Würzburg

"Bild trifft Original": Aus der Natur ins Klassenzimmer

„Bild trifft Original“: Im Botanischen Garten der Universität machen Botaniker und Bildungsforscher gemeinsame Sache. In einer kleinen, feinen Ausstellung zeigen sie Schulwandbilder von einst neben den echten Pflanzen.
Bild trifft Original: Links das Schulwandbild, rechts die Pflanze – im Botanischen Garten machen die Botaniker und Bildungsforscher der Universität gemeinsame Sache.
Foto: THOMAS OBERMEIER | Bild trifft Original: Links das Schulwandbild, rechts die Pflanze – im Botanischen Garten machen die Botaniker und Bildungsforscher der Universität gemeinsame Sache.

Vorne das Lehrerpult und die Schiefertafel, im Raum die engen Holzbänke – und als Farbtupfer hier und da eine aufgerollte Tafel an der Wand: Im ausgehenden 19. und im 20. Jahrhundert waren Schulwandbilder neben den Büchern die einzige Abwechslung – und das wichtigste Medium – im Klassenzimmer. Für alle Fächer wurden damals solche Schulwandbilder gefertigt – auch für den Biologieunterricht. Denn mit den aufrollbaren Wandtafeln konnten von der Schulbank aus die heimatlichen Regionen mit ihren Pflanzen und Früchten ebenso erkundet werden wie ferne Landschaften und exotische Faunen.

Am Dallenberg trifft Bild jetzt Original: Die Forschungsstelle Historische Bildmedien der Universität, die am Hubland eine gewaltige Sammlung von Schulwandbildern beherbergt, hat sich mit dem Botanischen Garten zusammengetan. Bilder aus dem Bildarchiv der Forschungsstelle gesellen sich im Würzburger Botanischen Garten zu den lebenden Pflanzen.

Von Aronstab bis Zimt: Die Bildtafeln der Ausstellung über „Naturkundliche Schulwandbilder“ visualisieren die Welt der heimischen und unbekannten Gewächse. So spiegelt sich in den schulischen Bildmedien gleichsam der Kosmos der Natur.

Eigentlich ein Paradox, sagen Professor Andreas Dörpinghaus vom Lehrstuhl für Systematische Bildungswissenschaft und Biologe Dr. Gerd Vogg, der Kustos des Botanischen Gartens. Wo anderswo ein Bild ist, ersetzt es das Original. Wo das Original ist, bedarf es keines Bildes.

Die Ausstellung führt den Besucher in eine Zeit, als sich die modernen Naturwissenschaften gerade etablierten. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts schufen Gelehrtengesellschaften und die Salonkultur einen aufklärerischen Nährboden, auf dem sich naturwissenschaftliches Wissen verbreiten konnte. Damals, sagt Bildungshistorikerin Dr. Ina Uphoff, die Leiterin der Forschungsstelle Historische Bildmedien, entstand ein Bildangebot, das die Faszinationskraft der Natur nicht nur einfangen, sondern auch gezielt befördern sollte. Und über die Schulwandtafeln hielt die Vermittlung naturkundlichen Wissens Einzug ins Klassenzimmer und den Unterricht.

Die Forschungsstelle Historische Bildmedien auf dem Hubland-Campus beherbergt Europas umfangreichste Sammlung von Schulwandbildern mit rund 20 000 Originalen aus einem Zeitraum von 150 Jahren und zu allen Unterrichtsfächern. Zur Forschungsstelle gehört eine Spezialbibliothek mit Lehrmittelzeitschriften, Begleitkommentaren und Verlagskatalogen. Die Anfänge des Schulwandbildes sind eng mit der Geschichte der Schulbuchillustration verknüpft. Mit der Erfindung und Verbreitung der Lithografie ab 1800 wurde es technisch möglich und auch erschwinglich, die Anregung der Philanthropen praktisch umzusetzen und große, für alle Schüler im Klassenzimmer sichtbare Bilder für den Unterricht herstellen zu lassen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts löste sich die enge Verflechtung von Buchbild und Wandbild zunehmend auf. Schulwandbilder erhielten einen eigenen didaktischen Stellenwert neben dem Schulbuch.

Vor allem für den ersten Anschauungs- und Sprachunterricht, für die Fächer Religion, Erdkunde, Geschichte, Naturkunde, aber auch für den Rechen-, Naturlehre, Technologie-, Zeichen- und sogar für den Turnunterricht erscheinen seit den 1870er Jahren Hunderte von Serien mit meist Dutzenden von Einzelbilden. Erst durch die zunehmende Verbreitung von Dia, Film und Overheadfolien büßte das Schulwandbild ab den 1960er Jahren seine Rolle im Unterricht ein.

Wie die Schau im Botanischen Garten zeigt, waren Bilder der Naturgeschichte von besonderer, geradezu „bildender“ Bedeutung. Die Tafeln machen auch deutlich, wie sich die Auffassung, die Einstellung zur Natur über die Zeiten veränderte. „Lag der Schwerpunkt des naturkundlichen Unterrichts zunächst auf der reinen Beschreibung und der schlichten Klassifizierung der Pflanzen, veränderte sich diese Betrachtungsweise Ende des 19. Jahrhunderts hin zu einer ganzheitlich biologischen Betrachtung der Natur“, sagt Andreas Dörpinghaus.

So tritt an die Stelle der „trockenen“ Systemkunde nach und nach eine ganzheitliche Schau mit ökologischer Ausrichtung. Die Zeugen der Vergangenheit verdeutlichen auch das für beide Disziplinen, Biologie und Bildungsgeschichte, zentrale Prinzip der „Lebensgemeinschaft“, ein Begriff, der in der Reformpädagogik zum Bindeglied hin zur Naturwissenschaft wurde. Nun wächst am Dallenberg der echte Farn vor der Bildtafel über die Waldflora. Zur Wandtafel über Tropenfrüchte findet der Besucher im Botanischen Garten das Original an der Kakaopflanze. Ein Zufall? „Unsere Kakaobäume haben dieses Jahr extrem gut angesetzt“, sagt Gartenleiter Gerd Vogg.. „Das ist eine echte Schau.“

Die Ausstellungsmacher wollen mit den echten Pflanzen und den historischen Schulwandbildern zeigen, wie kulturelle Umstände, wissenschaftliche Erkenntnis oder auch politische Strömungen das Verhältnis der Menschen zur Natur prägten. „Der Blick auf die Natur ist eben – auch heute noch immer schon durch Erziehung, Bildung und Kultur bestimmt“, so Bildungswissenschaftler Dörpinghaus.

Zu sehen sind in der Ausstellung – ergänzt jeweils um die Originale aus dem Botanischen Garten – chronologische Bilderfolgen wie zu Kaffee und Kakao. Der Besucher wird in die Welt der Heilkräuter geführt, lernt Gewürze und die in Deutschland geschützten Pflanzen kennen. Und er findet sehr prominente Bilder wie die von Otto Schmeil zum Sonnentau, Tafeln zu Schädlingen und Pflanzenkrankheiten. Mit einem Quiz über Pflanzenwissen, das alte und neue Medien vereint, kann der Besucher schließlich sein botanischen Wissen schließlich testen. TEXT: NAT

Bild trifft Original: Die Ausstellung läuft bis 30. November. Sie ist ein Kooperationsprojekt der Forschungsstelle Historische Bildmedien mit dem Botanischen Garten Würzburg. Geöffnet hat der Garten am Dallenberg jeden Tag von 8 bis 16 Uhr, auch an Wochenenden und Feiertagen. Die Gewächshäuser schließen jeweils 30 Minuten vor Gartenschluss, der Eintritt ist frei.

Fett: Mager
Foto: – | Fett: Mager
Nostalgisch:  Ältere Besucher erinnern sich noch gut an die Tafeln und Bilder, die früher im Klassenzimmer hingen.
Foto: Thomas Obermeier | Nostalgisch: Ältere Besucher erinnern sich noch gut an die Tafeln und Bilder, die früher im Klassenzimmer hingen.
Würzburg, Botanischer Garten, Ausstellung Schulwandbilder
Foto: Thomas Obermeier | Würzburg, Botanischer Garten, Ausstellung Schulwandbilder
Würzburg, Botanischer Garten, Ausstellung Schulwandbilder
Foto: Thomas Obermeier | Würzburg, Botanischer Garten, Ausstellung Schulwandbilder
Würzburg, Botanischer Garten, Ausstellung Schulwandbilder
Foto: Thomas Obermeier | Würzburg, Botanischer Garten, Ausstellung Schulwandbilder
Würzburg, Botanischer Garten, Ausstellung Schulwandbilder
Foto: Thomas Obermeier | Würzburg, Botanischer Garten, Ausstellung Schulwandbilder
Würzburg, Botanischer Garten, Ausstellung Schulwandbilder
Foto: Thomas Obermeier | Würzburg, Botanischer Garten, Ausstellung Schulwandbilder
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