ROTTENDORF

Eine Krankheit, die das Leben prägt

Marianne Spall hat einen ausgezeichneten Mann. Jürgen Spall erhielt für die langjährige und vorbildliche Betreuung und Pflege seiner Frau den „Pflegepreis für das Jahr 2014“ der Bayerischen Multiple-Sklerose-Gesellschaft – ein Dankeschön für sein Engagement, verbunden mit 1000 Euro als Anerkennung. Die 67-jährige Marianne Spall hat die so genannte „schleichende“ Variante der Multiple Sklerose (MS).

Vor Jahrzehnten fing das an, heute ist Marianne Spall bettlägerig und kann nicht mehr alleine aufstehen. Was noch funktioniert, ist die Auf- und Ab-Bewegung mit dem rechten Arm. Das ist mit dem linken nicht mehr möglich. An der linken Hand kann sie noch ein wenig die Finger bewegen. „Es ist etwas besser geworden mit dem linken Arm seit Kempfenhausen“, sagt ihr Mann. In dem Ort nahe München war die Patientin im vergangenen August in der Marianne-Strauß-Klinik zur Reha.

„Ich bin Kaufmann, Hausmann, Pfleger, manchmal Doktor“
Jürgen Spall, der seine an MS erkrankte Frau pflegt

Jürgen Spall (70) sorgt immer für Abwechslung, egal, ob ein Ausflug im Rollstuhl wie vor zwei Jahren nach Bad Kissingen zum Rakoczy-Fest, das monatliche Treffen mit ehemaligen Arbeitskollegen seiner Frau, die Besuche durch Bekannte, die er willkommen heißt, oder ambulante Therapien und Arztbesuche. Er ist für sie da, zu Hause sowieso. „Ich bin Kaufmann, Hausmann, Pfleger, manchmal Doktor“, sagt er, der früher als Großhandelskaufmann tätig war, „Schicht-Ende gibt’s nicht“. Mit seiner Hilfe erhielt seine Frau nicht nur ein Pflegebett mit Auf- und Abwärtsfunktion, sondern auch eine Wechseldruck-Matratze für eine bessere Lagerung der Patientin. Marianne Spall war nämlich nach langem Klinikaufenthalt wund gelegen.

In der schlimmsten Zeit ihrer Krankheit lag sie im Jahr 2005 eineinhalb Monate im künstlichen Koma, davon vier Wochen intubiert, weil sie nicht mehr selbstständig atmen konnte. „Das war schlimm. Wir wussten nicht: wacht sie wieder auf?“, berichtet Jürgen Spall. „Ihr ganzer Körper hat rebelliert“. Diese Zeit trug er mit, nachdem er selbst eine schwere Operation hinter sich hatte und deswegen verrentet worden war. Der brutale Ausbruch der Krankheit seiner Frau war für Jürgen Spall „ein Schlag, eine Zäsur im Leben“, wie er sagt, „alles ändert sich, vor allem das soziale Umfeld“. Früher war er Vorsitzender im Sängerbund Rottendorf - 14 Jahre lang. Nach seiner OP, dann auch den Einschnitt durch die Krankheit seiner Frau, war an ehrenamtliche Arbeit wie diese nicht mehr zu denken.

Noch einmal der Blick zurück: In ihrem frühesten Stadium hatte sich die Multiple Sklerose – MS – bei Marianne Spall zunächst mit Sehstörungen gemeldet. Das war vor rund 40 Jahren. In der Augenklinik wurde damals eine Entzündung des Sehnervs diagnostiziert. Auf einem Auge sah sie nichts mehr. Unter dem Medikament Cortison kam das Augenlicht dann nach und nach zurück. Erst wenige Jahre zuvor – 1970 – hatten die Spalls geheiratet. Sie haben Tochter und Sohn, heute 41 und 42 Jahre alt.

Es folgten einige Jahre, in denen Marianne Spall von weiteren Krankheitssymptomen weitgehend verschont blieb. Zwischenzeitlich konnte sie an den Wochenenden sogar als Verkäuferin arbeiten, obwohl sie sich unter der Woche auch noch für ihre Eltern aufopferte. Zunächst versorgte sie ihre Mutter bis zu deren Tod 1977. Dann kümmerte sie sich um ihren schwer pflegebedürftigen Vater, der schließlich 1992 starb. Marianne Spall bekam zusehends Empfindungsstörungen: Kribbeln in den Beinen zum Beispiel. Aber sie ging weiter zur Arbeit, „das hat mir sehr gut getan“, erinnert sie sich. Bis dahin habe kein Außenstehender die Krankheit bemerkt, berichtet sie heute. Jürgen Spall: „Wir haben es halt ein bisschen versteckt“.

Bis 2004 kam Marianne Spall immer wieder auf die Beine, aber als 2005 auch noch zahlreiche Todesfälle im Bekanntenkreis folgten, war sie geschockt. Es folgte „der große Gau“, wie Jürgen Spall die Situation nennt. Marianne Spalls Körper versagte, die Nervenkrankheit nahm überhand, ein „Versagen des Körpers insgesamt“, so Jürgen Spall.

Marianne Spall konnte nicht mehr Laufen. Sie blieb stehen, konnte sich nicht mehr setzen, fast bis zur Bewegungsunfähigkeit, erinnert sich das Ehepaar. Untersuchungen, Krankenhaus, Uniklinik. Künstliches Koma.

Im Herbst 2005 begann dieser Gau. Die Zeit bis Mitte 2006 verbrachte die Patientin in Kliniken. Nicht geheilt, aber in Teilbereichen der Krankheit erfolgreich behandelt kam sie zurück nach Hause, konnte zumindest sprechen, musste lernen, sich ans Dasein ausschließlich in Rollstuhl und Bett zu gewöhnen. Immer wieder schießen Spastiken in die Hände ein, muss dann sacht massiert und behandelt werden. Sie spüre ihre Füße, sagt sie, aber Stehen oder gar Laufen sei nicht möglich. Den Kopf kann sie bewegen. Lesen ist möglich, fernsehen auch, und telefonieren.

Getragen von einem tiefen Glauben spricht sie mit vielen Leuten, und – so berichtet ihr Mann – tröstet sogar oft die anderen, die sich an sie wenden. Er lächelt seiner Frau zu: Es gebe auch oft etwas zu lachen: wenn sie sich zum Beispiel an das größte Lob ihres Vaters erinnern, mit dem er sich zum Essen äußerte, so typisch fränkisch: „Des kamma guad ass!“ Wenn sie so plaudern, geht eine Frage fast unter, die sie sich schon so oft gestellt haben: „Warum?“

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