WÜRZBURG

Würzburgerin sucht Menschen mit dem Schicksal "Adoption"

Die Würzburgerin kennt niemanden, der bei Adoptiveltern aufgewachsen ist. Über das Würzburger Aktivbüro versucht sie deshalb, solche Männer und Frauen zu treffen.

Es war der Faschingsdienstag 1966. Die Eltern waren beim Faschingszug im Würzburger Stadtteil Heidingsfeld. „Ich blieb daheim, denn ich war erkältet“, erzählt Monika. Es war ihr langweilig. Die damals 16-Jährige begann, in den Wohnzimmerschränken zu stöbern. Da entdeckte sie ein Dokument, das ihr den Atem verschlug: „Ich erfuhr, dass meine Eltern gar nicht meine Eltern waren. Ich war adoptiert. Sie konnte – so sagt sie – „nicht mehr aufhören zu heulen“.

Heute ist Monika 64 Jahre. Ihren vollständigen Namen will die Würzburgerin nicht nennen. Noch ist es ihr unangenehm, wenn Menschen von ihrem Schicksal wissen: „Irgendwie schäme ich mich dafür. Auch wenn ich gar nicht genau sagen kann, warum.“

Der Schmerz bleibt

Monikas Adoptivmutter ist inzwischen tot, letztes Jahr starb auch die leibliche Mutter. Monika ist verheiratet und hat eine Tochter, zu der eine gute Beziehung besteht. Und doch gibt es in ihr etwas, das nicht zur Ruhe kommen will. Da hilft alles nichts, was sie erreicht hat im Leben. Berufliche Erfolge. Oder auch der Partner nicht. Etwas schmerzt weiter. Ob das anderen Menschen mit dem Schicksal „Adoption“ auch so geht?

Monika kennt niemanden, der bei Adoptiveltern aufgewachsen wäre. Über das Würzburger Aktivbüro versucht sie aktuell, solche Männer und Frauen zu treffen. Dass in Monika ein Schmerz wühlt, sieht man der resoluten Frau, die genau zu wissen scheint, was sie will, nicht an. Nach außen wirkt die 64-Jährige stark.

Bis sie 16 Jahre alt war, erzählt Monika, verlief ihr Leben so wie das Leben vieler Mädchen in den 1950er Jahren. Materiell fehlte es ihr letztlich an nichts. Allerdings war die Mutter streng – und mitunter geradezu unbarmherzig: „Machte ich etwas, was ihr nicht gefiel, strafte sie mich mit Nichtachtung.“ Mindestens einen Tag lang gab es dann keinen einzigen Blick. Kein einziges Wort. Ein nicht leer gegessener Teller reichte für solche Sanktionen.

Nachdem sie entdeckt hatte, dass ihre Eltern sie – wie Monika es empfand – 16 Jahre lang „in einer Lüge leben ließen“, war das Verhältnis vor allem zur Mutter völlig gestört. Dennoch musste Monika bei den Adoptiveltern ausharren. Erst mit 21 Jahren zog sie nach Frankfurt, um eine kaufmännische Ausbildung zu beginnen. Die nächsten Lebensjahre waren geprägt vom Beruf und der Erziehung der eigenen Tochter.

Monika hatte eine Scheidung hinter sich und musste sich als alleinerziehende Mutter durchschlagen. Erst 20 Jahre nach der Entdeckung, dass sie nicht das leibliche Kind ihrer Eltern war, begab sie sich auf die Suche nach der „echten“ Mutter. Pragmatische Gründe führt sie an: „Ich wollte wegen meiner Tochter wissen, ob es in meiner Familie chronische Krankheiten gibt.“

Tief innen hatte sie jedoch noch eine andere Sehnsucht. Monika malte sich aus, wie es sein würde, der Frau zu begegnen, die sie neun Monate in ihrem Bauch getragen hatte. Die sie hatte weggeben müssen: „Der Mann, von dem sie mit mir schwanger gewesen ist, war verheiratet.“ 1950 ein Skandal.

Keine spontane Zuneigung

Monika fand Kontakt zu ihrer Mutter. Sie besuchte sie. Und noch einmal wurde ihr der Boden unter den Füßen weggezogen. Es gab nichts, stellte sie fest, was sie mit dieser Frau verband. Keine spontane Zuneigung flammte auf. Die Frau benahm sich künstlich. Oberflächlich. Kalt.

Das Gefühl, nirgendwo hinzugehören, nagt in ihr. Es prägt ihr Lebensgefühl, das so ganz anders ist als das von Menschen, die in „normalen“ Familien aufwuchsen. Monika hat immer das Gefühl, sich auf dünnem Eis zu bewegen. Geht es anderen Menschen, die adoptiert wurden, auch so? Wie gehen sie mit ihrer Wurzellosigkeit um? Bekamen sie gesagt, dass sie nicht das leibliche Kind der Eltern sind? Oder fanden auch sie es auch per Zufall heraus?

Monika hat viele Fragen. Und will Menschen mit ähnlichem Schicksal treffen. Vielleicht legt sich dann ihr Schmerz: „Und vielleicht kann ich meinen beiden Müttern endlich verzeihen.“

Wer Interesse an einer Gruppe für erwachsene Menschen, die adoptiert waren, hat, kann sich unter Tel. (09 31) 37 37 06 an das Würzburger Aktivbüro wenden.

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