Würzburg

Betroffener: "Die Kirche muss sich nicht reinigen, sondern ändern"

Thema Missbrauch: Familienbund der Katholiken appelliert in "Würzburger Erklärung" an die Bischöfe, aber auch an die Politik. Was auf der Tagung alles gefordert wurde.
Das Logo von Himmelspforten, dem Exerzitienhaus der Diözese Würzburg. Dort tagte der Familienbund der Katholiken zum Thema: 'Sexueller Missbrauch in Kirche und Gesellschaft: Kinder und Eltern stärken' und verfasste eine 'Würzburger Erklärung'.
Foto: David Ebener, dpa | Das Logo von Himmelspforten, dem Exerzitienhaus der Diözese Würzburg. Dort tagte der Familienbund der Katholiken zum Thema: "Sexueller Missbrauch in Kirche und Gesellschaft: Kinder und Eltern stärken" und verfasste ...

Der Familienbund der Katholiken verfasste auf seiner Bundesdelegiertenversammlung in Würzburg einen "Würzburger Appell gegen sexuellen Missbrauch". Darin ruft er die deutschen Bischöfe zum Handeln auf.

"Als Familienbund der Katholiken trifft es uns sehr, welche Straftaten unter dem Dach unserer Kirche geschehen konnten und wie lange sie durch undurchsichtige Strukturen in den kirchlichen Verwaltungen vertuscht, verschwiegen und bagatellisiert wurden", heißt es in dem Appell. "Wir erwarten von den Bischöfen klare Worte, entschiedenes Handeln und vollständige Aufarbeitung sämtlicher Vorwürfe durch unabhängige Kommissionen."

Familienbund: "Kinder und Eltern stärken"

Weitere Forderungen an die deutschen Bischöfe betreffen die Prävention. Der eingeschlagene Weg soll konsequent weitergegangen und fortentwickelt werden, "damit sexueller Missbrauch aufhört". Zudem sollen Strukturen beseitigt werden, die Missbrauch begünstigten.

Die rund 70 Delegierten des Familienbundes, der 1953 in Würzburg gegründet wurde und sich als Lobbyist für Familieninteressen in Kirche, Politik und Gesellschaft versteht, wenden sich in ihrer "Würzburger Erklärung" auch an die Bundes- und die Landesregierungen, "in allen gesellschaftlichen bereichen die Anstrengungen der Aufarbeitung und der Prävention zu intensivieren". Die mehrtägige Tagung des Familienbundes im Exerzitienhaus Himmelspforten stand unter dem Thema "Sexueller Missbrauch in Kirche und Gesellschaft: Kinder und Eltern stärken".

Als Gäste waren auf der Versammlung unter anderen Johannes-Wilhelm Rörig, der Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Missbrauchs, sowie Matthias Katsch, Sprecher der Betroffenenvereinigung "Eckiger Tisch", anwesend. Sich zu Wort gemeldet haben laut Familienbund auch der forensische PsychiaterHarald Dreßing (Institut für Seelische Gesundheit in Mannheim), Koordinator der im September 2018 veröffentlichten Missbrauchsstudieund Holger Dörnemann vom Dezernat Kinder, Jugend und Familie, Leiter der Abteilung Familien und Generationen (Bistum Limburg).

Missbrauchsbeauftragter Rörig: "Den Kampf gegen sexuelle Gewalt gewinnt niemand allein"

Rörig führte den Angaben zufolge in seinem Vortrag aus, dass in den Bistümern mit externen Experten besetzte Aufarbeitungskommissionen nötig seien, "die unter anderem die Frage der Anerkennungs- beziehungsweise Entschädigungszahlungen an Missbrauchsopfer auf eine individuelle und angemessene Weise neu regeln". Sein Appell an Kirche und Gesellschaft: "Den Kampf gegen sexuelle Gewalt gewinnt niemand allein!"

Johannes-Wilhelm Rörig, der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, hielt auf der Versammlung des Familienbunds der Katholiken in Würzburg einen Vortrag.
Foto: Michael Kappeler, dpa | Johannes-Wilhelm Rörig, der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, hielt auf der Versammlung des Familienbunds der Katholiken in Würzburg einen Vortrag.

Der Beauftragte habe in Würzburg auch die Politik aufgerufen, ihre Anstrengungen zu verstärken. Angesichts von statistisch gesehen ein bis zwei betroffenen Kindern in jeder Schulklasse bräuchte es weitaus größere politische Anstrengungen als bisher - etwa eine groß angelegte Sensibilisierungskampagne, Schutzkonzepte und Präventionskurs in allen Schulen "oder auch eine Pflicht zur Meldung und Löschung von Missbrauchsdarstellungen im Internet", so Rörig in seinem Vortrag.

Betroffener Matthias Katsch: Kultur der Heimlichkeit ermöglicht Missbrauch

Matthias Katsch gehört zu den Opfern des Missbrauchs im jesuitischen Canisius-Kollegs in Berlin. Er wandte er sich mit anderen Betroffenen an den damaligen Leiter, Pater Klaus Mertes, und trug 2010 maßgeblich mit dazu bei, das Ausmaß an Missbrauch in der katholischen Kirche in Deutschland  publik zu machen. Als den Bischöfen im September 2018 bei ihrer Vollversammlung in Fulda von den Forschern die Ergebnisse der von ihnen in Auftrag gegebenen Missbrauchsstudie erläutert wurden, war Katsch als Betroffener dazu eingeladen.

Matthias Katsch, Sprecher der Betroffenenvereinigung 'Eckiger Tisch'.
Foto: DANIEL ROLAND, afp | Matthias Katsch, Sprecher der Betroffenenvereinigung "Eckiger Tisch".

Bei seinem jetzigen Besuch bei der Familienbund-Versammlung führte Katsch laut Pressemitteilung aus, dass "eine Kultur der Heimlichkeit in der Kirche" wesentlich dazu beigetragen habe, dass die Kirche sexuellen Missbrauch ermöglicht, begünstigt und gedeckt habe. Seit 2010 habe sich zwar viel getan, aber "die Kirche muss sich nicht reinigen, sondern ändern". Ein systemisches Risiko sei, "wenn Frauen in einer Männerkultur nicht Priesterinnen werden dürfen". Für die Opfer fordere er "Wahrheit und Gerechtigkeit", dazu gehöre eine "angemessene Entschädigung". 

Holger Dörnemann: "Wir können nur schützen, was wir schätzen"

Harald Dreßing hat den Angaben zufolge die Präventionsarbeit der Kirche als gut gelobt, begünstigende Strukturen gebe es aber nach wie vor. Zudem habe er betont: Nicht Homosexualität sei eine Ursache für Missbrauch durch Kleriker, vielmehr eine unreife Sexualität und Persönlichkeit sowie bei manchen auch eine pädophile Neigung. Dies führte er bereits bei früheren Veranstaltungen in Würzburg aus: etwa beim Podiumsgespräch"Sexuelle Gewalt in der katholischen Kirche". Auch Dreßing forderte eine unabhängige, interdisziplinär besetzte Kommission, an der auch Betroffene beteiligt seien, um innerkirchliche Netzwerke zu analysieren. Zudem solle die Kirche die begonnene wissenschaftliche Untersuchung fortsetzen. Entscheidend sei der Schutz der Opfer, die Kirche habe aber bisher eher das System geschützt.

Für Privatdozent Dörnemann ist die katholische Kirche in Sachen Prävention heute zwar weiter als 2010. Das reiche aber nicht. Er forderte laut Familienbund eine "sexuelle Bildung". Auch Schulen müssten sich des Themas annehmen und das Lernfach Sexualkunde als Verbundunterricht einführen. Zum Lehramt der Kirche sagte Dörnemann, dass die Differenz mit der gelebten Wirklichkeit sowie den Humanwissenschaften "himmelschreiend" sei. Wichtig bezüglich einer wirkungsvollen Präventionsarbeit sei der Gedanke: "Wir können nur schützen, was wir schätzen".

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