn ein Attentäter vom IS angeleitet wird, spricht man von islamistisch. Automatisch haben die Zuhörer eine Verknüpfung zum Islam. Das tut uns weh. Viele Bürger unterscheiden nicht mehr zwischen Islam und Islamismus.

Wie würden Sie so einen Anschlag betiteln?

Bastürk: Es war der Anschlag eines Verrückten, der sich auf den Islam bezieht, der aber nichts mit der Religion zu tun hat.

Wie stehen Sie zum Begriff Salafismus?

Bastürk: Das Wort „salife“ ist bei Muslimen positiv besetzt. Es heißt im Grunde nichts anderes, als dass man lebt wie die ersten Muslime. Man könnte jeden Moslem, der fünf Mal am Tag betet, an Ramadan fastet und keinen Alkohol trinkt und seine Abgaben entrichtet, als Salafist bezeichnen. Aufgrund der Ereignisse verbindet man aber das Wort mit jener radikalen, gewaltbereiten Gruppe.

Wie ist es mit dem Wort Dschihad?

Bastürk: Bei uns ist das „eine auf ein Ziel gerichtete Anstrengung“. Es heißt nicht, man soll sich Gewehre nehmen und kämpfen. Der größte Dschihad ist, mit sich selbst zu kämpfen. Wenn ich in einem nicht muslimischen Land meine Religion richtig ausübe und mich gleichzeitig der Gesellschaft anpasse und ein Vorbild bin, dann ist das für mich ein Dschihad.

Doch der Begriff wurde hier durch den IS bekannt...

Mohsen: Das ist richtig. Doch mein Sohn sagt, wenn ich analog dazu eine Passage eines Werkes von Goethe aufgreifen würde, so könnte ich etwas daraus übersetzen, was mit dem Kontext, mit der ganzen Geschichte und der Ethik dahinter nichts mehr zu tun hat. Er nannte mir das lateinische Wort ratio. Es hat mehr als 20 verschiedene Bedeutungen. Ähnlich verhält es sich mit dem arabischen Begriff Dschihad. Doch mittlerweile hat jeder nur eine Deutung im Kopf.

Müssten sich Muslime nicht stärker vom IS distanzieren?

Bastürk: Wir müssen auch eigenkritisch sein. Wir Muslime in Europa haben vieles nicht richtig rüberbringen können. Wir hätten lauter unsere Stimmen erheben und sagen müssen: Töten ist eine große Sünde im Islam.

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