Würzburg

Die fast unmögliche Freiheit auf drei Rädern

Mit dem Fahrrad einkaufen zu fahren oder Freunde zu besuchen – was für viele Menschen selbstverständlich ist, ist für Menschen mit Handicap ein Ding der Unmöglichkeit. Eine Utopie. Mit einem Liegedreirad geht es, „wenn man seinen inneren Schweinehund überwunden hat“, sagt Sonja Pfister aus Margetshöchheim (Lkr. Würzburg). Gemeinsam mit ihrem Mann Andre organisiert sie eine Fahrradtour durch das Maindreieck für Menschen, die an Multipler Sklerose (MS) erkrankt sich.

Dass etwas mit ihr nicht stimmt, hat die 49-Jährige schon lange gemerkt. Bei Spaziergängen stolperte sie oder fiel um, immer wieder. Ihrem „Malheur“ maß sie keine allzu große Bedeutung bei. „Ich hatte gedacht, das wäre der Kreislauf, aber es war nicht der Kreislauf.“ Mit der Zeit wurden die Symptome jedoch immer schlimmer. Immer wieder stürzte sie heftig auf die Knie, auf die Hände. Ständig waren die Bänder durch das Umknicken gedehnt. Ihr ganzer Körper fühlte sich instabil an. „Da waren wir uns sicher, dass es etwas Ernstes ist“, sagt sie.

Seit 1999 weiß ihre Familie, was ihr fehlt. Sonja Pfister leidet an der Krankheit Multiple Sklerose. Die Diagnose traf sie völlig unvorbereitet. Gleichzeitig wusste sie, dass sie mit der Krankheit wird leben müssen. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass sie trotz alldem ihren Lebensmut nicht verloren hat. Die Radtour, die hauptsächlich ihr Mann organisiert, sieht sie als eine „Aktion gegen Vereinsamung“. Aktiv sein, Spaß haben, mit netten Leuten zusammen sein – das sei das Ziel der einwöchigen Tour durch Mainfranken. Man wolle den Teilnehmern nicht nur das Radfahren näherbringen. Vielmehr sollen sie das Gefühl haben, etwas geleistet zu haben und dabei eine Art „Selbstbestätigung“ erfahren.

Dass jemand unter MS leidet, ist nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Entsprechend unterscheidet sich das Befinden der Betroffenen von Menschen mit anderen, sichtbaren Erkrankungen. MS-Kranke fühlen sich vielfach missverstanden und ziehen sich deshalb zurück. In der Folge bricht oft der Freundeskreis zusammen, womit sich zu den körperlichen Einschränkungen noch die soziale Vereinsamung gesellt. Diese kann dann beim Krankheitsbild und -verlauf eine dominante Rolle einnehmen.

Um der Vereinsamung entgegenzuwirken, müsse man selbst aktiv werden, so Sonja Pfister. Das sei selbstverständlich nicht so einfach. Aber wenn man seinen „inneren Schweinehund“ überwunden habe, schaffe man es, zuversichtlich ins Leben zu blicken. Und das trotz aller Symptome.

Einmal im Jahr trifft sich deshalb die bundesweite Selbsthilfegruppe „Radfahrlust“ zu einer Spezialrad-Tour und ist dann sieben Tage unterwegs – jedes Mal woanders und dieses Mal in Margetshöchheim. Von hier aus werden sie die Region erkunden. Für an MS erkrankte Menschen bedeutet ein Liegedreirad oftmals die einzige Möglichkeit, Fahrrad zu fahren. „Das ist für uns ein Stück Freiheit und Unabhängigkeit“, sagt Sonja Pfister. Auf der Radtour wollen sich mehr als 40 MS-Patienten und zehn Helfer auf das Abenteuer der selbstständigen Mobilität einlassen.

Die Selbsthilfegruppe bietet auch Liegerad-Tandems an, die das Fahrraderlebnis zu zweit ermöglichen. Eines kann das Tandem allerdings nicht bieten: vollkommene Unabhängigkeit. Mit einem kippstabilen Dreirad („Trike“) hingegen sind eingeschränkte Menschen nicht auf andere angewiesen.

„Das ist für uns ein Stück Freiheit und Unabhängigkeit.“
Sonja Pfister, Multiple-Sklerose-Patientin

Vor allem Liegedreiräder eignen sich für die verschiedensten Formen und Grade von Behinderungen, da sie auch mit gestörtem Gleichgewichtssinn gefahren werden können und keine kräftige Haltemuskulatur erfordern. Elektromotoren gleichen mittlerweile sogar fehlende Kraft in den Beinen aus und schaffen völlig neue Möglichkeiten. Mit den Elektro-Dreirädern kann man auch mit minimaler Bewegung das Gefühl haben: Ich bin selbstständig, ich bin in der Lage, einen Ausflug zu machen. Genau diese Mobilität soll bei der Tour in den Vordergrund rücken.

Bei sogenannten „Handbikes“ wiederum wird die Kurbelarbeit gleich ganz von den Armen übernommen. Mittlerweile gibt es Modelle, die das Radfahren auch für MS-Betroffene mit weiteren körperlichen Einschränkungen möglich machen. Um Spaß und Sicherheit zu garantieren, sollte je nach Einschränkung das Fahrrad angepasst oder gegebenenfalls neu angeschafft werden. Aber die Räder sind nicht gerade billig. Der Einstiegspreis liegt bei etwa 3500 Euro, mit Elektromotor bestückt ab circa 5000 Euro.

Von den mehr als 40 Teilnehmern aus ganz Deutschland wollen 15 Personen mit eigenen Fahrrädern anreisen, bei den anderen müssen die Räder individuell an die persönlichen Bedürfnisse angepasst werden. Das macht Andre Pfister, der die Räder auch repariert. Unterstützt werden die Radler auch von Dreiradherstellern; die Firmen stellen ihre Räder kostenlos zur Verfügung.

Die Tour, die ausschließlich über Spenden finanziert wird, beginnt am 7. September und führt insgesamt 110 Kilometer entlang des Maindreiecks von Schweinfurt über Würzburg nach Margetshöchheim. Für die Teilnehmer wird täglich der Transfer zum Quartier in Margetshöchheim über einen Shuttlebus-Service organisiert. Ihren Anschluss findet die Mainfranken-Spezialrad-Tour mit einer Rundfahrt durch Würzburg am letzten Tag. Schirmherrin ist die Würzburger evangelisch-lutherische Dekanin Edda Weise. Den Teilnehmern wünscht sie Lebenslust, Freude am Radfahren und gute Gemeinschaft: „'Radfahrlust' setzt ein wichtiges Zeichen für Teilhabe und Inklusion, dafür danke ich den Veranstaltern sehr.“ Allerdings: So eine Radtour zu organisieren, ist alles andere als einfach. „Für uns ist das eine große Herausforderung“, sagt Andre Pfister.

Länger als ein Jahr lang haben er und seine Frau sich mit der Planung befasst, sind mehrmals die Strecke gefahren, um zu sehen, ob sie nichts übersehen haben. Wie teilt man die Tagesetappen auf? Wie und wo kann man alle Räder unterstellen? Wo kann die Gruppe zum Essen einkehren? Und, sehr wichtig: Gibt es öffentliche Toiletten? All diese Fragen wollen beantwortet werden. „Es ging nicht immer so, wie wir uns die Dinge vorgestellt haben“, sagt Andre Pfister. Damit nichts dem Zufall überlassen wird, waren die Pfisters in den Rathäusern der Gemeinden entlang der Route vorstellig und haben um Hilfe gebeten. „Das Entgegenkommen der Gemeinden ist phänomenal.“

Seit Längerem steht nun die Route fest – die „Radfahrlust“-Tour kann beginnen. Für jede Etappe sind zwischen 30 und 35 Kilometer geplant. Am Ende werden die Radler 175 Kilometer zurückgelegt haben.

Neben der Routenplanung stellt auch die Unterbringung der Teilnehmer eine echte logistische Herausforderung dar. Möglichst barrierefrei sollte das Quartier sein und über eine Küche und Duschmöglichkeiten verfügen. „Wir wollen ein zentrales Quartier haben, damit die Teilnehmer nicht jeden Tag ein- und auspacken müssen. Die Idee ist letztendlich, alle unter einem Dach unterzubringen. Das war für uns wichtig“, betont Andre Pfister.

„Man bekommt das Gefühl, gemeinsam etwas zu bewegen.“
Andre Pfister, Mitorganisator der Spezialrad-Tour

Da die Suche nach einem Quartier in Würzburg nicht erfolgreich war, wandten sich die Pfisters an ihre Heimatgemeinde. Mit Erfolg: Margetshöchheim stellt die Margarethenhalle kostenlos zur Verfügung. Über eine Woche werden alle in der großen Halle kochen, essen, sich austauschen, schlafen und selbstverständlich Hilfe bekommen, wenn sie sie benötigen. „Man bekommt das Gefühl, gemeinsam etwas zu bewegen, wozu man als Einzelperson nicht in der Lage wäre“, so Andre Pfister.

Zwar genügt die Margarethenhalle den Ansprüchen der Organisatoren, aber sie ist eine Kompromisslösung – denn die Duschen und Toiletten liegen im Keller. Die Treppen will man nun mit einer Treppenrampe und einem Treppenmobil überwinden. Unterstützt werden die Teilnehmer von mehr als zehn freiwilligen Helfern: Tourbegleiter des ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club) werden jeden Tag dabei sein, Kreuzungen sichern und über Walkie-Talkies Kontakt halten. Andere wollen im Quartier in der Küche helfen. „Für den Küchendienst können wir noch Hilfe gebrauchen“, so Organisator Pfister.

Eine Krankheit mit 1000 Gesichtern – so wird MS auch genannt. Sonja Pfister gehört zu den stark betroffenen Personen. Freies Laufen ist bei ihr gänzlich unmöglich. Mit einem Rollator, Rollstuhl und Liegedreirad versucht sie, ihre Beweglichkeit zu erhalten. Auf die Tour freut sie sich jetzt schon: Die Freiheit auf Dreirädern mit Freunden unterwegs zu sein, will sie sich nicht nehmen lassen.

Unerschöpflicher Antrieb: Die an Multipler Sklerose (MS) erkrankte Sonja Pfister (im Bild mit ihrem Sohn Reinhard) organisiert mit ihrem Mann eine Radtour für MS-Kranke durch die Region.
Foto: Patty Varasano | Unerschöpflicher Antrieb: Die an Multipler Sklerose (MS) erkrankte Sonja Pfister (im Bild mit ihrem Sohn Reinhard) organisiert mit ihrem Mann eine Radtour für MS-Kranke durch die Region.
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