Würzburg

„In Würzburg würde ich die Kippa tragen“

Die frühere Oberbürgermeisterin Pia Beckmann traf sich im „Shalom Europa“ mit Josef Schuster, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland. Sie sprachen über den Amichai-Roman, jüdisches Leben in Deutschland und aktuelle Themen.
Foto: Patty Varasano | Die frühere Oberbürgermeisterin Pia Beckmann traf sich im „Shalom Europa“ mit Josef Schuster, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Als Jehuda Amichai 1962 seinen Roman „Nicht von jetzt, nicht von hier“ schrieb, war Josef Schuster acht Jahre alt. Gemeinsam ist beiden, dass sie aus jüdischen Würzburger Familien stammen, die vor den Nazis nach Palästina/Israel emigrierten. Was sie unterscheidet, ist: Die Familie Schuster beschloss 1956 mit dem zweijährigen Josef nach Würzburg zurückzukehren – und zwar auf Dauer.

Jehuda Amichai, 1924 als Ludwig Pfeuffer in Würzburg geboren, kam 1959 erstmals nach Würzburg zurück, aber nur zu Besuch. In seinem Roman unternimmt der Archäologe Joel eine Reise nach Würzburg, wo er aufgewachsen ist. Er will seine jüdische Freundin Jugendfreundin Ruth rächen, die von den Nazis ins KZ verschleppt und ermordet worden ist.

Ob er als Jugendlicher auch Rachegefühle gegen die Deutschen gehegt habe, wollte Pia Beckmann bei einem Gespräch mit Josef Schuster, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, wissen, das im Rahmen der Aktion „Würzburg liest ein Buch“ stattfand. Die Aktion setzt sich in diesem Jahr mit dem Roman Amichais auseinander. Beckmann und Schuster trafen sich im großen Saal des Jüdischen Gemeindezentrums „Shalom Europa“, der nach Josef Schusters Vater David benannt ist. Etwa 160 Zuhörer nahmen an dem Gespräch teil.

Nicht ansatzweise Rachegefühle

Nein, solche Rachegefühle kenne er nicht, erzählte Schuster. „Das Motiv Rache zu nehmen, war nicht ansatzweise da“, so Schuster. Überhaupt sei sein jüdisches Elternhaus eher atypisch gewesen. Das treffe schon auf den Entschluss zu von Israel nach Deutschland zurückzukehren. In Würzburg sei er als „normales Kind“ aufgewachsen.

Er habe mit seiner Familie die jüdischen Feiertage begangen, sei in den Gebetssaal im jüdischen Altenheim gegangen (die Synagoge war noch nicht wieder aufgebaut) und habe in einem koscheren Haushalt gelebt. „Wenn die anderen Kinder Wurstschnappen gespielt haben, dann habe ich halt eine Tüte Erdnüsse bekommen“, schildert er den Umgang seiner nichtjüdischen Umgebung mit ihm.

Wenn auch Parallelen zu Amichais Romanfigur immer irgendwie im Raum lagen, Pia Beckmann musste die Romanvorlage gar nicht so häufig bemühen. Die Figur des Joel im Buch ist eine Person, die zwei Wege geht. Joel hat ein Problem mit seiner Identität als Jude. Das hat Josef Schuster nicht. Zu Hause sei auch die tragische Vergangenheit (Schusters Großeltern mütterlicherseits wurden im KZ ermordet) nicht verschwiegen worden. „Sehr sachlich“ habe sein Vater darüber gesprochen. Die jüdische Religion habe auch nie zu einer Abkapselung der Familie Schuster geführt. Nach dem Samstagsgottesdienst sei man häufig in die Stadt gegangen, obwohl dies nicht den strengen Regeln entsprochen habe.

Fragen zu aktuellen Themen

Natürlich ließ sich Pia Beckmann nicht die Chance entgehen, Josef Schuster, den Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, auch zu aktuellen Themen zu befragen. Den Posten habe er nie angestrebt, sagt er, genauso wenig wie er seinen Vater als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Würzburg beerben wollte.

Aber eines Tages sei er halt in der Verantwortung gestanden. Was den Vorsitz im Zentralrat angeht, habe sein Vorgänger einen glücklichen Moment erwischt. Während er selbst nicht zu Hause war, sei seine Frau am Telefon überzeugt worden, dass er der Richtige sei, berichtete Schuster.

Antisemitismus heute

Und damit hat Josef Schuster gerade eine Medienpräsenz, die er sich wohl so nicht erwartet hätte. Was geschieht gerade in Sachen Antisemitismus in Deutschland, in einem Land, in dem man es doch besser wissen müsste, wollte Pia Beckmann von Josef Schuster wissen. In Deutschland hätten 20 Prozent der Bevölkerung antisemitische Ressentiments, so Schuster.

Diese Zahl sei seit Jahren konstant. Geändert habe sich indessen die Art, wie sie ausgedrückt werden: „Man traut sich heute wieder zu sagen, was man gedacht hat, sich aber lange nicht getraut hat, zu sagen.“ Aber diese 20 Prozent bedeuteten auch, dass 80 Prozent der Menschen eben keine antijüdischen Ressentiments hätten, sagte Schuster.

Er erläuterte auch noch einmal seine Äußerung über das Tragen der Kippa in der Öffentlichkeit, die ihm vor ein paar Tagen Kritik einbrachte. Er habe damit nur einzelnen Personen abraten wollen. Denn es sei seine Absicht zu verhindern, dass beispielsweise Kinder und Jugendliche zu Schaden kommen und ergänzte: „Das ist schade und traurig“. Keinesfalls habe sich seine Äußerung aber auf ganz Deutschland bezogen. „In Würzburg würde ich mich trauen, die Kippa zu tragen“, sagte Schuster.

Mehr Zivilcourage zeigen

Schuster forderte auch konkrete Maßnahmen, um gegen den Antisemitismus vorzugehen. Zunächst aber bestehe das Problem darin, dass Antisemitismus in der Bevölkerung nicht als Problem erkannt wird. Deshalb sollte die Ausbildung von Lehrern zum Thema Judentum intensiviert werden. Gleiches gelte für den Umgang mit antisemitischen Parolen. Dies muss nach Schusters Auffassung schon in der Universität geschehen. Ein Lehrstuhl für solche Inhalte könnte möglicherweise an der Würzburger Universität an der Fakultät für Humanwissenschaften entstehen, so Schuster. Zunächst aber müsse jeder einzelne Zivilcourage zeigen und sagen „So nicht!“

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