Güntersleben

Güntersleben: Bei diesen Proben lehnt sich der Dirigent zurück

Wie Blasorchester die Corona-Regeln einhalten und dennoch gemeinsam proben können.
Der Musikverein Güntersleben probt via Zoom: Ein eingeblendetes Notenblatt, auf dem ein Zeiger als grüner Streifen entlang fährt, gibt den Takt vor.
Foto: Christian Ammon | Der Musikverein Güntersleben probt via Zoom: Ein eingeblendetes Notenblatt, auf dem ein Zeiger als grüner Streifen entlang fährt, gibt den Takt vor.

Während die Musiker konzentriert auf ihre Bildschirme blicken, wirkt Dirigent Kay Grabwoski ungewöhnlich entspannt. Er kann seine Arme still halten. Den Takt gibt ein grüner Balken vor, der über die Noten flitzt. Eine Musikprobe über die Online-Plattform "Zoom" verläuft anders als gewohnt. "Wir waren erst skeptisch, ob das auch wirklich funktioniert", erinnert sich Trompeterin Petra Kuhn. Nach Wochen ohne echte Probe setzt der Musikverein Güntersleben jedoch auf die Konferenzsoftware, die auch Unternehmen gerne verwenden. Daran, dass die Bläser in absehbarer Zeit wieder in ihrer gewohnten Umgebung im Lagerhaus eng bei eng beisammen sitzen und proben können, den Klang des Nachbarn im Ohr, glaubt niemand so recht.

Auch sie habe sich zunächst überwinden müssen, sich vor die Kamera zu setzen und auf ihrem Instrument zu spielen, sagt Kuhn. Inzwischen wollen die Musiker ihre virtuelle Probe jedoch nicht mehr missen. Man sei "begeistert" von den Möglichkeiten, zumindest etwas Gemeinschaftsgefühl aufkommen zu lassen und wieder regelmäßig zu üben. Die Probe hat nun zum fünften Mal stattgefunden, zur gewohnten Probezeit am Mittwochabend. Zwischen 20 und 40 Musiker beteiligen sich. Auch die übrigen Abteilungen, das Jugendorchester, die Bläserklasse und sogar die Senioren der Spätzünder und natürlich der Vorstand nutzen inzwischen die Möglichkeit. Selbst die Weihnachtsfeier hat der Verein durch eine Online-Weinprobe ersetzt.

Anstoß vom Nordbayerischen Musikbund

Den Anstoß gab ein Seminar des Nordbayerischen Musikbundes, der um die Not der Vereine weiß und nach Auswegen sucht. Um an einer Zoom-Konferenz teilzunehmen, genügt es die Zugangsdaten einzugeben. Die Musiker brauchen einen Computer, Tablet oder Handy. Die meisten haben sich ins Musikzimmer zurückgezogen. Es gibt aber auch ganze Familien, die ihr Wohnzimmer umgenutzt haben. Alle blicken konzentriert auf die Noten, um ihren Einsatz nicht zu verpassen. Gegenseitig hören sie sich nicht. Die Musik kommt vom Computer. "Das kann natürlich nie eine echte Probe ersetzen", weiß Dirigent Kay Grabowski, der dennoch ein abwechslungsreiches, genau auf sein Orchester abgestimmtes Programm vorbereitet hat.

Der Dirigent des Musikvereins Kay Grabowski kann sich entspannt zurücklehnen, während die Musiker ihre Instrumente spielen.
Foto: Christian Ammon | Der Dirigent des Musikvereins Kay Grabowski kann sich entspannt zurücklehnen, während die Musiker ihre Instrumente spielen.

Zum Einstimmen gibt es Fingerübungen, die Tonleiter rauf und runter, und einen Kanon, den ältesten seiner Art aus dem 13. Jahrhundert. Und schon kann es losgehen: Der "Glazier Express" nach einer Komposition von Larry Neeck rollt gemächlich durch die Schneewelt der Schweiz. In einem kurzen Vortrag erklärt eine junge Musikerin, wie der Komponist die majestätische Bergwelt und malerische Dörfer in Töne einfangen wollte. Auf den "Bergwind" folgt die "Böhmische Liebe", ein Klassiker der Blasmusik und ausdrücklicher Wunsch der Musiker.

Standkonzert für den 9. Mai geplant

Wichtig ist, dass die Probe gut vorbereitet wird, meint Grabowski. Bei der Probe selbst hat er kaum etwas zu tun. Der, auf dem sonst alle Blicke ruhen, tritt zurück und ist nur noch als Koordinator anwesend. Ein eingeblendetes Notenblatt, auf dem ein Zeiger als grüner Streifen entlang fährt, gibt den Takt vor. Reizvoll und von dem Dirigenten gerne genutzt ist die Möglichkeit, dass sich der Vorzähler mit einem Maus-Klick leicht schneller stellen lässt. Auch sieht er zwar die Musiker, es fehlt aber die Rückmeldung des Orchesters. Er vermisst denn auch die "echte Dynamik" eines Probenabends. Die Musiker haben nur die Möglichkeit, die Hand zu heben und über die Chat-Funktion etwas zu sagen. Als ob er gegen seine erzwungene Zurückhaltung protestieren wollte, prostet der Dirigent allen zum Beginn mit einem Bier zu.

Seine Hauptarbeit hat er schon im Vorfeld erledigt: Er hat die Noten und Stimmen in den Rechner eingegeben – für jede einzelne Stimme. Das dauert: 100 Takte pro Stimme seien etwa eine Stunde, rechnet er vor. Das Urheberrecht untersagt es, Noten einfach zu kopieren. Auch die Musikverlage seien darauf noch nicht so recht eingestellt. Eine Live-Probe per Zoom ist technisch kaum möglich: "Es gibt eine Zeitverzögerung von einer Sekunde oder mehr, das klappt nicht." Dennoch, die Motivation stimmt: Für den 9. Mai hat der Musikverein ein Standkonzert geplant. Das gemeinsame Ziel verbindet.

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