Zell

Gottes Querdenker treffen sich auf einem Zeller Dachboden

Buchverlage aus der Region: Von Zell aus operiert der Ein-Mann-Verlag Religion & Kultur. Wer Erbauliches erwartet, ist hier jedoch an der falschen Adresse.
Pluralismus als Programm: Dieter Fauth, Leiter des Verlags Religion & Kultur in Zell am Main. 
Foto: Patty Varasano | Pluralismus als Programm: Dieter Fauth, Leiter des Verlags Religion & Kultur in Zell am Main. 

Der Name klingt nach einem weiten Feld: Religion und Kultur! Mit der Einschränkung auf "Positionen, die vom Mainstream abweichen" umreißt der evangelische Theologe Dieter Fauth im Gespräch jedoch rasch das klare Profil seines Non-Profit-Unternehmens. Mit seiner Tätigkeit möchte Fauth "den Pluralismus in der Gesellschaft stärken, gerade vor dem Hintergrund all der Reden über Leitkultur und den vermeintlich allgemeinverbindlichen Menschenverstand".

In den 22 Jahren des Verlagsbestehens erschienen 30 Titel über Querdenker und Ketzerinnen, Fragen des Laizismus und der Zuständigkeit von Kirche – auch und gerade die Zuständigkeit für den Religionsunterricht. Unter Schweizerinnen sprach sich der Verlag aus Zell am Main als gute Adresse für feministische Theologie herum. Und Fauth, Konrektor der Wertheimer Comenius-Realschule, verfasste selbst mehrere regionalgeschichtliche Werke über den Südosten des Spessarts.

Bisher hat der Verlag nur ein Buch digital veröffentlicht

Mit dem mit 900 Seiten dicksten Werk von Religion & Kultur über die Wertheimer Opfer des Nationalsozialismus unternahm der Verlag den bisher einzigen Ausflug in die digitale Veröffentlichung: Die zweite vermehrte Auflage erscheint nicht gedruckt, sondern als Website. Nachfahren vieler Opfer meldeten sich bei Dieter Fauth und stellten ihm weiteres Material für die 700 Biografien zur Verfügung.

Als Verlagsklassiker entwickelte sich eine Auftragsarbeit seiner Schule, ein Jugendbuch über den frühneuzeitlichen Reformer Comenius, das als Schulgabe in Wertheim an Siebtklässler verteilt wird. Unterrichtsmaterial dazu hat der Konrektor auch selbst entwickelt.

Und fröhlich erzählt Dieter Fauth von einem zweifachen Kurzzeit-Bestseller. Er ließ die Skripte der Südwestfunk-Serie "Tausend Jahre wie ein Tag" drucken, die zum Millennium ausgestrahlt wurde. Weil sich im Sender die Jahr-2000-Skeptiker durchsetzen konnten, die den Jahrtausendwechsel auf den Beginn 2001 datierten, wurde die Sendereihe nach einem Jahr wiederholt: "Und jedes Mal wurden eine Weile lang jeden Tag bis zu 100 Exemplare bestellt."

Der Verlagschef macht alles selbst

Von Autorenkontakten über das Lektorat bis zum Umbruch macht Fauth alles selbst. Nur für die Umschlaggestaltung hat er einen freien Mitarbeiter. An zehn Titeln seines Katalogs ist der Verleger als Autor oder Mitherausgeber beteiligt. Doch von Anfang an sollte Religion & Kultur kein Selbstverlag sein, auch wenn der Autor als Nebenprodukt seiner Habilitation gleich vier Skripte auf dem Schreibtisch liegen hatte.

Es hätte viel Geld gekostet, die Bücher bei einem anderen Verlag herauszubringen. Statt Druckkostenzuschüsse zu zahlen startete er damit lieber seine eigene Edition. "Der Charme von einem Mini-Verlag" sei es auch, dass er Bücher über viele Jahre vorhalten kann: "An meiner Dissertation habe ich vier Jahre lang geschrieben, und der (fremde – d. Red.) Verlag hat sie nach weiteren vier Jahren wieder aus dem Programm gestrichen." Im Schnitt lässt Fauth Auflagen von 500 Stück drucken. Was nicht gleich verkauft wird, kann er – bei einer bis zwei Neuerscheinungen pro Jahr – noch gut in seinem Dachgeschoss lagern.

Erbauungsliteratur ist nicht im Programm

Neue Autoren zu finden wäre nicht schwer, wenn Dieter Fauth es auf Erbauungsliteratur abgesehen hätte. Es ist aber ein Missverständnis, wenn Gläubige ihm religiöse Literatur anbieten: "Hier geht es um religionskundliche Texte, in denen die Autoren ihre Positionen zu anderen wissenschaftlich in Beziehung setzen." Daher akquiriert er fast alle Manuskripte selbst, tritt an Uni-Mitarbeiter oder engagierte Denker heran, etwa in der Vereinigung "Christen für gerechte Wirtschaftsordnung".

Die druckfrisch neueste Veröffentlichung "Im Niedergang wird die Zukunft geboren. Staat-Kirche-Erfahrungen in drei politischen Systemen (1943-2019). Handlungsthemen meines Lebens" ist die politisch-theologische Autobiografie des thüringischen Pfarrers Christoph Körner: "eine sehr beeindruckende Gestalt".

In einer Serie stellt die Redaktion Buchverlage in Würzburg und Umgebung vor.

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