WÜRZBURG

Zwei Frauen werden Freundinnen

Roswitha Gerhard (rechts) besucht regelmäßig (von links) Fazelrabi, Widah und Mariam Kazimi.
Roswitha Gerhard (rechts) besucht regelmäßig (von links) Fazelrabi, Widah und Mariam Kazimi. Foto: Pat Christ

Im Zimmer rechts vom Eingang schlafen vier der fünf Kinder von Fazelrabi und Widah Kazimi. Es gibt einen kleinen Wohnraum sowie ein Kämmerchen für die Eltern und die kleine Mariam. Küche, Duschen und Toilette muss sich die afghanische Familie mit 30 anderen Menschen in der Würzburger Gemeinschaftsunterkunft (GU) teilen. Alles ist beengt. „Dennoch sind Fazelrabi und Widah immer guter Laune“, sagt Roswitha Gerhard, die sich als Patin ehrenamtlich um die Familie kümmert.

Roswitha Gerhard ist eine von über 50 Freiwilligen, die sich im Würzburger „Tandem“-Projekt der diakonischen Flüchtlingssozialarbeit engagieren. „Nach meinem Ruhestand suchte ich eine neue Aufgabe“, erzählt die 66-Jährige aus Höchberg, die lange als psychologisch-technische Assistentin an der Uni gearbeitet hat.

Da fiel ihr die Diakonie ein: „Denn dort habe ich selbst einmal Hilfe erhalten.“ Sie rief an und fragte, ob es für sie einen passenden Job als Freiwillige gäbe: „Mir schwebte damals vor, etwas mit kleinen Kindern und mit Sprache zu machen.“

Als sie hörte, dass dringend Ehrenamtliche gesucht werden, die sich um Flüchtlingsfamilien kümmern, reagierte Roswitha Gerhard erst einmal skeptisch. Sie hatte bis dahin noch nie etwas mit Flüchtlingen zu tun gehabt. War noch nie auf dem Areal in der Veitshöchheimer Straße gewesen, wo viele Flüchtlinge, die in Würzburg landen, untergebracht sind. Nach kurzer Bedenkzeit erklärte sie sich bereit, Barbara Kopriva, die für das Patenschaftsprojekt der Diakonie verantwortlich ist, einmal in die GU zu begleiten. Gerhard lernte Widah Kazimi kennen – und empfand sofort tiefe Sympathie für die fünffache Mutter.

Seit November 2016 bringt Roswitha Gerhard der 29-jährigen Afghanin bei, Deutsch zu sprechen und zu schreiben. Wofür ihr Widah Kazimi unglaublich dankbar ist. Die junge Frau hatte nie eine Schule besuchen dürfen. „In Afghanistan ist es vielen Mädchen nicht erlaubt, in einer Schule lesen und schreiben zu lernen“, erklärt ihr Mann Fazelrabi Kazimi, der schon gut Deutsch spricht. Der 32-Jährige besucht in Würzburg einen Deutschkurs. Das ist Widah Kazimi nicht so einfach möglich. Schließlich muss sie sich um die noch nicht einmal zwei Jahre alte Mariam kümmern.

Anfangs kam Roswitha Gerhard an fast jedem Werktag für eine oder eineinhalb Stunden zu Widah Kazimi. Inzwischen ist sie im Durchschnitt dreimal in der Woche in der GU. „Am Wochenende komme ich nicht, weil es gar keinen Platz für mich gibt“, lacht die Höchbergerin, die selbst eine Tochter und zwei Enkelkinder hat. Ihre afghanische Patenfamilie lebt seit eineinhalb Jahren auf 45 Quadratmetern. Wenn alle sieben zu Hause sind, wird es extrem eng.

„Roswitha Gerhard und Widah Kazimi gehören zu unseren vorbildlichsten Tandems“, sagt Barbara Kopriva, an die sich die Ehrenamtlichen immer wenden können, wenn irgendwelche Fragen auftauchen. Jeder einzelne Pate leistet der Sozialpädagogin zufolge tolle Arbeit. Roswitha Gerhard allerdings engagiert sich weit über das Deutschlernen hinaus für die Kazimis. Momentan leidet Widah Kazimi zum Beispiel unter schlimmen Rückenbeschwerden. Nur in Wertheim gibt es einen Arzt, der sie ohne Zusatzkosten behandelt. Regelmäßig fährt Roswitha Gerhard mit ihrer afghanischen Freundin in das baden-württembergische Städtchen, damit Widah Kazimi ihre Schmerzspritze erhält.

Oft unternehmen die beiden Frauen auch einen Ausflug nach Würzburg. Sie gehen bummeln, trinken eine Tasse Kaffee, reden dabei mit Händen und Füßen: „Vor allem lachen wir viel.“ Den älteren Kindern versuchte die Freiwillige anfangs sogar, das Schwimmen beizubringen. Das entfällt nun, weil die Großen inzwischen in der Schule schwimmen lernen.

Seit sie die Kazimis kennt, studiert Roswitha Gerhard auch wieder Wohnungsanzeigen in der Zeitung und im Internet. Denn je größer die Kinder werden, umso schwieriger wird es, derart beengt in der Gemeinschaftsunterkunft zu leben. „Die Familie braucht eine Vier-Zimmer-Wohnung“, sagt die Tandempartnerin. Doch die zu finden, ist schwer. „Vermieter wollen keine siebenköpfige Familie“, hat Gerhard erfahren. Und wenn, dann zu Mietpreisen, die für die Kazimis unerschwinglich sind.

Dass sie zufällig beim Tandemprojekt der Diakonie landete, sieht Roswitha Gerhard heute als einen großen Gewinn an. „Was ich durch Widah Kazimi alles erfahre, was die junge Frau mir alles anvertraut, das ist wirklich ein Geschenk“, sagt die Höchbergerin. Interessant ist es für sie auch, viele neue Menschen durch das Projekt kennenzulernen. Etwa alle sechs Wochen gibt es ein Austauschtreffen, bei dem die ehrenamtlichen Paten einander berichten, was bei ihrem Tandem gut, was aber vielleicht auch nicht so gut läuft.

Ohne die Flüchtlingssozialarbeit der Diakonie im Hintergrund, hätte sie sich nicht auf die Patenschaft eingelassen, betont Roswitha Gerhard. Denn als Patin sei man immer wieder mit Fragestellungen konfrontiert, mit denen Ehrenamtliche überfordert sind. Dazu gehören vor allem rechtliche Probleme.

Barbara Kopriva würde sich wünschen, dass noch mehr Bürgerinnen und Bürger aus der Region den Mut haben, sich auf das Patenprojekt einzulassen. Denn noch suchen viele Flüchtlinge und Flüchtlingsfamilien einen Menschen, der ihnen hilft, sich in Deutschland zurechtzufinden.

Wer sich ein Engagement im Tandem-Projekt vorstellen könnte, kann sich unter Tel. (09 31) 804 87-50 oder sozialdienst.kopriva@diakonie-wuerzburg.de an die Sozialpädagogin wenden.

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