Würzburg

Hitze und Trockenheit strapazieren Mainfrankens Pflanzen

Bewässerung Gemüsefelder um Oberpleichfeld       -  Hilfe mit Schlauch und Sprenger: Seit Wochen muss Gemüse in Franken bewässert werden, hier zwischen Oberpleichfeld und Unterpleichfeld (Lkr. Würzburg)
Foto: A.M. Schneider | Hilfe mit Schlauch und Sprenger: Seit Wochen muss Gemüse in Franken bewässert werden, hier zwischen Oberpleichfeld und Unterpleichfeld (Lkr. Würzburg)

Bauern werden nach Einschätzung von Bayerns Landwirtschaftsminister Helmut Brunner (CSU) in manchen Gegenden ihre Felder schon bald zunehmend bewässern müssen. „Aufgrund des Klimawandels wird das Thema immer dringlicher“, sagt Brunner und fordert die Wissenschaft auf, sich um neue Züchtungen zu bemühen, die weniger Wasser benötigen und hitzeresistent sind. Brunners Appell ist Anlass für eine Nachfrage in der Region.

Experten vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) in Würzburg und der Landesanstalt für Wein- und Gartenbau (LWG) in Veitshöchheim (Lkr. Würzburg) sehen sich vor großen Herausforderungen, begegnen der Entwicklung aber keinesfalls regungslos wie das sprichwörtliche Kaninchen der Schlange.


Herbert Siedler vom Fachzentrum Pflanzenbau am AELF hat zunächst eine Strategie parat. Das Risiko von Ernteausfällen lässt sich verringern, wenn der Bauer unterschiedliche Feldfrüchte anbaut und so die drei Vegetationsphasen nutzt. Beispielsweise Winter- und Sommergetreide und zusätzlich Feldfrüchte, die erst im Herbst reif werden: Mais, Zuckerrüben, Soja. Fällt dann eine Wachstumsphase extrem nass aus oder so trocken wie derzeit, ist nicht gleich die ganze Ernte „futsch“.

Mediterrane Qualität

Der Fachmann fasst die Erkenntnisse zusammen, welche Pflanzenarten und Sorten mit welchem Dünger und Pflanzenschutz am besten mit dem Klimawandel zurechtkommen. Er sieht Kulturen im Vorteil, die die Winterfeuchte ausnützen. Wintergerste kann das besonders gut; Siedler empfiehlt daher, Winterbraugerste als teilweisen Ersatz für die Sommerbraugerste anzubauen.

Beim Weizen hält Siedler Sorten für geeignet, die gut bestocken, also mehr Nebentriebe haben, und obendrein früh reifen. Die Qualitätssorte Kerubino habe sich in der Region bewährt. Unter heißen und trockenen Bedingungen wie in diesem Jahr sei auch der Winterdurum „von mediterraner Qualität“. Der reift früher als herkömmlicher Winterweizen und wird, so Siedler, gerade als neue Kulturart aufgebaut. Die Spitzenqualität dieses Jahres werde von den Mühlen mit einem Spitzenpreis honoriert.

„Auch der Dinkel hat gut gedroschen“, sagt Siedler fachmännisch. Und den Milchviehhaltern – sie leiden unter der Trockenheit dieses Sommers besonders, weil auf den Wiesen kaum Futter wächst – legt er Luzerne ans Herz. Die Pflanze dominierte bis in die 70er Jahre in Franken und kommt aufgrund fünf Meter langer Wurzeln mit wenig Niederschlag zurecht. Aufgrund der „Eiweißinitiative“ des bayerischen Landwirtschaftsministeriums ist die Luzerne wieder in den Fokus gerückt, sagt Siedler. Die Initiative verfolgt das Ziel, hierzulande wieder mehr eiweißreiche Futtermittel anzubauen.

„Durstkünstler“ im Wald

Dasselbe Gebäude, drei Stockwerke höher. Ludwig Angerer verantwortet den Bereich Forstwirtschaft im AELF. Ihm machen fast alle Nadelbäume Sorgen. Die Waldkiefer hat keine gute Zukunft, sagt Angerer. Die Lärche tut sich schwer, über kurz oder lang werden sie hier bei uns Platz machen müssen für Baumarten, die Angerer „Durstkünstler“ nennt. Die Elsbeere ist so ein Baum, die Mehlbeere nennt Angerer „hochinteressant“, Maronen gibt es schon im Kürnachtal und bei Kleinwallstadt. Auch Speierling, Eibe, Vogelkirsche und Walnuss seien geeignete heimische Arten, auch der Baumhasel gehöre die Zukunft.

Weil er von noch trockeneren Sommern ausgeht, will Angerer „eine breite Palette von Bäumen in unsere Wälder hineintragen“, Risikobaumarten ablösen und seltene Begleitbaumarten fördern.

Dafür und für die Beratung haben Bayerns Revierleiter „ein Super-Info-System“, wie Angerer es nennt. Per GPS könne der Förster jeden Standort per Laptop auf die künftigen klimatischen Bedingungen hin testen und gleich abfragen, welche Bäume hier künftig standortgerecht wachsen sollten.

Ortswechsel: In der Landesanstalt grünt und blüht es trotz Hitze und Trockenheit. Hier wird intelligent bewässert und an Bewässerungssystemen beziehungsweise -steuerungen getüftelt. Die Tröpfchenbewässerung boome derzeit auch in privaten Gärten, sagen die Experten der LWG und sprechen vom Wachstumsmarkt. Das sei auch gut so, sagen sie, weil das Wasser so direkt und dosiert an die Wurzeln der Pflanzen kommt, also nicht vorher verdunstet.

In Frankens Weinbergen ist Bewässerung noch die Ausnahme. Nur rund 800 von den etwa 6000 Hektar Rebfläche können direkt bewässert werden, sagt Weinbaufachmann Christian Deppisch. Deswegen sind derzeit „zur Genüge“ Tankfahrzeuge oder Anhänger mit Fässern zwischen den Rebzeilen zu sehen, in erster Linie dort, wo junge Rebstöcke wachsen, die nicht tief wurzeln. Auch „heiße“ Steillagen und Rebflächen mit hohem Sandanteil sind problematisch, weil der Boden dort das Wasser nicht so gut speichern kann wie lehmschwerer Boden um Würzburg herum, erläutert der Experte.

Und wo bleiben die neuen, hitze- und trockenresistenten Rebsorten? Deppisch lächelt und sagt: „Mit neuen Rebsorten ist es verdammt schwer.“ Man könne nicht einfach Frankens Weinberge mit Reben aus Regionen mit traditionell heißerem und trockenerem Klima bestocken. Die hätten in der Regel eine längere Entwicklungsphase, erklärt Deppisch, in Franken würden die Trauben nicht reif werden. Wein sei eine Dauerkultur mit Zyklen von mehreren Jahrzehnten, und obendrein spiele die Tradition eine wichtige Rolle: Die Leute wollen weiter ihren Silvaner, ihren Riesling oder ihren Burgunder trinken, sagt Deppisch.

Diese und andere bekannte Rebsorten seien am Markt etabliert. Auch deswegen ist es das Ziel der LWG-Experten, möglichst lange noch mit den in Franken beliebten Sorten zurechtzukommen, sie mit Bewässerung und verbessertem Bodenmanagement an veränderte klimatische Bedingungen anzupassen.

Die Rebenveredelung arbeitet mit sogenannten Unterlagen. Das ist der Teil der Rebe, der die Wurzel bildet und auf dem die Edelsorte veredelt ist. Aus den südlichen Breiten kennt man Unterlagen, die trockenresistenter sind und über ein feineres Wurzelwerk den Boden besser aufschließen. Deren Eignung für Franken müsse aber noch geprüft werden, sagt Deppisch. Schließlich müsse man hier nach wie vor mit feuchten oder nassen Sommern rechnen.

Auch Klaus Körber, Leiter des Sachgebiets Obstbau und Baumschule der LWG, plädiert für stärkerwüchsige Unterlagen im Obstbau mit tiefer Verwurzelung. „Mir ist ein Apfelbaum lieber, der zwei Meter höher ist, als ein kleinerer, der kein Wasser hat.“ Was dann passiert, sieht Körber derzeit allenthalben. „Die Apfelbäume schmeißen jetzt viel runter.“

Körber hat intensiv in Sachen „Begleitgrün“ geforscht und hilft Gemeinden, die richtigen Gehölze für den Gehsteig oder die Straße zu finden. Die müssen künftig noch mehr als bisher schon mit sengender Hitze wie mit strengem Frost klarkommen, obendrein in den Sommermonaten mit wenig Wasser und im Winter mit Streusalz. Die Hainbuche eignet sich, der Feldahorn, resistente Ulmen, Silberlinden mit Behaarung als Schutzschild, Eichen osteuropäischer Abstammung, Zürgelbäume und Ginkos. Körber sieht und misst auch, welche Bäume schon unter den aktuellen Bedingungen enorm leiden und sich künftig vielleicht ganz aus unseren Städten und Dörfern verabschieden werden: Birken, Eschen, Kastanien.

Und welches Obst und Gemüse muss sich mit forschreitendem Klimawandel aus dem Garten verabschieden? Gartenbauwissenschaftlerin Marianne Scheu-Helgert warnt vor Panik und rät zum richtigen Gebrauch von Gießkanne und Schlauch und zum häufigen Einsatz der Hacke. Lieber einmal am Tag reichlich wässern als mehrfach nur die oberste Bodenschicht anfeuchten, lautet eine Regel. Auch die andere klingt vertraut: Einmal hacken erspart dreimal gießen. Noch eine Binsenweisheit: den Boden bedecken, das verhindert das Austrocknen. Den Rasenschnitt in die Biotonne zu kippen hält die Fachfrau für „pure Verschwendung“.

Gibt es nicht ein pflegeleichtes Gemüse für den „Trockengarten“? Der Zuckermais aus Bolivien, den Scheu-Helgert in der Landesanstalt testet, wächst prächtig, hat aber noch keine richtigen Kolben gebildet. Bei Artischocken ist die Überwinterung in unseren Breiten das Problem, sagt sie. Bleibt als extrem pflegeleichte Pflanze die Pastinake, die ihre rübenförmig verdickte Pfahlwurzel tief in die Erde schiebt und so noch Wasser saugt, wo andere Pflanzen sich vergeblich mühen.

Vögel und Igel dürsten

Pfützen und Gräben sind ausgetrocknet. Der Landesbund für Vogelschutz (LBV) rät, spätestens jetzt Vogeltränken aufzustellen. Dabei ist die Sauberkeit oberstes Gebot, ganz gleich, ob im Garten, auf der Terrasse oder dem Balkon. In ungereinigten Vogeltränken können sich Trichomonaden oder Salmonellen ausbreiten, die das Leben der Vögel gefährden. Bei großer Hitze muss das Wasser täglich gewechselt und die Vogeltränke gereinigt werden. Hierzu darf auf keinen Fall Chemie verwendet werden. Vögel nehmen eine Tränke jedoch nur an, wenn sie sich dort auch sicher fühlen. Wichtig ist deshalb, dass die Tränke an einem Platz steht, von wo aus die Vögel die Umgebung überblicken können.

Vögel sind beim Baden abgelenkt und werden sonst zu leichter Beute für anschleichende Katzen. Vogelbäder und Profi-Tränken gibt es im Fach- und Gartenhandel. Eine flache Schüssel oder ein Blumentopf-Untersetzer tun es aber auch. Auch Igeln fehlt Wasser und Nahrung, denn viele Insekten und Würmer haben sich bei der Trockenheit vergraben. Ein alter Suppenteller mit Wasser (niemals Milch) hilft gegen den Durst. Auch wer abends Katzen- oder Igeltrockenfutter rausstellt, tut etwas Gutes.

Reinhold Klein (Ortsobmann des Bauernverbandes) und Dr. Herbert Siedler, Leiter des Fachzentrums Pflanzenbau im Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten verweisen auf die verschiedenen Testergebnisse in den Versuchs-Getreidefeldern.
Foto: nn | Reinhold Klein (Ortsobmann des Bauernverbandes) und Dr. Herbert Siedler, Leiter des Fachzentrums Pflanzenbau im Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten verweisen auf die verschiedenen Testergebnisse in den ...
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