Würzburg

Adäquate Förderung wird gebraucht

Zum Leserbrief von Jacqueline Erk („Trotz neuem Namen alles beim Alten“) vom 23. Oktober erreichte die Redaktion folgende Antwort:

Wer sich unvoreingenommen mit der Struktur von Fördereinrichtungen wie der kürzlich umbenannten Hans-Schöbel-Schule auseinandersetzt, merkt sehr schnell, dass die Forderung nach Auflösung der Förderschulen für Schüler mit einer Behinderung sehr verlockend klingt, aber weder pädagogisch noch therapeutisch und schon gar nicht finanziell umsetzbar ist.

Warum? Mit der Auflösung der Förderschulen ist es ja nicht getan. Nach zwölf Jahren an Grund- und Hauptschulen mit Schülern ohne Behinderung durfte ich noch 25 Jahre als Lehrer an der Hans-Schöbel-Schule arbeiten. Hier habe ich die Erfahrung gemacht, dass die adäquate Förderung von Schülern mit unterschiedlichsten Behinderungen und Bedürfnissen einen hohen bis sehr hohen Aufwand voraussetzt.

Wenn man von diesen Förderzielen keine gewaltigen Abstriche machen will und die in sonstige Schulen "inkludierten" Kinder und Jugendlichen mit einer Behinderung nicht zu bloßen „Beistellkindern“ degradieren will, müssten alle Schulen, die Schüler mit einer Behinderung aufnehmen, personell und räumlich entsprechend ausgestattet werden. Das ist selbst in einem  Land wie der Bundesrepublik schlecht vorstellbar.

Förderschulen werden von manchen Gegnern gerne in die Ecke von finsteren Ghettos gestellt, aus denen es kein Entrinnen mehr gibt. Meine Erfahrungen lauten da ganz anders. In regelmäßigen Abständen muss ein Team von pädagogischen und therapeutischen Fachleuten in einem Gutachten den weiteren Verbleib des Schülers in dieser Einrichtung ausreichend begründen. Ansonsten übernimmt der entsprechende Kostenträger nicht mehr die damit verbundenen hohen Ausgaben.

In einem besonderen Fall in meiner Klasse handelte es sich um eine Schülerin mit einer Hemiplegie (halbseitige Lähmung). Diese Schülerin war nach einem missglückten Start in der ortsansässigen Grundschule zum weiteren Schulbesuch bei uns angemeldet worden. Als wir der Mutter, die bei der Anmeldung noch große Vorbehalte hatte, am Ende der Grundschulzeit von den erfreulichen Fortschritten berichteten, die einen weiteren Verbleib in der Fördereinrichtung nicht mehr zwingend notwendig erscheinen ließen, bekamen wir folgenden Kommentar: „Seitdem meine Tochter diese Förderschule besucht, wacht sie früh nicht mehr mit Bauchweh auf und muss nicht mehr unter Tränen in die Schule geschickt werden. Sie ist hier richtig aufgeblüht und freut sich jeden Morgen auf den Unterricht. Könnt ihr nicht noch einen Grund finden, damit meine Tochter etwas länger an dieser Schule bleiben darf?“ Das klingt nicht gerade nach Befreiung aus einem Ghetto.

Helmut Greß
Förderschullehrer a.D.
97084 Würzburg

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