Würzburg

Guter Baum, böser Baum? Was los ist, wenn man sorglos dekoriert

Weihnachten war schon immer eine Gratwanderung zwischen Liebe und Sünde, aber dieses Jahr ist es besonders hart. Unsere Autorin schmückt mit schlechtem Gewissen den Baum.
Schwere Entscheidung - vor allem in Zeiten des Klimawandels. Welcher Baum ist gut, welcher böse?
Foto: Christin Klose,dpa | Schwere Entscheidung - vor allem in Zeiten des Klimawandels. Welcher Baum ist gut, welcher böse?

Aller Wahrscheinlichkeit nach haben Sie Ihren Weihnachtsbaum schon aufgestellt, aufgebaut, zusammengeklöppelt, eingepflanzt - jeder handhabt das ja auf seine Weise. Bis jetzt. Der Klimawandel und seine Folgen haben mich als überzeugte Dekorationsaktivistin böse ins Schleudern gebracht. Was darf noch an den Baum gehängt werden? Und vor allem, an WELCHEN Baum darf was gehängt werden? Heimische Fichte, Nordmanntanne aus Skandinavien oder exotische Blaufichte? Mit EU-Bio-Siegel oder ausnahmsweise doch noch mal ohne? Weihnachten war nie stressiger!

"Oh, ist der aber klimafeindlich!"

Zu den üblichen Interessenkonflikten und dem überzogenen Konto kommt jetzt womöglich noch eine ganz miese Klimabilanz. Dabei sind Weihnachtsbäume reine Geschmackssache. Dunkelgrün, hellgrün, dick, dünn, groß, klein - mehr musste ich bislang nicht wissen. Baum-Herkunft, Baum-Transportweg und die Nase des Verkäufers waren mir jahrelang schnurzpiepegal. Das Ding sollte einfach nur schön aussehen. Es ist Weihnachten: Vorfreude! Tannenduft! Lametta!

Aber von wegen. Wir Deko-Aktivisten haben nichts mehr zu melden. "Oh, ist der aber schön!" - das war gestern. "Oh, ist der aber klimafeindlich", ist die neue Ansage. Wohlgemerkt. Wir sprechen hier nicht von einer Diesel-Kutsche oder einem Privatjet. Wir sprechen vom Weihnachtsbaum. Aber machen wir uns nichts vor. Fehlt nicht viel, für eine Handvoll Lametta muss man nächstes Jahr schon Bußgeld zahlen.

Lametta aus Kunststoff ist besser als das von früher mit 98 Prozent Bleigehalt. 
Foto: Oliver Berg, dpa | Lametta aus Kunststoff ist besser als das von früher mit 98 Prozent Bleigehalt. 

Na, plagt Sie schon das schlechte Gewissen? Ja, schauen Sie sich Ihren Baum nochmal genau an. Ist es ein guter Baum oder ein böser Baum? Bitte kommen Sie nicht auf die Idee, Ihren unökologischen Weihnachtsbaum-Fußabdruck ausgleichen zu wollen auf Ihrem Klimakonto. Habe ich auch versucht. Ich würde nie eine Kreuzfahrt machen, fliege ganz selten, hab seit Jahren das gleiche Handy, verschicke nicht nonstop unnütze Bilder und Texte in sozialen Netzwerken, rauche nicht und esse fast kein Fleisch: Ich könnte hundert Bäume unter Lametta und fiesen Plastikkugeln begraben und würde klimatechnisch noch in den Himmel kommen. Aber das, so sagen die Klima-Aktivisten in meinem Umfeld, sei ein Totschlag-Argument und führe vom Thema weg.

Unkrautvernichter in der Baum-Plantage 

Apropos Schlagen. Wissen Sie, was Sie ökologisch anrichten, wenn wegen Ihnen ein ganzer Tannenbaum sterben muss? Grämen Sie sich nicht allzu sehr. Wenn ich sehe, wie viele alte, prächtige Laubbäume allein in meinem Umfeld im Stadtgebiet mal eben so gefällt werden, weil das Laub lästig ist oder sie für einen neuen Parkplatz weichen müssen, relativiert sich mein Entsetzen. Und sogar die Umweltschützer geben mir recht: Die meisten Bäume werden ja eigens für Weihnachten gepflanzt. In der Zeit ihres Wachstums, im Schnitt zwölf Jahre, tragen sie ja zum Klimaschutz bei. Sehr schlecht, da stimme ich den Aktivisten natürlich zu, sind Unkrautvernichtungsmittel, die auf Plantagen benutzt werden und den Boden verseuchen.

Doch apropos Boden verseuchen, ganz kurz zurück zu meinem Klimakonto. Als militante Nichtraucherin habe ich echt ganz schön was gut. Die größten Bodenverseucher sind nicht die gespritzten Weihnachtsbäume, sondern die Zigarettenstummel! Ein einziger weggeworfener Stummel verseucht 40 Liter Wasser. Eine in einem Liter Wasser aufgelöste Zigarette, das haben Wissenschaftler herausgefunden, tötet vier Fische. Weggeschnippte Zigarettenkippen sind weltweit das häufigste Abfallprodukt –und ein riesiges Sondermüllproblem.

Was Zigarettenkippen mit dem Weihnachtsbaum zu tun haben? Sie sind umweltschädlich.  
Foto: Roland Pleier | Was Zigarettenkippen mit dem Weihnachtsbaum zu tun haben? Sie sind umweltschädlich.  

Zigarettenkippen viel schlimmer  

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden jährlich rund 5,6 Billionen Zigaretten gequalmt. Bis zu zwei Drittel der gerauchten Zigaretten, so haben die Experten festgestellt, würden auf dem Boden landen. Und damit Arsen, Blei, Chrom, Kupfer, Cadmium, Formaldehyd, Benzol . . . 

Verzeihung, zurück zu meinem Weihnachtsbaumkonflikt: Mein echter Baum ist offenbar besser als diese Plastiknadeldinger. Gott sei Dank! Nach Branchenschätzungen werden in Deutschland jährlich über drei Millionen PVC-Weihnachtsbäume verkauft. Ein Biologe in Philadelphia hat vor ein paar Jahren herausgefunden, dass die Kunsstoffbäume im Verhältnis zum echten Grün eine schlechtere Umweltbilanz haben. Die meisten synthetischen Kunststoffe werden aus Erdöl hergestellt, dazu werden noch Weichmacher, Stabilisatoren oder Flammschutzmittel beigefügt. Erst nach 20 Jahren würde die Bilanz des Plastikbaumes etwas günstiger ausfallen. Allerdings -und spätestens hier ist das Problem - künstliche Bäume werden im Schnitt schon nach sechs Jahren entsorgt. 

In manchen Gärtnereien kann man sich seinen Weihnachtsbaum mieten. 
Foto: Ingo Wagner, dpa | In manchen Gärtnereien kann man sich seinen Weihnachtsbaum mieten. 

Wurzel-Weihnachtsbäume taugen nichts 

Noch eine Aussage von Umweltexperten stellt mich als gebranntes Kind ziemlich zufrieden: Überhaupt nicht sinnvoll sind diese Schein-Öko-Weihnachtsbäume mit Wurzeln. Von wegen wieder einpflanzen nach dem Fest. Ha! Funktioniert nur in den wenigsten Fällen, denn in den meisten Plastik(!)-Töpfen ist kein Wurzelballen, sondern bröselige Erde mit Wurzelfädenstummel. Doch auch dicke Wurzelballen machen die Sache nicht besser: Durch das Ausgraben wird die Humusschicht des Waldes gestört und die Erosion gefördert. Anders sieht die Sache aus, wenn man sich einen Baum in einer Gärtnerei mietet. 

Historischer Baumschmuck wie hier im Spielzeugmuseum in Lauscha ist ökologisch natürlich unbedenklich . . . 
Foto: Bernd Settnik, dpa | Historischer Baumschmuck wie hier im Spielzeugmuseum in Lauscha ist ökologisch natürlich unbedenklich . . . 

Wichtig ist natürlich auch der Schmuck, der an den Baum kommt. Wer das traditionell löst und seit vielen Jahren den Familienschmuck mehrerer Generationen aus dem Keller holt, ist raus aus der Diskussion. Ich als leidenschaftliche Dekorateurin mit Begeisterungsfähigkeit für neue Formen, Farben und Trends eher weniger. Natürlich kaufe ich kein althergebrachtes Lametta mit einem Bleigehalt von 98 Prozent. Und natürlich weiß ich, dass so etwas in den Sondermüll und nicht in den Restmüll gehört. Aber hier und da gibt es schon neue Kugeln und Dekogedöns, das mir arg gut gefällt.

Miese Ökobilanz, wenn es brennt

Heuer bin ich noch in einen weiteren Konflikt geraten. Und das, obwohl ich vorbildhaft an den Baumschmuck herangegangen bin. Wie früher in der Kindheit wollte ich den Baum mit Zitronen, Mandarinen,  Äpfeln und Strohsternen behängen. Und mit echten Kerzen bestücken, wie damals. Mit denen aus Bienenwachs, die brennen länger und sind kein Erdölprodukt. Nur quält mich jetzt die Frage, ob ich gespritztes und von weit her importiertes Obst benutzen darf.

Und was ist, wenn die echten Kerzen den Baum zum Brennen bringen? Dann ist die Ökobilanz doch viel schlechter als die von batteriebetriebenen Kerzen! Ich rechne gerade aus, wie viel Kohlenstoffdioxid dabei frei wird und was der Einsatz der Feuerwehr mit Löschwasser und anschließendem Putzen und Streichen der Wände wohl klimatechnisch bedeutet.

Fragen über Fragen. Sollten Sie gerade bemerken, dass auch Sie sind mit Ihrem Christbaum auf dem direkten Weg ins Klimafegefeuer sind,  dann schwenken Sie doch einfach nochmal um. Sie haben ja noch ein paar Stunden Zeit . . .                                                                                  

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