Würzburg

Die Wiedergeburt der Ruderknörz

Die Ruderknörz (von links) Manfred Kühnel, Jürgen Cleve und Klaus Cleve.
Foto: Herbert Kriener | Die Ruderknörz (von links) Manfred Kühnel, Jürgen Cleve und Klaus Cleve.

Am Stammtisch in der urigen Bierkneipe „Zum Udo“ sitzt eine treue Männerrunde und feiert ein besonderes Bestehen. Es sind die „Ruderknörz“: kernig-knochige Ruderer aus zwei Würzburger Traditionsvereinen. Jedes Jahr im Herbst feiern sie die Wiedergeburt dreier ihrer Mitglieder nach einem dramatischen Unfall mit ihrem Boot auf dem Main.

Knorz aus altem Baumstamm

In der Runde sitzen vom Akademischen Ruderclub (ARCW) Sebastian Kühnel, sein Vater Manfred Kühnel, Jürgen Cleve, Marco Scheiger und Benjamin Zahn. Vom Würzburger Ruderverein Bayern (WRVB) kommen Balthasar Höhn und Klaus Cleve. Er ist mit 66 Jahren der Älteste und so etwas wie der Kopf der Ruderknörz. Sein Bruder Jürgen hat für den Namen gesorgt, als er einst aus Korsika den Knorz aus einem alten Baumstamm mitbrachte, der dann zum Stammtisch-Zeichen wurde.

Seit 50 Jahren dem Rudersport verbunden

Die Ruderknörz sind ein lebendiges und immer noch aktives Stück der langen Würzburger Ruderer-Geschichte. Der älteste Verein ist der Würzburger Ruderverein von 1875. Im Jahr 1994 fusionierte er mit der 1905 gegründeten Würzburger Rudergesellschaft Bayern zum WRVB. 1905 wurde auch der Akademische Ruderclub Würzburg als studentische Initiative aus der Taufe gehoben. Seit zwei Jahren gibt es als Abspaltung einen neuen Ruderclub ROW. Übergeordnet steht der Würzburger Regattaverein, der das jährliche Anrudern zum Saisonstart und Wettkämpfe organisiert.

Bei den Ruderknörz sind einige schon seit 50 Jahren dem Rudersport verbunden. Alle Ruderer haben beachtliche Erfolge eingefahren: deutsche Meisterschaft U23, Deutsche Vizemeister im Junioren- und im Aktivenbereich und etliche Bayerische Meisterschaften. Seit längerem sind sie nun als Freizeittruppe miteinander verbunden.

Dramatisches Erlebnis

Was die Ruderknörz am Stammtisch zu feiern haben, geht auf ein dramatisches Erlebnis am 23. Oktober 1997 zurück. Es war ein sehr kalter Herbsttag und eigentlich wäre für die Ruderer die Saison schon beendet gewesen, wenn nicht ein Jahr zuvor die Sommerzeit von Ende September auf Ende Oktober verlegt worden wäre. So war es die letzte Ruderfahrt der Saison. Eigentlich sollte ein Doppelvierer mit Steuermann gerudert werden, doch Schlagmann Günter Borutta hatte wegen Zahnschmerzen abgesagt. Seppo Kühnel, damals 17, wäre Steuermann gewesen, wurde aber von Papa Manni Kühnel heimgeschickt, weil es so kalt war.

So entschlossen sich drei Sportler, einen Gig-Doppeldreier mit Skulls zu fahren, also mit Rudern beidseits. Das Funboot dafür war die „Emma“, die es heute noch gibt. Schlagmann im Heck und damit vorne in Fahrtrichtung war Jürgen Cleve, Platz in der Mitte nahm sein Bruder Klaus. Die „Bugsau“, die den Schlag angibt, war Manfred „Manni“ Kühnel.

In mächtigen Strudel geraten

Die Fahrt ging nach der Arbeit am Nachmittag vom Ruderzentrum nach Randersacker, wo der Dreier drehte, weil die Dämmerung eintrat. Die Drei legten sich mächtig in die Riemen: 300 Meter locker, dann wieder harte Schläge. Auf einmal hat es bei höchster Geschwindigkeit geknallt. „Ich habe im ersten Schreckmoment gedacht, wir sind gegen eine Brücke gefahren“, erinnert sich Klaus Cleve. Doch es war ein großer Schubverband, in dessen mächtigen Strudel sie nun geraten waren.

Wie auf Kommando sind Jürgen und Klaus Cleve aus dem Boot ins eiskalte Wasser gesprungen. Die Todesangst setzte ungeahnte Kräfte frei, und so kämpften sie sich aus dem Sog und haben glücklich auf Höhe der Feggrube das Ufer erreicht.

Mehrfach ins Wasser gedrückt

Bugmann Manni Kühnel war offensichtlich vom Schreck wie gelähmt und wurde vom Schubverband mit dem Boot mehrfach nach unten gedrückt. Die beiden Cleve-Brüder standen am Ufer und gerieten in Panik, dass ihr Freund es nicht geschafft hat. „Das war einfach furchtbar, so etwas geht einem nicht mehr aus dem Kopf“, sagt Klaus Cleve heute.

Doch dann haben sie Hilferufe gehört und gesehen, wie der Kopf ihres Freundes seitlich neben dem Frachtschiff aus der Bugwelle auftauchte. Manni Kühnel kämpfte sich vom Frachter weg und seine Freunde sprangen noch einmal in den Main und zogen ihn ans Land. So standen sie patschnass am Ufer. „Vor lauter Adrenalin hast du erst einmal nicht gefroren“, erzählt Klaus Cleve.

Um Haaresbreite überlebt

In der Sporthalle Feggrube der TGW haben sie erst einmal im Ruderverein angerufen und mitgeteilt, dass sie alle drei wohlauf sind. Dann sind sie unter die Dusche gegangen und haben plötzlich alle drei zu lachen angefangen, obwohl es nicht zum Lachen war. „Das war der nachlassende Schock“, erinnert sich Cleve, und: „Wir haben begriffen, dass wir alle drei nur um Haaresbreite überlebt haben.

Ein Mann vom ARCW hat sie dann abgeholt. Sie wurden von der Wasserschutzpolizei vernommen. Der Kapitän hatte das im Wasser treibende leere Bot gesehen und per Funk die Polizei benachrichtigt. Den Unfall selbst konnte er nicht mitbekommen haben, sind sich die Ruderer sicher. Es gab eine Anzeige wegen Gefährdung der Großschifffahrtsstraße Rhein-Main-Donau, doch das Verfahren wurde später eingestellt, weil der Kapitän auf Anzeige verzichtet hatte. Das Boot „Emma“ wurde dann an der Adenauer-Brücke treibend gefunden und zum ARCW gebracht. Es existiert heute noch.

In der Presse war dann zu lesen, dass drei erfahrene Ruderer leichtsinnig umgegangen seien. „Seitdem gucken wir lieber einmal mehr als zu wenig“, erzählt Cleve bei der Feier ihrer Wiedergeburt am Stammtisch im „Udo“.

Die „Ruderknörz“ in der Emma vor 20 Jahren.
Foto: Ruderknörz | Die „Ruderknörz“ in der Emma vor 20 Jahren.
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