WÜRZBURG

Würzburger helfen Geflüchteten in Italien

Vera Horxha und Christian Ludwig vom Würzburger Verein „Mobile Flüchtlingshilfe“ besprechen den Gorizia-Einsatz nach.
Vera Horxha und Christian Ludwig vom Würzburger Verein „Mobile Flüchtlingshilfe“ besprechen den Gorizia-Einsatz nach. Foto: Pat Christ

Ali spricht fließend Deutsch. Kein Wunder. Sieben Jahre lebte er in Deutschland. In Hamburg baute er sich nach seiner Flucht aus Afghanistan eine neue Existenz auf. „Nach jahrelanger Duldung wurde er plötzlich abgeschoben“, sagt Christian Ludwig vom Würzburger Verein „Mobile Flüchtlingshilfe“. Ali landete in Italien. Momentan lebt er mit hundert anderen Menschen in einem 500 Meter langen Tunnel im norditalienischen Gorizia. Dort traf ihn Christian Ludwig Ende Oktober bei seinem jüngsten Flüchtlingseinsatz.

Bereits 20 Mal im Einsatz

Vor zwei Jahren ging die „Mobile Flüchtlingshilfe“ an den Start. Was die jungen Leute, die sich als Vereinsmitglieder oder Freiwillige für die Organisation engagieren, in dieser kurzen Zeit auf die Beine gestellt haben, ist erstaunlich. „Wir waren bisher rund 20 Mal im Einsatz“, sagt Ludwig.

Serbien, Kroatien, Griechenland, Italien – überall dort, wo Flüchtlinge unter prekären Umständen leben, versucht das Team der „Mobilen Flüchtlingshilfe“, die größte Not zu lindern. Zahlreiche Unterstützer ermöglichen das Engagement. „Seit Herbst 2015 haben wir um die 100 000 Euro an Spenden erhalten“, sagt Vera Hoxha, die mit Christian Ludwig und Julie Michelle Brustmann zu den Initiatoren gehört. Sogar über ein eigenes Auto verfügt der Verein inzwischen. Das ist gerade in Athen im Einsatz. Dort hat die Mobile Flüchtlingshilfe ein Großprojekt gestartet: Ehemalige Geflüchtete suchen Flüchtlinge auf, um sie dem Hilfesystem zuzuführen.

Unvorstellbare Zustände in Italien

Christian Ludwig war schon in vielen Ländern im Einsatz gewesen. Die jüngste Tour nach Italien ragt aus den bisherigen Einsätzen heraus. Dass der Einsatz diesmal sehr speziell sein würde, war dem 24-Jährigen allerdings nicht bewusst gewesen, als er sich am 23.Oktober mit einem gemieteten Transporter voller Schlafsäcke, Isomatten und Hygieneartikel auf den siebeneinhalbstündigen Weg nach Gorizia machte. Stutzig wurde er, als die ersten Flüchtlinge im Tunnel auf ihn zukamen: „Sprichst du Deutsch?“ Das war Ludwig nicht gewohnt gewesen: „Die Flüchtlinge, die wir bisher kennen gelernt haben, sprachen Englisch, Farsi oder Dari. “

Wie sich herausstellte, leben im Tunnel von Gorizia zu 80 Prozent Menschen, die aus Deutschland, Dänemark oder den Niederlanden abgeschoben wurden. Allein im ersten Quartal dieses Jahres forderte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge Italien auf, fast 6 750 Asylbewerber, die sich bereits in Deutschland befanden, zurückzunehmen. Hintergrund ist die Dublin III-Verordnung. Die besagt, dass in der Regel jener EU-Mitgliedstaat das Asylverfahren durchführen muss, in dem die geflüchteten Menschen erstmals registriert wurden.

Statt Schule bleibt nur die Flucht

Christian Ludwig ging das Schicksal der Flüchtlinge, die er in Gorizia kennen lernte, sehr nahe. Da war zum Beispiel Salman, der nur sechs Jahre jünger ist als er selbst. Er habe in seiner Heimat unbedingt in die Schule gehen wollen, erzählte der 18-Jährige dem Flüchtlingshelfer. Doch die Taliban wollten das nicht. Salman widersetzte sich. Was die Taliban erboste. „Er erzählte mir, dass er entführt wurde und in einem Versteck der Taliban mit anderen Kindern Bomben bauen musste“, berichtet Christian Ludwig. Irgendwann gelang es Salman, die Polizei zu verständigen. Die befreite ihn. Von da an war der Junge in Lebensgefahr. Mit 13 Jahren floh er aus Afghanistan. Fast zwei Jahre war er auf der Flucht, bis er in Berlin ankam.

In Berlin erfüllte sich Salmans großer Wunsch: Er durfte eine Schule besuchen. „Sein Ziel war es, Krankenpfleger zu werden“, berichtet Ludwig. Dann wurde Salman 18. Kurz nach seinem Geburtstag wurde er abgeschoben. „Als ich in Gorizia ankam, lebte Salman gerade zwei Tage lang im Tunnel“, sagt Christian Ludwig.

Erschütternde Zustände

Wie die Menschen in diesem Tunnel hausten, sei unvorstellbar, berichtet der Student. Sie schlafen auf eiskalten Betonböden: „Jeder ist krank, die Leute wollten von uns Schmerzmittel haben.“ Über örtliche Helfer ließ das Trio der Mobilen Flüchtlingshilfe die Schlafsäcke, Isomatten und Hygieneprodukte verteilen. Zweimal bereiteten sie ein Frühstück für die Geflüchteten zu. Die Dankbarkeit, mit der die Tunnelbewohner auf die alles andere als üppige Mahlzeit reagierten, überwältigte Christian Ludwig und seine beiden Mitstreiterinnen von der „Mobilen Flüchtlingshilfe“.

Das Ausmaß der Not in Norditalien ist für Ludwig erschütternd. Nicht nur in Gorizia leben Geflüchtete unter menschenunwürdigen Umständen. Auch im zehn Kilometer entfernten Gradisca sowie im 100 Kilometer entfernten Pordenone mangelt es an Hilfsmitteln und Helfern.

„Manchmal könnte ich deswegen heulen“

Die Einsätze, gibt Ludwig zu, gehen an die Substanz. Dass in einem Europa, das vorgibt, eine Wertegemeinschaft zu sein und die Menschenrechte hochzuhalten, derartiges Elend akzeptiert wird, ist für ihn nicht zu fassen: „Manchmal könnte ich deswegen heulen.“ Wobei ihn vor allem betroffen macht, dass das Leid der Menschen, die vor existenziellen Bedrohungen fliehen, weithin ignoriert wird: „In den Nachrichten kommen manchmal Zahlen, pure Zahlen jenseits von menschlichen Schicksalen, danach beginnt die Sportschau.“

Die große Not zu sehen und gleichzeitig über lediglich beschränkte Möglichkeiten der Hilfe zu verfügen, sorgt immer wieder für Frust. Noch viel mehr, sagen Christian Ludwig und Vera Hoxha, müsste getan werden. Doch der Würzburger Verein ist klein. Zwar gelang es in den vergangenen zwei Jahren, 200 Helferinnen und Helfer zu mobilisieren. Doch viele machen nur ein oder zwei Einsätze mit. Mehr ist angesichts beruflicher und privater Verpflichtungen nicht möglich. Die Hauptarbeit des Vereins tragen nur eine Handvoll Menschen.

Helfer werden weiter gesucht

Zum zweiten Geburtstag, der am 22. November gefeiert wird, wünschen sich die Vereinsmitglieder weitere Freiwillige, die bereit sind, Einsätze mitzumachen. Auch braucht es noch Helfer für die organisatorische Arbeit – etwa das Spendeneinwerben. Und noch etwas würde dringend benötigt, so Ludwig: „Wir bräuchten ein kleines Lager, so dass wir schneller zu Einsätzen aufbrechen könnten.“ Derzeit muss jeweils vor dem Einsatz in Windeseile das besorgt werden, was vor Ort dringend fehlt.

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