WÜRZBURG

Charlott-Terrassen: Das Tanzlokal ist nur noch Ruine

Charlott-Terrassen: Völlig verfallen und fast vergessen – am Nikolausberg ist ein Stadtgrundstück dem totalen Verfall preisgegeben.

Die Stadt Würzburg besitzt am Nikolausberg mit Kaufurkunde vom 2. März 1961 ein Ruinengrundstück, von dem vermutlich selbst eine große Mehrheit des Stadtrats keine Ahnung hat: die ehemaligen Charlott-Terrassen. Aus Sicherheitsgründen gut versperrt und auch sonst praktisch unzugänglich, ist das Areal seit Jahrzehnten der Vergänglichkeit preis gegeben und durch Baum- und Buschwerk völlig verwildert.

Hier war einmal in der Nachkriegszeit ein sowohl von der Stadt, als auch von der Nikolausstraße her zugängliches Tanzlokal mit zwei großen Außenterrassen – und mit einem tollem Blick zur Festung und über die gesamte Stadt. Eine lebendige Vergnügungs- und Kulturszene hatte es hier einst gegeben.

Die sonnigen Herbsttage sind bestens geeignet für eine kleine „Expedition“ auf dieses verlassene Ruinengrundstück am Nikolausberg mit seinem morbiden Charme. Der Platz der ehemaligen Charlott-Terrassen liegt in der direkten Sichtachse von der Löwenbrücke zum Käppele hinauf. Wobei von unten, von der Stadt aus gesehen, heute absolut nichts mehr zu sehen ist von der einstigen Lokalität. Gegenüber des Beginns des Kreuzwegs an der Nikolausstraße ist der heute einzige Eingang auf das Gelände – zugesperrt freilich. „Betreten auf eigene Gefahr“ heißt die Bedingung der Stadt, die der interessierte Journalist vor der Erkundung schriftlich abzugeben hat.

Auch Stadtkämmerer Robert Scheller betritt als Grundstücksreferent bei dem Termin vor Ort persönlich Neuland. Mit dabei beim Rundgang über das Gelände ist Christian Grumbach, Abteilungsleiter für Immobilien Management bei der CTW, und der Teamleiter für Haustechnik Bertwin Meder. Doch der Haustechniker findet hier bestenfalls noch verrostete Ver- oder Entsorgungsleitungen vor. Die Charlott-Terrassen sind längst kein Fall für Grundstücks-Marketing mehr.

Eine steile, gefährliche Steintreppe, auf der früher wohl manch beschwipster Gast unterwegs war, führt nach unten zum Plateau, wo einmal das Restaurant stand. Das Haupthaus, das Konzert-Café, hatte die Stadt wegen Einsturz-Gefahr vor Jahren einreißen lassen. Aber es ist in Fragmenten noch viel zu erkennen von der ehemaligen Struktur dieser ziemlich großen gastronomischen Würzburger Einrichtung.

Jetzt treiben die Herbstblätter über die verbliebenen Ruinen, und man mus aufpassen, wohin man tritt. Die Blätter verstärken die vergängliche Szenerie, die das Gefühl entstehen lässt, es ginge um spätmittelalterliche Gebäudereste. Konditormeister Georg Kunkel hatte den Berichten zufolge 1922 das Grundstück erworben und dort das Terrassenrestaurant „Ludwigshöhe“ eröffnet. 1937 übernahm Konditormeister Walter Schmidt das Lokal und baute es zum Tanzcafé „Charlott-Terrassen“ um. Schon wenig später, im Zweiten Weltkrieg, wurde es zerstört. Es gab zwar gleich nach Kriegsende 1945 einen Antrag auf Wiederaufbau der Charlott-Terrassen. Doch es fehlte an Baumaterial. Die Familie Anna Schmidt baute schließlich nach neuen Plänen das Restaurant wieder auf. Als der letzte Betreiber starb, kaufte die Stadt 1961 die Charlott-Terrassen. Der Betrieb jedoch wurde nicht mehr aufgenommen.

Stadtkämmerer Robert Scheller sagt zu dem heute romantisch-morbid anmutenden, dem Verfall anheim gegebenen Grundstück diplomatisch, es gebe derzeit im Stadtrat „keine Willensbildung für eine Nutzung“. Unberührt und dem Verfall anheim gegeben ist das Grundstück seit 1983 in der Biotopkartierung der Stadt als eine schützenswerte Fläche aufgenommen. Die Bäume sind inzwischen so groß und stattlich, dass sie durch die Baumschutzverordnung geschützt sind. Dann meint Scheller noch, es gebe bislang auch keine Ideen dafür. Am „Heiligen Berg Würzburgs“ sei jede Bebauung schwierig, einmal abgesehen von der äußerst problematischen Erschließung.

Charlott-Terrassen: Das Tanzlokal ist nur noch Ruine
Foto: Theresa Müller

Das war nicht immer so. Vom Erhalt des alten Cafés bis hin zu einer Bebauung mit Eigentumswohnungen oder eine Galerie war im Stadtrat vor 30 bis 40 Jahren viel über eine Nutzung des Geländes diskutiert worden. Es gab genug Angebote von Investoren. Ein „Margarete Boveri-Haus“ sollte daraus werden ohne den städtischen Haushalt zu belasten. Das scheiterte damals offenbar an der SPD-Stadtratsfraktion. In den 80er Jahren war eine Fußwegeverbindung über das Grundstück zur Nikolausstraße im Gespräch. Die ehemaligen Charlott-Terrassen sollten eine Aussichtsplattform werden. Vorbei.

  • Die Mauern bröckeln, Efeu wuchert, Treppen verfallen – einen Streifzug über das Gelände der Charlott-Terrasse gibt es in Bilder hier:
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