WÜRZBURG

Zellerauer wollen Flüchtlingen helfen

Willkommen heißen wollen auch viele Ehrenamtliche im Erstaufnahmelager für Flüchtlinge in der Weißenburgstraße. Foto: Thomas Obermeier

„Ich hatte mit 15 Personen gerechnet.“ Burkard Fuchs ist einen Moment sprachlos, blickt ungläubig zur Tür des kleinen Raumes. Immer wieder werden Stühle in die Handwerkskammer in der Zellerau geschleppt, immer enger rutschen die Menschen zusammen. Am Ende sitzen am Donnerstagabend knapp 80 Bürger vor Fuchs, dem Ehrenamtskoordinator der Stadt Würzburg. Sie alle verbindet eines: Sie wollen mit anpacken und den Flüchtlingen im Aufnahmezelt in der Weißenburgstraße helfen.

„Ehrenamtliche Unterstützung ist mehr als ehrenamtliche Unterstützung“, sagt Fuchs in seiner Eingangsrede. Mit der Einsatzbereitschaft der Bürger werde die eigentliche Stimmung deutlich – und auch behördliches Handeln korrigiert. Denn dieses funktioniere nach bestem Wissen und Gewissen, allerdings eben auch aus einer gewissen Distanz. „Man muss einfach hinschauen und sehen, wie sich die Realität abbildet.“ Daher sei er umso glücklicher, dass so viele Würzburger zu dem spontan angesetzten Infoabend für ehrenamtliche Unterstützer bei der Versorgung und Betreuung der Asylbewerber in der Zellerau gekommen sind. Die Hilfe müsse jetzt schnell organisiert werden.

Am Donnerstag seien die ersten 50 Flüchtlinge aus Syrien, Irak, Afghanistan und der Ukraine in dem reinen Männerzelt angekommen, berichtet Fuchs. In der Theorie sollen die Männer nur wenige Tage dort bleiben, bis sie registriert und untersucht worden sind. Dann sollen sie in eine Gemeinschaftsunterkunft verlegt werden, in der sie mittelfristig bleiben können. Zwölf Duschen, zwölf Toiletten, Bundeswehrbetten und Biertischgarnituren stehen für rund 200 Flüchtlinge in der Zellerau bereit. Die Verpflegung beinhalte eine warme Mahlzeit und Lunchpakete. Alles zu wenig, finden einige Anwohner.

„Die brauchen doch mehr Privatsphäre“, meldet sich eine Frau bei der Infoveranstaltung zu Wort. Man könne doch Vorhänge als Abtrennungen verwenden, schlägt eine andere vor. Auch warme Getränke zum Frühstück seien wichtig. „Wir könnten Wasserkocher hinstellen“, bringt ein Jugendlicher ein. Ein anderer bietet sich als W-LAN–Koordinator an. Wieder andere wollen übersetzen, sprechen Syrisch, Persisch oder Arabisch. Auch die Koordination von Kleidungsspenden, Fahrdiensten oder Moscheebesuchen wollen die Bürger selbst organisieren.

Insgesamt sieben Hilfsgruppen bilden sich bei der Infoveranstaltung vor Ort zu den verschiedenen Bereichen. Deren Sprecher wollen sich künftig einmal pro Woche in den Räumen der Handwerkskammer treffen. Um direkt mit der Hilfe beginnen zu können, bekommen die Ehrenamtlichen einen Ausweis, mit dem sie in das Zelt kommen. Auch die Unfall- und Haftpflichtversicherung ist über die Stadt geregelt. Jeder, der noch mit anpacken mag, sei willkommen, sagt Fuchs. Oft reiche es auch einfach, für die Menschen da zu sein. Denn eines kann der Ehrenamtskoordinator der Stadt Würzburg mit Sicherheit sagen: „Es gibt das große Bedürfnis, mit jemandem zu sprechen. Auch, wenn man nicht die gleiche Sprache spricht.“
 

Info: Eine allgemeine Informationsveranstaltung für die Nachbarn des Zellerauer Erstaufnahmezeltes findet am Montag, 24. August, um 19 Uhr im Jugendzentrum in der Weißenburgstraße statt.

Kontakt: Wer sich ehrenamtlich in der Zellerau engagieren möchte, kann sich per E-Mail direkt bei Burkard Fuchs unter burkard.fuchs@stadt.wuerzburg.de melden.

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