Kirchheim

Geschlossene Schulen und Kitas: Eltern vermissen Perspektive

Arbeit und Kinderbetreuung in Corona-Zeiten unter einen Hut zu bekommen, gleicht der Quadratur des Kreises. Viele Eltern in der Region fühlen sich von der Politik im Stich gelassen.
Gisela Eichler auf ihrem Balkon in Kirchheim. Selten klappt es, dass sie am Laptop arbeiten kann,  während ihre Kinder Schularbeiten machen.
Gisela Eichler auf ihrem Balkon in Kirchheim. Selten klappt es, dass sie am Laptop arbeiten kann,  während ihre Kinder Schularbeiten machen. Foto: Daniel Peter

Ferdinand kommt auf den Balkon, in der Hand eine Blockflöte. Er grinst und bläst - ein lauter, schräger Ton schallt hinweg über Kirchheim (Lkr. Würzburg). Seine Mutter Gisela Eichler lächelt, was bleibt ihr auch übrig. Seit Mitte März in Bayern Schulen und Kindergärten geschlossen wurden, ist die Integrationsbegleiterin daheim - wie ihre drei Söhne Valentin (9), Jonathan (7) und Ferdinand (3). 

Gisela Eichlers Glück: Sie muss nicht in der Notbetreuung ihres Kindergartens arbeiten und kann Konzepte und Berichte von zu Hause aus schreiben. Dafür steht sie allerdings früh auf, sehr früh. "Ich arbeite von 5 bis 7 Uhr", erzählt die 34-Jährige. Zwischen 9 und 12 Uhr machen der neunjährige Valentin und der siebenjährige Jonathan Schulaufgaben. Auch Ferdinand, der Dreijährige, will beschäftigt werden. Nebenbei konzentriert arbeiten? Keine Chance. "Da läuft schon mal eine Sendung im Fernsehen mehr", gesteht die Mutter.

Emotionale Belastung ohne Verschnaufpause

Der Kirchheimer Familie hilft es, dass Vater Jens momentan nur 30 Stunden arbeiten muss. An zwei Tagen erledigt er seine Aufgaben im Homeoffice und kümmert sich dann auch um die Kinder. Ihre Familie komme gut zurecht, sagt Gisela Eichler. Noch. "Es ist eine emotionale Belastung ohne Verschnaufpause." Die Krise habe auch ihre positiven Seiten: mehr Zeit für die Kinder, weniger Zeitdruck im Familienleben. Doch Eichler denkt an die Buben und Mädchen, die "einfach im Regen stehengelassen wurden", an die vielen Alleinerziehenden, an die Familien ohne Garten und Balkon. Und vor allem auch an die, die finanzielle Nöte plagen.

Eine davon ist Heike N. aus dem Landkreis Kitzingen. Ab Mai ist die Alleinerziehende arbeitslos. Sie hat in der Probezeit gekündigt. "Es wäre keinen Tag länger gut gegangen." Der 16-jährige Sohn passte auf seinen achtjährigen Bruder auf, machte mit ihm die Schularbeiten. Die Mutter arbeitete 30 Stunden im Büro, Homeoffice erlaubte der Chef nicht. Wegen des häufigen Kontakt mit Kunden machte sich Heike N. große Sorgen: "Mein Vater starb mit 40 überraschend an Grippe." Auch ihre Mutter sei nach einer Influenza-Infektion gestorben. "Wer kümmert sich um meine Kinder, wenn ich krank oder nicht mehr da bin?", fragt sich die Alleinerziehende mit Tränen in den Augen. 

"Wie soll ich denn Geld verdienen und mich gleichzeitig um das Homeschooling kümmern?"
Heike N., Alleinerziehende aus dem Landkreis Kitzingen

Als sie eines Tages nach Hause kam und der Kleine den ganzen Tag nichts gegessen hatte, zog sie die Reißleine und kündigte. Zu dem Zeitpunkt stand noch nicht fest, dass alle Alleinerziehenden ihre Kinder ab 27. April in die Notbetreuung bringen können. Zu Beginn der Schließungen sei nicht an Alleinerziehende gedacht worden: "Wie soll ich denn Geld verdienen und mich gleichzeitig um das Homeschooling kümmern? Als Alleinerziehende gehst du grundsätzlich am Stock." Die Kreise mache noch deutlicher, was in der Gesellschaft nicht funktioniert: "Die Lücke zwischen der guten heilen Welt und der Welt, in der es kein Geld gibt, wird immer größer." Fange jetzt die Schule wieder an, werde noch klarer werden, von welcher Seite ein Kind komme.

Mangelnde Perspektive und keine Orientierung

Hoffnung gibt Heike N., dass ihre Familie gesund ist und sie eine neue Arbeit suchen kann, nachdem die Betreuung ihres Achtjährigen gesichert ist: "Wer hätte mich genommen, wenn ich niemanden für ihn gehabt hätte?"  Es wisse doch im Moment niemand, wie lange die Krise noch andauere. Eltern fehle ein Fahrplan, eine Orientierung. 

Die mangelnde Perspektive für Eltern und Kinder und die fehlende Kommunikation beklagen auch Anja und Steven St. aus einem kleinen Ort im Landkreis Würzburg. Ihr Sohn geht in den Kindergarten, die Tochter in die Krippe. Sie arbeitet Teilzeit in der Handelsbranche, er Vollzeit bei einem Softwareunternehmen. Wie die Eichlers arbeiten sie derzeit im Schichtbetrieb, um Arbeit und Kinder unter einen Hut zu bekommen.

Ab 5 Uhr sitzt der Vater am Schreibtisch und arbeitet bis 10 Uhr. Dann ist Wechsel und die Mutter  arbeitet ihre täglichen fünf Stunden im Beruf. Danach ist er wieder dran, um auf die acht Stunden am Tag zu kommen. Beide sind dankbar für flexible Arbeitgeber. Doch wie lange funktioniert das und wie lange halten es die Kinder ohne Freunde, ohne Kontakt zu Gleichaltrigen aus? 

"Es war wie ein Schlag ins Gesicht", kommentiert Anja St. die Ansage der Bundeskanzlerin, dass Kitas erstmal geschlossen blieben. Nach der Ankündigung sei sie erstmal in ein Loch gefallen: "Ich fühlte mich nicht wertgeschätzt und allein gelassen." Sie und ihre Mann fragen sich, welchen Preis Kinder und Familien zahlen. Überlastung und Burnout sehen sie als Folgen, wenn Eltern kein Plan und keine Perspektive gegeben würden.

Wie Gisela Eichler und Heike N. haben Anja St. und ihr Mann Verständnis für die Schließungen. Doch das Wohlergehen der Wirtschaft, das ohne Zweifel wichtig sei, werde vor das Wohl der Kinder gesetzt. Jetzt sei es dringend an der Zeit, kreative Lösungen für Krippen, Kindergärten und Grundschulen zu finden. 

Offener Brief an Piazolo

Gisela Eichler machte sich deshalb Luft und schrieb einen offenen Brief an den bayerischen Kultusminister Michael Piazolo (FW). Ärger, Verunsicherung, Verzweiflung mussten raus. Sie klagt an, dass "die Bedürfnisse von Kindern und Familien in der aktuellen Debatte nicht beachtet werden". Eltern sollen gleichzeitig Lehrer, Arbeitnehmer, Erzieher und Betreuer sein.

Über Piazolos Aussage, dass Lehrer Lernangebote zur Verfügung stellen sollen, die die Kinder ohne Unterstützung der Eltern bearbeiten können, lacht die Mutter bitter: "Das funktioniert einfach nicht." Wie auf Zuruf  kommt Valentin auf den Balkon: "Heißt es herbstig oder herbstlich?"

Eichler betont immer wieder, dass sie nicht jammern will. Sie wisse, dass die Bewältigung der Krise eine Herausforderung für alle sei, aber: "Auch unsere Kinder haben Rechte, die wir ihnen, weil sie keine Lobby haben, nicht aberkennen dürfen." Ihr Aufruf an Piazolo und alle Politiker: "Ich bitte Sie inständig, sich in der politischen Debatte für die Kinder einzusetzen, denn diese sollten uns eigentlich das Wichtigste sein."

Die Kirchheimerin spricht damit wohl vielen Eltern in Unterfranken aus der Seele - egal in welcher Familien- und Arbeitssituation sie leben. 

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