Würzburg

„Fremdarbeiter“ am Galgenberg

Russische Kriegsgefangene 1942 in Würzburg. Auch im Fliegerhorst am Hubland wurden im Zweiten Weltkrieg Gefangene sowie nach Würzburg verschleppte ausländische Arbeitskräfte eingesetzt.
Foto: Stadtarchiv | Russische Kriegsgefangene 1942 in Würzburg. Auch im Fliegerhorst am Hubland wurden im Zweiten Weltkrieg Gefangene sowie nach Würzburg verschleppte ausländische Arbeitskräfte eingesetzt.

Das dunkelste Kapitel in der Geschichte des Hublands ist der Einsatz von ausländischen Arbeitskräften und Zwangsarbeitern ab Mitte des Zweiten Weltkriegs im Fliegerhorst, den die Nationalsozialisten auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz errichtet hatten. Hier, wo 2018 die Landesgartenschau stattfindet, lief damals nichts ohne die sogenannten „Fremdarbeiter“.

Im Stadtarchiv befindet sich ein umfangreicher Akt aus dem Jahr 1948 mit Befragungen von ehemaligen Mitarbeitern staatlicher und städtischer Stellen, die im Dritten Reich Kriegsgefangene sowie ausländische „Zivilarbeiter“ beschäftigt hatten.

Mehrere Hundert Ausländer am Galgenberg tätig

Den Unterlagen lässt sich entnehmen, dass insgesamt mehrere Hundert Ausländer am Galgenberg tätig waren, die an drei verschiedenen Stellen übernachteten.

Kriegsgefangene – russische Offiziere (ab 1943) und Italiener (ab 1944) – in Baracken in der Nähe des Fliegerhorsteingangs auf dessen Gelände, „Zivilarbeiter“ entweder auch dort oder in einem Barackenlager am oberen Gerbrunner Weg, der damals weiter Richtung Gerbrunn ging als heute, meist aber im sogenannten Ausländerlager in der Zeppelinstraße.

In Letzterem lebten auch Arbeitskräfte der Star Kugelhalter GmbH; die Schweinfurter Kugellager-Firma hatte im Opel-Betrieb in der Eichendorffstraße ein Zweigwerk errichtet.

Aufschlussreich sind die Aufzeichnungen eines ehemaligen Beschäftigten der Lohnsteuerstelle des Fliegerhorsts über die „Zivilarbeiter“, die auch Namen, Alter und Herkunft enthalten. Als Nationalitäten nannte er Franzosen, Italiener, Holländer, Belgier, Letten, Polen und Russen, womit allem Anschein nach vor allem Ukrainer gemeint waren.

Die Arbeiter seien „teilweise von den Truppeneinheiten selbst mitgebracht, zum anderen Teil vom Arbeitsamt Würzburg zugewiesen worden“, steht in seinem Bericht. Die Gesamtzahl sei ihm unbekannt; Zusammensetzung und Anzahl hätten sich ständig geändert. Die Angabe, dass Truppen Arbeiterinnen und Arbeiter mitgebracht hätten, lässt darauf schließen, dass diese in den besetzten Gebieten mit mehr oder weniger Gewalt zum Einsatz in Deutschland requiriert worden waren.

16-jährige Holländerin war die jüngste

Jüngste ausländische Arbeitskraft im Würzburger Fliegerhorst war ab November 1944 die 16-jährige Holländerin Cornelia van den Bosche. Mit ihr kamen die aus dem gleichen Ort stammende 39-jährige Helena van den Bosche, wahrscheinlich ihre Mutter, und die 19-jährige Johanna van den Bosche, wahrscheinlich ihre Schwester, nach Würzburg.

Als ältester Ausländer ist in den Aufzeichnungen der 66-jährige Lette Karl Danus vermerkt, der noch im Januar 1945 seine Tätigkeit auf dem Fliegerhorst begann.

Aus den Aussagen von Beschäftigten in Werkküche, Kasino und Kantine, der Lohnstelle für Arbeiter, der Unterkunftsabteilung, der Amtskasse, der Schneider- und Schusterwerkstätte, der Werftabteilung, der Heizung und der Landwirtschaftsabteilung ergeben sich die Einsatzgebiete der Ausländer.

Die meisten waren in der Werft beschäftigt, wo Ukrainer und Ukrainerinnen sowie Polen und Polinnen zusammen mit Deutschen Flugzeuge reparierten. An einer Stelle ist von „140 Personen, davon 70 Jugendliche“ die Rede. Ein anderer Befragter äußerte, im August 1944 seien 34 Ukrainer aus der Werft „nach Schweinfurt abtransportiert“ worden, „um dort in neuen Arbeitsstellen untergebracht zu werden“.

Übereinstimmend geben zwei Würzburger an, dass in der Küche des Kasinos vier Ukrainerinnen tätig waren. In der Schneider- und Schusterwerkstätte waren acht russische kriegsgefangene Offiziere beschäftigt, beim Platzlandwirt, der das Rollfeld und die landwirtschaftlichen Grundstücke im Fliegerhorst unterhielt, zeitweise 40 Menschen, 1945 allerdings nur noch 18. In der Heizung arbeiteten 1943 zwei Holländer und ein Pole.

Keine eindeutige Unterscheidung

Die Unterscheidung zwischen Kriegsgefangenen und Fremd- bzw. Zwangsarbeitern ist laut dem Historiker Herbert Schott nicht in allen Fällen eindeutig: „Viele Kriegsgefangene wurden 'beurlaubt?, damit unterstanden sie nicht mehr der Wehrmacht und wurden wie zivile Arbeitskräfte behandelt; beim geringsten Vergehen wurde dieser Status aber wieder aufgehoben. Vor allem Gefangene aus Polen und Frankreich wurden auch dauerhaft in zivile Arbeitsverhältnisse umgesetzt.“

„Andere Arbeitskräfte wurden zwangsweise requiriert, vor allem in der Sowjetunion und Polen, oder durch Versprechungen nach Deutschland gelockt“, schreibt Schott weiter. „Die Behandlung unterschied sich nach der sogenannten Volkstumszugehörigkeit. So wurden Ukrainer besser behandelt als Polen, diese besser als Russen.“

Aus dem Tagebuch der Schülerin Ortrun Koerber wissen wir, unter welch unmenschlichen Bedingungen Kriegsgefangene zu jener Zeit in Würzburg lebten. Die 19-Jährige, die bei Koenig & Bauer in der Zellerau in der Granatenproduktion eingesetzt war, verliebte sich 1944 in den italienischen Kriegsgefangenen Carlo, der ebenfalls dort arbeiten musste. Von ihm erfuhr sie Details über Versorgung und Unterbringung der Ausländer.

Am 30. Mai 1944 schrieb sie in ihr Tagebuch: „Sie erhalten so wenig Lebensmittel, dass ich überrascht bin, dass sie noch nicht verhungert sind: nur eine Tasse Kaffee und sonst nichts zum Frühstück. Dann arbeiten sie ohne Essen bis Viertel nach zwölf. Gemüse und eine oder zwei kleine Kartoffeln und eine halbe Scheibe Brot ist alles, was sie zu Mittag bekommen. Dann nichts mehr bis zum Abendessen, das aus einer Scheibe Brot und einer kleinen Schale Suppe besteht.“

Bis zu 9000 ausländische Arbeitskräfte eingesetzt

Carlo lebte in einem kleinen Raum mit 39 anderen Gefangenen. Alle Fenster waren nachts hermetisch verschlossen. Ortrun Koerber: „Bei diesem heißen Wetter muss es ganz unerträglich sein. Ich hatte keine Ahnung, dass Kriegsgefangene so behandelt werden.“

Leo Hahn schätzte in seinem 2005 erschienenen Buch „Kriegsgefangene und Fremdarbeiter in Würzburg“, dass in der Stadt 6000 ausländische Arbeitskräfte ständig und in der Spitze 9000 eingesetzt waren; ein nicht unbedeutender Teil von ihnen war auf dem Fliegerhorst am Galgenberg tätig.

Die Geschichte des Galgenbergs erzählt Roland Flade in seinem Buch „Würzburgs neuer Stadtteil Hubland“. Auf die Vergangenheit des Areals wird während der Landesgartenschau 2018 mit Informationsstelen und einer Ausstellung hingewiesen.

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