WÜRZBURG

Hightech-Werkstatt für jedermann

„Grün“ für Kreativität: Aleksander Paravac (von links), Johannes Wischert und Joachim Baumeister bereiten sich auf die Eröffnung des ersten Würzburger FabLabs vor.
Foto: THOMAS OBERMEIER | „Grün“ für Kreativität: Aleksander Paravac (von links), Johannes Wischert und Joachim Baumeister bereiten sich auf die Eröffnung des ersten Würzburger FabLabs vor.

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die hilfreich sind. Beispiel: Ein Papa hatte unterm Kinderbett eine bunte Lichterkette angebracht. Der Kleber hielt nicht, die Kette fiel herunter. Am Computer entwarf der gewiefte Vater eine Halterung – nicht nur für die Kette. Er integrierte ins Design auch gleich noch entsprechende Bohrlöcher. In kleinen Teilstücken entstand am 3D-Drucker die neue Leiste. Die hält jetzt unterm Bett wie geplant.

Doch wer hat schon einen 3D-Drucker im Keller? Solch teuren, aber eben nötigen Maschinen und Werkzeuge zur Selbsthilfe und zum Umsetzen guter Ideen können Würzburger ab sofort in einer neuen Einrichtung finden: im „Fabrication Laboratory“, kurz FabLab, in der Nürnberger Straße. Wo einstmals der Verkaufsraum eines Möbelhauses war, teilt sich das FabLab heute mit einer Firma aus der Kfz-Branche eine Halle. Dort geht es um Wissens- und Informationsaustausch – und Spaß am Basteln. Aus dem FabLab können Existenzgründungen hervorgehen, Ideen und Kreativität sind die erste Voraussetzung. An diesem Samstagnachmittag ist Eröffnung.

„FabLabs reproduzieren weitere FabLabs“
Aleksander Paravac, Mitbegründer

Ähnlich wie bei einem Spinnrad die Wolle in die Hände der Handwerkerin läuft, so wird ein superdünnes Kabel aus Plastik in den 3D-Drucker geführt. Das Plastik schmilzt bei 200 Grad und wird nun flüssig an die Stellen gebracht, die die Elektronik vorgibt: Schicht für Schicht. Hier entstehen Formen vom kleinen Plastik-Zahnrad bis zur modellhaften Abbildung von Gebäuden. Härte und Qualitätsstufe des Plastiks variieren. Was wofür taugt, darüber tauschen sich die Macher in Internetforen und untereinander aus, erläutert Aleksander Paravac, Sprecher des noch zu gründenden Vereins um das Würzburger FabLab.

Paravac ist Diplom-Physiker, macht gerade seine Doktorarbeit in Astrophysik – und ist Idealist wie seine Mitstreiter auch: 18 Leute zahlen im Moment Geld dafür, dass das FabLab bestehen kann, ein paar weitere machen bei der Entwicklung mit, müssen aber kein Geld geben wie auch etwa Erstsemesterstudenten. Bei rund 20 Euro könnte einmal der Mitgliedsbeitrag liegen.

Werkzeugtische wurden zum Beispiel aus Türen und Balken gebaut, Zwischenwände aus Spanplatten, die jemand übrig hatte, Möbel hergeschafft, die irgendwo an der Uni übrig waren. Die Macher brachten einfache und anspruchsvollere Werkzeuge mit, die jeder verwenden darf. Und so kann nun munter und kostengünstig an Computern getüftelt, in der Schlosserecke (mit Fahrradwerkstatt) gebaut und verbessert werden. Reparaturen sind erlaubt, Weiterentwicklungen gerne gesehen.

In der Elektronik-Ecke tüftelt Joachim Baumeister, von Berufs wegen Bio-Informatiker und IT-Berater, an der Steuerung für ein Ampel-Männchen. Gerade kommt der Informatiker Johannes Wischert herein, der bei der kürzlichen Gründungsversammlung noch gar nicht dabei war.

Alles ist irgendwie offen, im Werden. Den gemeinnützigen Verein wird es wohl erst in zwei bis drei Wochen geben – eine Satzungsänderung steht noch aus. Dann können Spendenquittungen ausgestellt werden. Schließlich müssen Miete und Strom bezahlt werden. Gäste sollten ein bis zwei Euro in eine Spendenbox geben und für das Material aufkommen, das sie verbrauchen oder es mitbringen.

Vereinsgründer sind Ältere und Jüngere aus allen Gesellschaftsschichten, aus Industrie und Handwerk, Wissenschaftler, Studenten, Schüler. Und Leute kurz vor der Pensionierung. Sie kennen sich über das Netz, die Uni, den Stammtisch. Auf einmal war die Idee da. Dann das erste FabLab Würzburgs. Es entwickelt sich mit erstaunlicher Eigendynamik: FabLabs reproduzieren weitere FabLabs, so Paravac. Der erste 3D-Drucker im FabLab Würzburg wurde am Computer im FabLab Nürnberg erstellt, die Bauteile am Laser-Cutter aus Holz gesägt, mit Elektronik versehen und zusammengebaut.

Oft hätten es die Leute satt, dass Geräte, nur weil ein kleines Teil kaputt ist, in den Müll sollen und wollen es selbst reparieren. Das FabLab ermöglicht das. Dann entstehen Ideen: Die kaputte Schranktür wird am Computer erneuert und um witzige Details ergänzt, und dieses Ersatzteil spukt der 3D-Drucker in Form von Plastik aus. Manchmal eignet sich Silikon besser als Plastik, und es entstehen bewegliche Teile wie Tentakel eines Oktopus.

Existenzgründer könnten kostengünstige Modelle schaffen, Kleinserien könnten entstehen, die sich wirtschaftlich auf andere Art nicht lohnen.

Der Verein will Workshops anbieten. So könnte beispielsweise der Bausatz für ein Quadrocopter entstehen – mit der Möglichkeit, zu löten und die Elektronik zu programmieren. Die Zusammenarbeit mit Schulen, etwa bei einem Praxisseminar am Gymnasium, liegt den Machern am Herzen: „Wir wollen Bildung vermitteln“, sagt Wissenschaftler Paravac. Dass dabei manches in der Umsetzung noch nicht klar ist, macht die Sache spannend, ist gewollt und soll sich entwickeln.

FabLab-Eröffnung: Erstmals wird das FabLab am Samstag, 13. September, für alle Interessierten von 14 bis 18 Uhr öffnen. Zu finden ist es in der Nürnberger Straße 47 A, einstmals Verkaufspavillon einer Möbelfirma. Zu den Zukunftsmachern geht es auf der Rückseite, vom Parkplatz aus die Rampe zur ehemaligen Warenausgabe hinunter.

Was ist ein FabLab?

Fabrication Laboratorys sind offene Werkstätten mit Hightech-Ausstattung, die jedermann den Zugang zu modernen Maschinen und Produktionsmethoden bieten wollen. Die Idee entstand 2002 am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA und kam vor fünf Jahren nach Deutschland. Mittlerweile gibt es in vielen größeren Städten ein FabLab, in der man sich mit Gleichgesinnten austauscht und Wissen und Werkzeug teilt. Das FabLab Würzburg in der Nürnberger Straße 47a ist ein Projekt des jungen, gemeinnützigen Vereins „Nerd2Nerd“. Die Mitglieder setzen sich für Informationsfreiheit ein und beschäftigten sich mit den Auswirkungen von Technologien auf die Gesellschaft. Den Betrieb des FabLabs übernehmen rund 20 Ehrenamtliche. Infos: fablab-wuerzburg.de

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