Würzburg

Gedichte sind wie ein Gebet

Jehuda Amichai las 1997 im Rahmen der Veranstaltung „Amichai an der Uni“ aus seinem Gedichtband „Auch eine Faust war einmal eine Hand“ an der Würzburger Hochschule.
Foto: Petra Winkelhardt | Jehuda Amichai las 1997 im Rahmen der Veranstaltung „Amichai an der Uni“ aus seinem Gedichtband „Auch eine Faust war einmal eine Hand“ an der Würzburger Hochschule.

Wohl jeder Israeli kennt eines oder mehrere der Gedichte Jehuda Amichais. Die Gedichte wurden in 40 Sprachen übersetzt, so dass der Übersetzer Robert Alter bemerkte, dass Amichai „mit einigem Recht als der am meisten übersetzte hebräische Dichter seit König David“ bezeichnet werden kann. Er gilt vielen als der Klassiker der hebräischen Moderne. Sein bilderreicher und prägnanter Stil hat seine Lyrik Lesern in aller Welt eröffnet.

Hebräisch-Unterricht in Würzburg

Erste Grundlagen für seine spätere dichterische Leidenschaft legten der Hebräischunterricht in der jüdischen Volksschule und die Gottesdienste in der Synagoge in Würzburg. Er lernte die hebräische Sprache kennen als die Kultsprache der uralten Religion und als das moderne Iwrit, die um 1900 neugeformte hebräische Verkehrssprache für die Juden, die aus aller Welt nach Palästina einwanderten.

Sein Studium der hebräischen Literatur und der Religionswissenschaften an der Universität Jerusalem vertiefte sein Sprachverständnis und seine vielschichtige Metaphorik. Er profanierte die religiöse Bilderwelt, mischte sie mit dem Vokabular des Alltags und konnte in seinen Bildern und Sprachspielen verschiedene Bedeutungsebenen anklingen lassen, die nur in der hebräischen Sprache und der jüdischen kulturellen Tradition voll zum Tragen kommen.1982 erhielt Amichai den Israelischen Preis für Dichtung wegen „der revolutionären Veränderung in der dichterischen Sprache“.

Sprachliche Besonderheiten

Obwohl diese sprachlichen Besonderheiten kaum übersetzbar sind, bleiben seine Gedichte für nichtjüdische Leser verständlich. Angeregt wurde er von der modernen angloamerikanischen Lyrik Dylan Thomas‘, W.H. Audens, und T.S. Eliots. Amichai verbindet einerseits seine persönliche Geschichte mit der des jüdischen Volks, andererseits bezieht er seine Gedichte auf allgemeine, grundlegende Lebenssituationen und Erfahrungen. Ohne den Zwang von Vers, Reim und festen Strophen besitzen die Prosagedichte einen freien und selbstverständlichen Charakter und sprechen uns direkt an.

Kriege, Opfer, Liebe

Amichai betonte in einem Interview mit der „Paris Review“, dass alle wirklichen Gedichte politisch seien, denn sie behandelten menschliche Reaktionen auf die Wirklichkeit und seien Teil der Wirklichkeit, der gemachten Geschichte. So schrieb Amichai über die Kriege und seine Opfer, über die Liebe und über seine Kinder, seine Heimat Jerusalem und die spezifisch jüdische Geschichte zwischen Selbstbehauptung und ständiger Bedrohung. Er findet einprägsame und ausdrucksstarke Worte und Bilder, die auch in der übersetzten Form ihre Kraft entfalten.

Musik der Worte

Amichai hat in einem Interview 1993 in Berlin über seine Dichtung gesagt: „Die eigentliche Aufgabe der Schriftsteller und Künstler ist es, Menschen Worte zu geben, die sie stützen [...] Die Kunst soll dabei helfen, mit der Wirklichkeit zu leben, darf aber nie Illusionen erwecken, nie berauschend sein. Mit der Musik der Worte muss man in einem dauernden Rhythmus wiederholen, was geschieht. Ein gutes Gedicht ist wie ein gutes Gebet. Es gibt Leute, denen es hilft und andere, denen es nicht hilft.“

Jehuda Amichai gilt in Israel als der am meisten übersetzte hebräische Dichter seit König David.
Foto: Petra Winkelhard | Jehuda Amichai gilt in Israel als der am meisten übersetzte hebräische Dichter seit König David.
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