OCHSENFURT

Zwei Kirchen unter einem Dach

Tag des offenen Denkmals: In Deutschland gibt es nur etwa 60 Simultankirchen. Eine davon ist St. Johannes im Ochsenfurter Stadtteil Erlach. Katholiken und Protestanten nutzen sie gemeinsam.
Der segnende Jesus im Mittelpunkt der Deckenmalerei. Foto: Antje Roscoe

Herrlich schön, von großer Besonderheit und ein gutes Beispiel für ein Denkmal zum Weiterdenken ist das Dorfkirchlein in Erlach. Zum Tag des offenen Denkmals war allerlei Kurioses zu erfahren, auch zu Schloss und Schlosskirche.

Anette Jenker, Petra Lehrieder und Tilo Hemmert, drei Führer waren ununterbrochen unterwegs. Das ökumenische Pfarrfest lieferte den Hintergrund und Einheimische wie Besucher interessierten sich gleichermaßen, stand doch nichts Geringeres als eine von nur gut 60 Simultankirchen in Deutschland im Mittelpunkt. St. Johannes in Erlach ist seit 1701 von katholischen und evangelischen Christen gleichberechtigt zu nutzen – stellt sich in der Praxis aber deutlich evangelischer dar, als 1701 verfügt. Die Wechsel der Patronatsherren und ihrer Konfessionen, der Zuzug von Katholiken auf die verödeten Hofstellen nach dem Dreißigjährigen Krieg – Ferdinand von Schwarzenberg, selbst katholisch und von liberaler Einstellung, war die Auseinandersetzungen Ende des 17. Jahrhunderts in den gemischt-konfessionellen, benachbarten Dörfern Erlach und Kaltensondheim offenbar leid und verfügte hier wie da das Simultaneum – ein Gotteshaus und gleiche Rechte für beide Konfessionen.

Das Weihwasser, das ewige Licht, die offensichtlichen Merkmale einer katholischen Kirche, man sucht sie heute in St. Johannis vergebens – bis auf Palmsonntag. Dann wird auch der Tabernakel genutzt und nur dann, versichert Organistin Petra Lehrieder. Das ist seit Jahr und Tag nur am Palmsonntag, wenn die Erlacher Katholiken die Palmweihe in St. Johannis feiern, um das alte Nutzungsrecht wahrzunehmen, und dann zum Festgottesdienst mit Musik in die Schlosskapelle umziehen. Außerdem kamen die Katholiken natürlich in St Johannis unter, als vor 20 Jahren die Schlosskapelle renoviert wurde. Diese hatte die katholische Kirchengemeinde 1814 erworben und dann umgebaut.

Streitpunkte gab es schließlich immer wieder, von den Zeiten der Nutzung über die Stellung der Bänke bis zu Fragen der Erhaltung der Simultankirche wie beim berühmten Stiegenstreit. Dabei war die Treppe zur Empore von den Lutheranern ohne Absprache entfernt und erneuert worden, worauf von den Katholiken eine „Anzeige wegen Missbrauchs des Benutzungsrechtes“ erstattet wurde. Der Stiegenstreit soll schließlich für Ferdinand von Schwarzenberg ausschlaggebend gewesen sein, den Streitereien durch ein Simultaneum zu beenden.

Die inzwischen gut ausgetretene Holztreppe steht als historischer Befund unter Denkmalschutz, durfte 1987 nicht erneuert werden und bereichert die Kuriositäten rund um Kirche und Schloss.

Heute pflegt man trotz Simultankirche de facto gute Nachbarschaft und bei Gelegenheit die Ökumene. So kommt ein Dorf mit knapp 350 Einwohnern, laut Einwohnermeldeamt 213 Katholiken und 80 evangelische Christen, zu zwei Kirchen, die sich wie überall kaum noch füllen. Wenn 20 Evangelische an gewöhnlichen Sonntagen nach St. Johannis gehen und etwa 60 Katholiken in die Schlosskapelle, entspricht das in etwa dem Durchschnitt. Und diese Zahlen werden bald wieder für Diskussionsstoff sorgen, denn es stehen Renovierungen an. Die 100 für die Größe einer Kirchengemeinde eine magische Zahl. Lehrieder ist sich sicher: es sind nicht 80, sondern 104 Mitglieder in ihrer Gemeinde.

Doch damit der Kuriositäten nicht genug, fast unverständlich erscheint heute, warum es sich die Erlacher 1957 gefallen ließen, dass die St. Johanniskirche innen grau gestrichen wurde? Die farbenfrohe Schablonenmalerei mit ihren Blumenornamenten, das goldene Sternennetz im Kreuzrippengewölbe des Chorraumes, insgesamt ein homogenes, selten farbenfrohes Gesamtbild, einfach zu entfernen? Erklärbar ist dies mit dem Zeitgeist der 1960er Jahre, sagt Pfarrer Thomas Volk. Dem nachempfundenen Mittelalter - der Neu-Gotik - als kopiertem Stil wurde ein eigener Wert abgesprochen. Es sollte modern werden. Liedertafel und das Deckenmedaillon mit dem Jesus waren aus dem Schutt gerettet worden, berichtet Lehrieder, die auch Vertrauensfrau der evangelischen Erlacher ist. Schon dreißig Jahre später wurden die neugotischen Ausmalungen wieder freigelegt und die Einrichtung aus dem Jahr 1869 wieder hergestellt. Die Erlacher Dorfkirche überrascht damit innen als eher seltenes Beispiel neugotischer Kirchenmalerei im barocken Franken.

Der eigentliche Bau ist ein später erweiterter gotischer Saalbau des 14. Jahrhunderts - und offensichtlich renovierungsbedürftig. Ortssprecher Tilo Hemmert sorgt sich, ob die Renovierung rechtzeitig in Gang kommt. Die Baulast liegt bei der Stadt Ochsenfurt. Noch fehlt aber jegliche Planung. Die Fehlstellen im Putz offenbaren, dass sowohl aus dem Muschelkalk- als aus dem Sandsteinbruch Material verwendet wurde. Erlach verfügte über beides. Außerdem über sechs Renaissance-Epitaphe der von Seinsheim und der von Bieberer in der Kirche, die zu den besten Bildhauerarbeiten dieser Art in Franken zählen. Hier lässt sich die Geschichte von Dorf und Schloss ablesen – die große und die kleine Politik – alles nachvollziehbar, resümiert Volk. Und die Renovierungen werden Anlass geben weiter nachzudenken, über Geschichte und Zukunft der Bauten und ihrer Nutzer.

Gotik und Neugotik in der Kirchenkunst, fränkische Adelgeschichte, wunderschön erhaltene Epitaphe oder das Miteinander von katholischer und evangelischer Kirchengemeinde in einem Dorf mit knapp 350 Einwohnern. Erlach hat hier reichlich Bemerkenswertes aufzuweisen.

Außen weist die Simultankirche im Ochsenfurter Stadtteil Erlach renovierungsbedürftige Gotik auf, innen erstrahlt sie in... Foto: Antje Roscoe
Die Streit-Stiege zur Empore. Foto: Antje Roscoe
Gut erhaltene Renaissance-Epitaphe. Foto: Antje Roscoe
Neugotische Schablonenmalerei. Foto: Antje Roscoe
Kunstschreiner-Arbeiten am Altar. Foto: Antje Roscoe

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