Würzburg

Diskussion zum Thema „Corona und Soziale Arbeit in Würzburg“

Wie sieht die Soziale Arbeit in Würzburg aus zu Zeiten der Pandemie – was hat sich verändert, welche Forderungen oder Wünsche haben Mitarbeitende für den zweiten Lockdown? Was bedeutet ein „social distancing“ und/oder ein „physical distancing“ für ihre Arbeit? Diese Fragen stellte laut einer Pressemitteilung der FHWS das Organisationstrio der 7. Menschenrechtswoche, Professor Theresia Wintergerst, Professor Oliver Bertsche und Professor Ralph-Christian Amthor von der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt (FHWS), den sechs Referenten Martina Mirus (St. Thekla Würzburg), Thomas Möginger (Jugendhilfe Creglingen - Mobile Jugendbetreuung Würzburg), Tina Muck (Bezirksjugendring Unterfranken), Petra Neckermann (Stadtteilprojekt Heidingsfeld), Heike Richardt (Leiterin des Allgemeinen Sozialdienst der Stadt Würzburg) und Brita Richl (Arbeiterwohlfahrt, Frauenhaus).

Die Podiumsdiskussion zum Thema „Corona und die Soziale Arbeit in Würzburg“ fand bei der 7. Menschenrechtswoche der Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften statt. An ihr nahmen rund zweihundert Studierende sowie zahlreiche externe Gäste teil.

Vielschichtige Einblicke in Einrichtungen und Institutionen

Heike Richardt, Leiterin des Allgemeinen Sozialdienst der Stadt Würzburg, berichtete, man sei im ersten Lockdown technisch nicht entsprechend ausgerüstet gewesen mit Laptops und VPN-Tunneln, um die bisherigen Tätigkeit unter neuen Bedingungen leisten zu können. Ein Anstieg häuslicher Gewalt sei festgestellt worden. Kinder in Heimen hätten aufgrund der Kontaktsperren vorübergehend keinen Kontakt zu den Eltern halten können.

Brita Richl vom Frauenhaus der Arbeiterwohlfahrt erläuterte, dass die Mitarbeitenden des Frauenhauses Kriseneinsätze gewohnt seien. Im Frühjahr sei es zu sehr beengten Wohnverhältnissen gekommen, die Einhaltung der Hygienekonzepte habe eine Herausforderung dargestellt. Themen wie Datenschutz im Zusammenhang mit Corona-Tests hätten geklärt werden müssen. Positiv berichten könne sie, dass aufgrund des Lockdowns Ruhe eingekehrt sei bei Frauen sowie Kindern und Jugendlichen, da der oft belastende Kontext mit Schule und Behördengängen ausgefallen sei.  

Viel Kreativität ist entstanden

Thomas Möginger von der Jugendhilfe Creglingen unterstrich die Aussage Richls: Auch bei den Jugendlichen sei es ruhig geworden, es habe viel Kreativität bei den jungen Menschen wie Online-Musik-Gruppen gegeben. Angebote der Kommunikation über Skype oder WhatsApp seien viel genutzt worden, teilweise konnten jüngere Menschen ältere im Umgang mit neuen Techniken und Medien schulen.

Tina Muck vom Bezirksjugendring Unterfranken sagte, es habe zu Beginn des Lockdowns eine kurze Schockstarre gegeben. Die Frage der weiteren finanziellen Förderung konnte auf Intervention der Bayerischen Staatsregierung positiv gelöst werden, sodass beispielsweise Kurse für Jugendarbeit weiterhin angeboten werden konnten, im Online-Modus.

Kontaktsperren führten zu psychischen Störungen

Marina Mirus vom Seniorenzentrum St. Thekla in Würzburg zeigte auf, dass dementiell Erkrankte die Gefahren eines Virus oft nicht sähen und verwirrt seien wegen der ungewohnten Situation mit Masken, ohne Angebote und Ausgang. Auf eine Distanz von 1,50 bis zwei Metern fühlten sich die Menschen oft nicht angesprochen, und sie hörten schlecht. Kontaktsperren führten bei etlichen Bewohnern zu psychischen Störungen. Es gebe Personen, die wünschten sich mehr als ihre eigene Gesundheit oder ihr Leben vor allem den Kontakt zu Angehörigen. Mitarbeitende seien konfrontiert worden mit Aussagen: Man habe Stalingrad überlebt, da entscheide man selbst, ob man vor die Tür ginge oder nicht.

Petra Neckermann vom Stadtteilprojekt Heidingsfeld gab einen positiven Blick in ihre Tätigkeit: Man habe Nachbarschaftshilfe organisieren können, sogenannte Balkon-Telefonate mit Sichtkontakt und Telefongesprächen aus sicherer Distanz heraus. Beratungen sowie soziale Angebote hätten weiterhin, wenn auch modifiziert, angeboten werden können.

Technik soll kein Luxus mehr sein, sondern Standard werden

Welche positiven Erfahrungen sollten mitgenommen werden, welche Wünsche bzw. Forderungen könnten künftig realisiert werden? Einig war man sich darin, Dienstreisen zu Fortbildungen oder Besuchen in Zukunft zu überdenken und diese online durchzuführen. Die Pandemie habe zu sehr viel Zusammenhalt unter den Menschen geführt, vielleicht auch aufgrund einer „Bunkermentalität“, so Marina Mirus.

Die technische Ausrüstung müsse in einigen Bereichen deutlich aktualisiert und aufgestockt werden, um auch digital arbeiten zu können: Technik dürfe kein Luxus mehr bedeuten, sondern solle vielmehr Standard werden, so Richl. Innig setzten Podiumsteilnehmer auf das Durchhaltevermögen aller Mitarbeitenden in ihren jeweiligen Institutionen und Organisationen. Entscheidend sei auch, so Mirus, keine Glasglocke über Menschen zu stülpen und nicht mehr über sie, sondern mit ihnen Entscheidungen zu treffen.  

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