Ochsenfurt

Auswanderer: „Beweisen, dass ich alles kann“

Georg Mauderer mit seiner Frau Wendy vor dem Ochsenfurter Rathaus – für den Australien-Auswanderer soll es der letzte Besuch in seiner alten Heimat sein.
Foto: Gerhard Meißner | Georg Mauderer mit seiner Frau Wendy vor dem Ochsenfurter Rathaus – für den Australien-Auswanderer soll es der letzte Besuch in seiner alten Heimat sein.

An das Bild in der Ochsenfurter Zeitung vom Dezember 1951 kann sich Georg Mauderer noch gut erinnern. Der kleine Schorsch stand in Lederhosen da, gerade 14 Jahre alt und bereit, die Welt zu entdecken.

Zu seiner Tante nach Australien sollte er auswandern, und das war der Lokalzeitung damals immerhin eine Notiz wert. Längst ist das Land am anderen Ende der Welt zu Georg Mauderers Heimat geworden. An seinem 80. Geburtstag möchte er nun noch einmal alle Freunde um sich versammeln. Es wird wohl sein letzte Besuch in Ochsenfurt sein.

Keine Lehrstelle nach dem Krieg

Der Vater war im Krieg gefallen. Der kleine Georg wollte Automechaniker werden. Arbeit gab es schließlich in den Nachkriegsjahren genug, nur keinen Betrieb, der ihm eine Lehrstelle anbieten wollte. Also entschloss sich Georg, in dem Land sein Glück zu versuchen, in das seine Tante schon vor dem Krieg ausgewandert war. Es war der Beginn eines großen Abenteuers.

Aus der Mechanikerlehrer wurde auch in Australien nichts. Stattdessen lernte Georg Mauderer in Melbourne Installateur und stotterte die 138 britischen Pfund, die die Überfahrt gekostet hatte, von seinem spärlichen Wochenlohn an. „Ein Schnellkurs in Englisch und im Sparen waren damals das Wichtigste“, erinnert er sich.

Schnellkurs in Englisch und im Sparen

In jeder freien Minute übersetzte er Zeitungsartikel und fand sich langsam zurecht in der neuen Sprache. Die Schulzeugnisse, die er mitgebracht hatte, galten nichts. Trotzdem ließ er sich schon zwei Jahre später einbürgern. „Ich hab mich nationalisieren lassen, weil ich wusste, dass das mein Land ist“, erzählt Georg Mauderer in seinem Ochsenfurter Dialekt, der inzwischen vom australischer Akzent durchfärbt ist.

Die scheinbar grenzenlose Freiheit stand im krassen Gegensatz zur kleinbürgerlichen Enge seiner kriegszerstörten Heimat. „Alles ist größer und freizügiger dort“, schwärmt er noch heute. „Wenn in Australien einer am Sonntag seinen Rasen mäht, ruft kein Nachbar die Polizei, sondern denkt sich ,Der arme Kerl hat unter der Woche keine Zeit‘ und hilft ihm.“

Schicksalhafte Begegnung

Nach neun Jahren besuchte Georg Mauderer zum ersten Mal wieder sein Elternhaus in der Ochsenfurter Mangstraße. Inzwischen hatte er die Meisterprüfung als Gas-Installateur absolviert und stand nun vor einer schicksalhaften Begegnung mit Loretta, einer Freundin aus Kindertagen. Georg und Loretta verliebten sich und beschlossen zu heiraten. Ein halbes Jahr habe es gedauert, auch Lorettas Mutter von der Verbindung zu überzeugen und seine frisch vermählte Frau mit nach Melbourne zu nehmen.

Boomendes Geschäft

Beruflich taten sich für den versierten Handwerker zu dieser Zeit neue Perspektiven auf. Georg Mauderer hatte früh die Vorzüge des Kunststoffs entdeckt und begann mit dem widerstandfähigen Material Chemie- und Fotolabore auszustatten. Mauderer konnte einen Lehrling einstellen, das Geschäft boomte – bis zu jenem 8. Juli 1965, an dem die beiden in einem neuen Laborgebäude der Universität Melbourne bei der Arbeit waren.

Aus Unachtsamkeit hatte ein Bauarbeiter eine Stromleitung mit 22 000 Volt eingeschaltet, ohne zu wissen, dass Georg Mauderer und sein Mitarbeiter gerade daran arbeiteten. Die Folgen waren verheerend. Sein Lehrbub verlor einen Arm und ein Bein. Georg Mauderers beide Hände waren völlig verbrannt. Monatelang musste er im Krankenhaus liegen. Anschließend folgten 30 Operationen, in denen die Chirurgen versuchten, aus den Resten seiner Hände einen halbwegs tauglichen Ersatz zu konstruieren.

Zwei verkrüppelte Hände

Georg Mauderer und sein früherer Lehrling sind noch immer eng befreundet. „Jedes Jahr am 8. Juli kommen wir zusammen und feiern unseren Geburtstag“, erzählt er. An seinen handwerklichen Beruf war allerdings mit zwei verkrüppelten Händen nicht mehr zu denken. Georg Mauderer hätte sich zur Ruhe setzen und Arbeitsunfähigkeitsrente beziehen können. Doch nichts lag ihm ferner.

Geld mit Versicherungen verdient

Noch im Krankenstand begann er, Versicherungen zu verkaufen. „Sehr gutes Geld“, sei damit in kurzer Zeit zu verdienen gewesen. Aber seinen Tatendrang konnte das Versicherungsgeschäft nicht befriedigen. Eine Krankenschwester, die er während seines langen Klinikaufenthalts kennengelernt hatte, brachte ihn schließlich auf die Idee, ein Belegkrankenhaus zu bauen. „In Australien sind die sehr populär, weil große Kliniken sehr teuer sind“, erzählt Georg Mauderer. Und wie eine Pflegeabteilung optimal gestaltet sein sollte, das wusste er aus eigener leidvoller Erfahrung.

Abendkurse im Klinik-Management

Georg Mauderer plante und belegte nebenher Abendkurse in Klinik-Management. 1972 begann der Bau in Geelong, einem Vorort von Melboure. Aus anfangs 30 Betten wurde mit den Jahren ein Haus mit 72 Pflegekräften für bis zu 60 Patienten. Nach ein paar Jahren stieg Georg Mauderer aus der Klinik aus und stand erneut vor der Entscheidung, sich aufs Altenteil zurückzuziehen. Eine kleine Farm hatte er sich zuvor gekauft, mit einem Pferd für seine Tochter und ein paar Rindern.

Zu jung für den Ruhestand

„Doch das war mir nicht genug. Wir sind zu jung für den Ruhestand, haben wir gesagt“, erinnert sich Mauderer. Also gaben Georg und Loretta ihrem Leben erneut eine neue Richtung und entschlossen sich, ein Pflegeheim für 45 Bewohner zu bauen. Mit der gleichen Entschlossenheit wie bei früheren Projekten ging Georg Mauderer an die Planung. 1992 wurde das Haus eröffnet.

Auf die Frage, welche Motivation in angetrieben hat, trotz seines schwern Unfalls immer wieder neue Herausforderungen zu suchen, hat Georg Mauderer eine klare Antwort: „Ich wollte beweisen, dass ich alles kann. Die einzigen Grenzen im Leben setzt man sich selber.“

Die trauriste Zeit seines Lebens

Was folgte, nennt Mauderer die traurigste Zeit in seinem Leben. Loretta erkrankte schwer und starb 1998. 2003 heiratet Georg Mauderer seine zweite Frau Wendy, ein gebürtige Wienerin, die ebenfalls schon seit den 50er Jahren in Australien lebt. Georg selbst erhielt vor sechs Jahren die Diagnose Krebs.

„Sechs Monate haben mir die Ärzte damals noch gegeben“, erzählt er. „Wir haben unser Haus verkauft, als sie gesagt haben, ich kratze bald ab.“ Aber wieder kam das Glück ins Spiel, das Georg Mauderer ein Leben lang begleitet hatte.

Ruhiger Lebensabend

Inzwischen steht sein 80. Geburtstag bevor, und Georg Mauderer hat sich vorgenommen, endlich kürzer zu treten. „Gott sei Dank, jetzt wird's langsam ruhiger“, freut sich seine Frau Wendy. Der Erlös aus dem Pflegeheim, das Georg Mauderer inzwischen verkauft hat, reicht für einen angenehmen Lebensabend in Anglesea, einem vor allem bei Senioren beliebten Küstenstädtchen südwestlich von Melbourne.

In den 90er Jahren hatte Georg Mauderer dort ein kleines Baugebiet für knapp 20 Häuser erschlossen. Eines davon bewohnt er nun selbst. Der Straße, die hindurchführt, hat er den Namen „Lorettas Way“ gegeben.

Noch einmal alle Freunde sehen

Der Besuch in seiner alten Heimat werde nun vermutlich sein letzter sein, sagt er. „Ich will mich von allen verabschieden, will nicht mehr wiederkommen, es ist inzwischen doch zu anstrengend.“ Seinen 80. Geburtstag will er deshalb mit allen Schulkameraden und Freunden aus Ochsenfurt feiern, zu denen über all die Jahrzehnte der Kontakt nie abgebrochen war. Als besondere Überraschung hat er dazu die australische Opernsängerin Joslyn Rechter eingeladen.

Opernsängerin Joslyn Rechter

Als Nachbarsmädchen von Georg Mauderer war Joslyn Rechter in Melbourne aufgewachsen. Seit 2001 arbeitet die Mezzosopranistin in Deutschland, unter anderem an der Oper Köln und den Wuppertaler Bühnen. Am Sonntag, 18. Juni, um 14 Uhr gibt sie ein Konzert im Hotel Polisina. Jeder darf kommen, sagt Georg Mauderer. Besonders freut er sich natürlich darauf, viele alte Freunde und Bekannte zu treffen.

Der Eintritt zu den Konzert ist selbstverständlich frei. Georg Mauderer hofft aber auf Spenden für die Stiftung seines inzwischen verstorbenen Freundes Fred Hollow. Die Fred Hollow Foundation setzt sich für die Verbesserung der medizinischen Versorgung der australischen Ureinwohner ein und finanziert in einigen Ländern Afrikas und Asiens Augenoperationen, um die Ärmsten der Armen vor Blindheit zu bewahren.

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