Würzburg

Einfach mal über den Tellerrand schauen

Schnippeln, kochen und essen. Und daraus wird im Idealfall Freundschaft. Das ist das Rezept, wie Integration von Menschen mit Fluchterfahrung gelingen kann. Auch in Würzburg ist eine Gruppe aktiv.
„Über den Tellerrand“ trotz Corona: Gemeinsam kochen und essen macht Spaß, aber wenn es nicht anders geht, ist auch eine digitale Zusammenkunft möglich.  
„Über den Tellerrand“ trotz Corona: Gemeinsam kochen und essen macht Spaß, aber wenn es nicht anders geht, ist auch eine digitale Zusammenkunft möglich.  

Foto: Jan Kroner

 „Jeder Kochabend ist der lebende Beweis, dass das Miteinander funktioniert. Und dabei wird man auch immer wieder inspiriert durch neue Gerichte. Für das Kochen wie uns Menschen gilt eben: Vielfalt ist eine Bereicherung!“, sagt Jan Kroner vom Würzburger „Über den Tellerrand“-Team. Der Name des Vereins ist Programm, das Konzept eigentlich ganz einfach und doch sehr vielversprechend: Einfach miteinander kochen und essen und so einen großen Schritt in Richtung Integration zu schaffen, indem alle einmal nicht nur über den eigenen Tellerrand, sondern hier ganz real über den Tellerrand der anderen schauen. Das natürlich nicht nur in kulinarischer Hinsicht, sondern durch das Kennenlernen von Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus den verschiedensten Gegenden der Welt untereinander auch menschlich.

„Die ersten zwei Jahre haben wir hauptsächlich mit Menschen aus Syrien und Einheimischen gekocht. Heute sind sowohl unser Team als auch unsere Teilnehmer sehr multikulturell“, sagt Kroner. Zum Team gehörten inzwischen beispielsweise Leute mit syrischen, indonesischen oder philippinischen Wurzeln. Auf dem Herd bruzzelten bei den Treffen Gerichte aus vielen Kulturen, die in der Regel von einer Person aus der jeweiligen Kultur vorgestellt würden, aus Syrien, Mexiko, der Türkei, Russland, Spanien, von den Philippinen, aus Venezuela, Somalia, dem Iran, Guinea, Griechenland. Das Team aus etwas 20 Leuten veranstaltet jeden Monat ein Kochevent, das der Begegnung auf Augenhöhe von Menschen mit und ohne Fluchterfahrung unterschiedlichster Herkünfte dienen soll. Ebenfalls einmal im Monat gibt es eine Schnippelparty. Dabei würden Lebensmittel, die normalerweise von Supermärkten oder Restaurants weggeworfen werden, verarbeitet, so Kroner. So möchte der Verein für mehr Nachhaltigkeit sorgen.

Gekocht wird in der MS Zufriedenheit im Alten Hafen in Würzburg. Durchschnittlich kommen dazu 25 Menschen. „Wir haben die Anzahl der Anmeldungen immer auf unter 30 begrenzt, da die Küche der MS Zufriedenheit sonst zu voll werden würde“, so Kroner. In Zeiten von Einschränkungen durch die Regelungen im Rahmen der Corona-Pandemie ist beim Verein Phantasie gefragt, denn gemeinsam eng am Herd stehen, schnippeln, probieren, essen in großen, zufällig zusammengewürfelten Gruppen ist noch nicht möglich.

So aßen kürzlich einige Leute zwar jeweils bei sich daheim, aber doch digital verbunden durch die Plattform Zoom und bewiesen, dass das Motto des Vereins „Kochen verbindet“ auch mit Abstand funktioniert. Gespräche kamen auch da zustande, und ein paar Teilnehmer beschlossen, einmal gemeinsam in der Fränkischen Schweiz zu wandern. Ob wandern oder auch tanzen: Der Verein sei immer offen für neue Formate und brauche nur engagierte Leute, die bei der Umsetzung helfen. „Komm gerne mit eigenen Ideen auf uns zu“, wirbt „Über den Tellerrand“ auf Facebook. Wer das tun möchte, kann über die Seite ueberdentellerrand.org Kontakt mit dem Organisationsteam aufnehmen. Und damit trotz Pandemie nicht alles nur digital abläuft, planen Jan Kroner und seine Vereinskolleginnen und -kollegen auch reale Zusammenkünfte. „Wir hoffen darauf, dass in näherer Zukunft ein Picknick unter freiem Himmel mit genügend Abstand und Sicherheitsmaßnahmen möglich sein wird“, so Kroner. Sobald die normalen Zustände wiederhergestellt seien, wird wieder in der MS Zufriedenheit geschnippelt und gekocht.

Gegründet wurde „Über den Tellerrand“ Würzburg 2016 als ein Ableger der gleichnamigen Organisation in Berlin. „Ein paar der ursprünglichen Gründerinnen haben regelmäßig private Kochabende veranstaltet und waren auf der Suche nach einer Möglichkeit, sich für Menschen mit Fluchterfahrung einsetzen zu können“, erzählt Kroner. Sie entdeckten den Verein in Berlin. Gleichzeitig versuchte eine andere Würzburgerin, in der Stadt einen Satelliten der Berliner Organisation zu gründen. Die Frauen kamen in Kontakt, und los ging's. Die MS Zufriedenheit unterstützte das Projekt und stellte die Räume kostenlos zur Verfügung. Seit 2013 trage „Über den Tellerrand“ in Berlin dazu bei, dass Integration und soziale Teilhabe von Menschen mit Fluchterfahrung in unserer Gesellschaft gelinge“, heißt es auf der Internetseite der Mutterorganisation. „Wir schaffen Räume, die Begegnung und Austausch auf Augenhöhe ermöglichen und Freundschaften zwischen Menschen mit und ohne Fluchterfahrung fördern.“

Bei vielseitigen Begegnungsaktivitäten beidseitig Vorurteile abbauen, Offenheit und Respekt fördern sowie Sprachkenntnisse und kulturelles Wissen weitergeben, seien die Ziele. „Bei kulinarischen, kreativen und sportlichen Aktivitäten begegnen sich Menschen unterschiedlicher Herkunft, lernen sich kennen und schließen Freundschaften“, so die Überzeugung. Mittlerweile habe die Organisation Ableger in 40 Städten in Deutschland, Österreich, Tschechien und Kolumbien. „Es freut mich ungemein bei jedem Kochevent zu sehen, mit welcher Freude und Leidenschaft die Teilnehmer zusammen kommen, um zu kochen“, sagt Jan Kroner in Würzburg.

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