Theilheim

„Ausgegrenzt und überall fremd zu sein, tut unendlich weh“

Petronella Bausenwein hat ihre Lebenserinnerungen erzählt.
Foto: Traudl Baumeister | Petronella Bausenwein hat ihre Lebenserinnerungen erzählt.

Flüchtlinge und wie man mit ihnen umgeht – das Thema beherrscht derzeit die Medienwelt. Und beschäftigt auch Petronella Bausenwein aus Würzburg. Die Schwarzmeerdeutsche, wie sie und andere Betroffene hierzulande gerne bezeichnet werden, hat selbst als Kind Flucht und Vertreibung erlebt und will ihre Erfahrungen weitergeben. Weil es sie schmerzt, wenn Menschen sagen, die Situation der Flüchtlinge heute könne man nicht mit der von Betroffenen nach dem Zweiten Weltkrieg vergleichen.

Auch wenn die politische Situation eine andere ist, Petronella Bausenwein ist überzeugt, für den einzelnen Menschen sind Flucht und Vertreibung heute genauso schlimm wie damals. „Ausgegrenzt und überall fremd zu sein, tut unendlich weh und macht vor allen Dingen Kinderseelen krank und einsam.“

Mit diesem Satz endet das Vorwort des Romans „Überall die Fremde“ – ein Buch, das die Erlebnisse der sechs- bis zwölfjährigen Petronella Bausenwein beschreibt, ihren langen Weg aus der Ukraine über Norddeutschland bis nach Würzburg und in die Rhön. Die Angst, die sie unterwegs durchlebte – vor dem Hass der Menschen, vor Soldaten, den allgegenwärtigen Flugzeugen, im Bombenhagel am 16.

März in Würzburg. Das wiederholte Ankommen, erste Wurzeln schlagen und wieder herausgerissen werden.

Weil Petronella Bausenwein, heute Pflegeheimleiterin und Stiftungsgründerin, sich außerstande sah, ihre Erinnerungen selbst in Buchform zu bringen, suchte sie sich einen Verbündeten – und fand ihn in Andreas Thomas aus Theilheim, einem erfahrenen Hobbyautor. Ein Anruf Anfang 2015 hatte Erfolg. „Ich bin zwar kein Auftragsschreiber und Biograf“, gibt Andreas Thomas zu. Aber da Bausenwein einwilligte, aus ihren Erinnerungen einen Roman zu machen, und ihm, so Thomas „viel freie Hand ließ“, ließ er sich auf die für ihn neue Erfahrung ein.

Wenngleich einige seiner Bücher auf historischen Tatsachen basieren, waren die Geschichten, die Thomas bisher erzählte, stets fiktiv. So setzt er sich beispielsweise in „Die Kinder von Dagelow“ mit dem Komplex „Schuld“ und seinen vielen Facetten auseinander. In „Überall die Fremde“ geht es um Wurzeln und Entwurzelung und Menschlichkeit.

Aus den Notizen seiner Protagonistin, intensiven Recherchen sowie der Fantasie des Autors entstand ein authentisches, packendes Buch. Tatsächlich gewinnt man auf den rund 300 Seiten den Eindruck, durch Kinderaugen zu blicken, mittendrin zu sein, sich mit blutenden Füßen durch den Schlamm zu quälen, den nagenden Hunger zu spüren, die Verachtung, den Hass zu spüren.

Beinahe unerträglich beim Lesen ist es, die Scham der Kinder zu erkennen. Die Scham über die eigene Situation, für die sie gar nichts können. Die Scham darüber, arm und wertlos zu sein. Denn das suggeriert ihnen ihre Umwelt. Diese bemisst den Wert der (flüchtenden) Menschen nur am Nutzen für die eigene Person oder Sache. Wer nicht als billige Arbeitskraft taugt – wie Bausenweins Oma sowie das Mädchen und seine Geschwister – ist überflüssig, wertlos.

Bausenweins in sich selbst ruhende, unerschütterlich glaubende Oma Pauline, ihre Mutter, der Schuster und seine Frau, die Tante und die Stationen der Flüchtenden sind alle authentisch wiedergegeben. Er wollte so nah wie möglich dran bleiben an den Geschehnissen, sagt er. Nur manchmal griff er ein, verdichtete dramaturgisch oder brachte in den historisch belegten Zusammenhang, was sich in der Erinnerung der Erzählenden verschoben hatte.

Zum besseren Verständnis für den Leser wurde auch der Kunstgriff nötig, Bausenweins Mutter nie beim Namen zu nennen, sondern sie stets als „Paulines Tochter“ oder Petronellas Mutter zu bezeichnen. Die Mutter Bausenweins hieß nämlich Pauline, ebenso wie die Großmutter. Ihr aber zur besseren Lesbarkeit einen anderen Vornamen zu geben, so stark wollte er dann die biografischen Erinnerungen nicht verfälschen.

Nicht real, aber durchaus realistisch – das bestätigt die Heldin des Buches – sind Personen am Rand, wie etwa Mikhail Rezak, der den Typ des gewissenlosen Emporkömmlings verkörpert, der stets sein Fähnchen nach dem Wind hängt. „So jemanden gab es bei uns wirklich“, versichert Petronella Bausenwein.

Rundum geglückt, das finden nicht nur Autor und Erzählerin, ist ihnen, mit ihrem Werk ein neues Verständnis für Flüchtlinge zu wecken, Außenstehenden eine Innensicht zu vermitteln.

Am Freitag, 2. Oktober (19 Uhr) laden Andreas Thomas und Petronella Bausenwein zur Lesung „Jahrhundertgeschichten“ in die Bücherei in Theilheim ein.

Buchinfo: „Überall die Fremde“, Andreas Thomas, Gemma-Verlag, ISBN 978-3-940449-09-2, 16,95 Euro.

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