Würzburg

Würzburger schaffen den digitalen Röntgen-Durchblick

Physiker Röntgen würde staunen: Mit seiner Strahlenentdeckung vor 125 Jahren sind heute 3-D-Blicke in den Körper möglich. Eine Würzburger Firma entwickelt die Programme.   
Die Würzburger Firma aycan hat  Röntgenstrahlen und Radiologie ins digitale Zeitalter befördert und entwickelt immer neue Lösungen. Im Bild: Geschäftsführer Stephan Popp mit MRT-Bildern von einer Prostata.
Die Würzburger Firma aycan hat Röntgenstrahlen und Radiologie ins digitale Zeitalter befördert und entwickelt immer neue Lösungen. Im Bild: Geschäftsführer Stephan Popp mit MRT-Bildern von einer Prostata. Foto: Thomas Obermeier

Wenn Stephan Popp mal wieder Geschäftskunden aus Italien, Polen oder Japan zu Besuch in seiner Würzburger Firmenzentrale hat, dann macht er mit ihnen gerne einen Ausflug. Nicht in die Weinberge oder in den Biergarten. Der IT-Experte schließt den überraschten Gästen dann persönlich ein denkwürdiges Labor am heutigen Röntgenring auf – dort, wo der weltweit erste Nobelpreisträger im Jahr 1895 die nach ihm benannten Strahlen entdeckte.

Die Röntgen-Entdeckung von 1895 ins digitale Zeitalter gehievt 

Zugang zur Gedächtnisstätte hat Popp als Schatzmeister des Röntgen-Kuratoriums, das den Entdeckungsort noch viel stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken möchte. Wenn der 55-Jährige von dem prominenten Physiker erzählt, leuchten seine Augen. Für ihn persönlich ist Wilhelm Conrad Röntgen sozusagen der Anfang von allem. 1996 hat Popp sein Unternehmen mit dem Kunstnamen aycan gegründet und sich auf Computerprogramme für die Medizintechnik, besonders für die Radiologie, spezialisiert. Röntgen 2.0 sozusagen, Durchleuchten im digitalen Zeitalter.

20 Beschäftigte arbeiten am Firmenstandort im Gewerbegebiet Aumühle, die meisten von ihnen tüfteln als IT-Cracks an neuer Software. Profitieren von den Entwicklungen sollen Ärzte, Kliniken und Patienten gleichermaßen. War die Hand Wilhelm Conrad Röntgens samt Ehering auf seiner Erstaufnahme eher schemenhaft zu erkennen, so liefern moderne Radiologie, Computertomografie oder Angiografie heute gestochen scharfe Bilder – und dank Programmen und starker Rechnerleistung sogar 3-D-Einblicke in den menschlichen Körper.

Beispiel Mammografie: Statt wie bisher üblich vier Bilder mit 40 Megabyte, werden für die sogenannte Brust-Tomosynthese 60 bis 80 Bilder aus verschiedenen Perspektiven geschossen und schichtweise zusammengesetzt. Ein möglicher Tumor lässt sich damit viel besser lokalisieren. Natürlich braucht es für diese datenreichen Bilder den nötigen Speicherplatz: Statt 40 MB verschlingt die 3-D-Aufnahme rund 2,5 Gigabyte. "Die Datenmengen explodieren", sagt Popp.

Nur ein Beispiel: Solche Körperaufnahmen werden durch Bildgebungsprogramme der IT-Experten von aycan möglich.
Nur ein Beispiel: Solche Körperaufnahmen werden durch Bildgebungsprogramme der IT-Experten von aycan möglich. Foto: Thomas Obermeier

Das ist nicht anders bei hochaufgelösten MRT-Aufnahmen, die zur Befundung bei Prostatakrebs verwendet werden. Aycan-Mitarbeiter haben das Programm dafür geschrieben: Radiologen können für die Auswertung den Kontrastmittelfluss und die Farbüberlagerungen über einen bestimmten Zeitraum verfolgen – eine 4-D-Untersuchung also, die detaillierte Bilder liefert und die Prostata-Befundung deutlich verkürzt. Eine reibungslose Datenübertragung an die Urologen ist gesichert. Auch das schlagende Herz kann mittlerweile nahezu in Echtzeit und im Bewegtbild auf den Monitor übertragen werden. Fehlfunktionen sind für Kardiologen dadurch viel schneller zu erkennen.

Filiale in Würzburgs US-amerikanischer Partnerstadt Rochester

Daten über Daten. Hinzu kommt, dass radiologische Aufnahmen für mindestens zehn Jahre archiviert werden müssen. Auch dafür entwickelt aycan Software-Systeme und übernimmt die Betreuung der Kunden. In Deutschland sind das rund 400 niedergelassene Radiologen und große Krankenhäuser. Die weltweit rund 2000 Kunden sind überwiegend auf dem europäischen Markt zu finden, aber auch in den USA. Hier betreiben die Würzburger eine Filiale mit zehn Angestellten in der Partnerstadt Rochester. Und gerade hat aycan ein Angebot für den mongolischen Staat abgegeben: Dort soll ein landesweites Radiologie-Netz aufgebaut werden.

"Röntgen ist wie ein Eisbrecher. Die Strahlen kennt jeder."
Stephan Popp, aycan-Geschäftsführer

Wo immer auf der Welt Stephan Popp geschäftlich unterwegs ist, erzählt er vom Röntgen-Entdeckungslabor in Würzburg, "dann ist das wie ein Eisbrecher. Die Strahlen kennt wirklich jeder." So gesehen hat aycan nicht nur mit der zentralen Lage in Deutschland, sondern auch mit Röntgen und seiner Entdeckung einen Standortvorteil. Nur ausruhen kann sich der Firmenchef darauf nicht.

Nach Riesensprüngen vor zehn bis 20 Jahren macht die digitale Bildgebung in der Radiologie derzeit eher kleine Schritte. Dafür rücken im Gesundheitswesen andere Themen in den Vordergrund, und die Würzburger Entwickler wollen auch hier am Puls der Zeit sein. Beispiel Organisation: "Es gibt immer größere Radiologiepraxen und weniger Einzelradiologen", beschreibt Popp die Veränderung in der Branche. Für aycan ein neues Aufgabenfeld. Auslastung von Geräten, Terminvereinbarung, Wartezeiten für Patienten, Abrechnungen – für gute Abläufe in großen Praxen braucht es eine gute Software. Aycan arbeitet hier mit einer Firma aus Jena zusammen. 

Direkte Übertragung von Gesundheitsdaten 

Doch bei all den Fortschritten in der Tradition Wilhelm Conrad Röntgens ist sich Stephan Popp der Sensibilität von Gesundheitsdaten bewusst. Sie vor unbefugtem Zugriff zu schützen, zählt der Geschäftsführer praktisch zur DNA seines Unternehmens. "Wir werden niemals einen Server betreiben, auf dem medizinische Daten liegen", sagt der gelernte Krankenpfleger und studierte Elektroingenieur, "dafür ist uns das Risiko zu groß."

Gesundheitsdaten, davon ist er überzeugt, hätten auf zentralen Rechnern nichts zu suchen. Deshalb hat aycan eine Patienten-App entwickelt und einen sicheren, gut verschlüsselten Kommunikationskanal (VPN-Tunnel) ohne eine zentrale Speicherung. Der direkte Draht also zwischen Patient und Klinik oder Arzt, ohne dass Dritte mitlesen können - nicht einmal der Softwareproduzent. Als erste europäische Firma habe man damit eine Zulassung für den amerikanischen Markt erhalten, berichtet Popp nicht ohne Stolz.

Neu entwickelte App für Kommunikation zwischen Patient und Arzt

Die personalisierte Medizin mit individuellen Behandlungsplänen ist auf dem Vormarsch. Entsprechend wird die Kommunikation zwischen Patienten und Ärzten immer wichtiger – nicht nur das persönliche Gespräch, sondern auch der Austausch von Daten und Befunden. Für aycan ein neues, spannendes Feld über den klassischen Röntgen-Tellerrand hinaus.

Die "Patient-Empowerment-App" dockt direkt an ein Kliniksystem an, der Patient kann von dort aus digital angeleitet und geführt werden. Während er über die App oder seine Fitness-Uhr bestimmte Gesundheits- oder Bewegungsdaten erfasst, schicken die Ärzte wiederum Werte, Befunde oder den Entlassbrief auf das Smartphone. Oder "klassische" Röntgenbilder.

Popp ist überzeugt, dass diese Entwicklung seines Unternehmens noch für Furore sorgen wird. Der Anfang jedenfalls ist gemacht: Das Universitätshospital Basel mit seinen 36 Einzelkliniken – eine der größten Kliniken in der Schweiz – hat sich das Programm zugelegt. Am Erfolg der Gesundheitsapp und weiterer Entwicklungen zweifelt der Geschäftsführer nicht: "Der Bedarf ist auf jeden Fall vorhanden."

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