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Jörg Hacker: "Das Coronavirus kann noch gefährlicher werden"

An der Uni Würzburg forschte Jörg Hacker lange über bakterielle Krankheitserreger. Wie der ehemalige RKI-Chef und Leopoldina-Präsident die aktuelle Pandemie einschätzt.
Mikrobiologe Professor Jörg Hacker
Foto: David Ausserhofer für die Leopoldina | Mikrobiologe Professor Jörg Hacker

Als Professor Jörg Hacker in diesem Februar nach einer zehnjährigen Amtszeit als Präsident der Nationalakademie Leopoldina verabschiedet wurde, freute er sich: Weil er im Ruhestand endlich Zeit finden würde, ein vor langer Zeit begonnenes Buch fertig zu schreiben. Das Thema: Infektionskrankheiten. Dass es solch Aktualität gewinnen würde, konnte der Wissenschaftler, der lange Jahre an der Universität Würzburg forschte und lehrte, kaum ahnen. Ende Januar wird Hackers Buch bei C.H.Beck erscheinen unter dem neuen Titel "Pandemien - Corona und die neuen globalen Infektionskrankheiten".  Was ist das Neue an ansteckenden Krankheiten? Wie gefährlich sind Cholera, HIV, Influenza oder Zikafieber? Und welche Folge wird SARS-CoV-2 haben? Ein Gespräch mit dem Mikrobiologen über die Möglichkeit, Erreger aufzuhalten.

Herr Professor Hacker, als Infektionsbiologe, vor welchem Erreger hatten Sie immer am meisten – sagen wir nicht Angst, aber Respekt?

Prof. Jörg Hacker:  Was die Situation auch bei uns in Mitteleuropa angeht, habe ich Coronaviren schon seit mehreren Jahren als besondere Herausforderung gesehen. Es gab 2003 und 2012 zwei relativ kleine, aber doch gefährliche Ereignisse, eine Epidemie durch das SARS-CoV und einen weiteren Ausbruch durch das MERS-Coronavirus. Ansonsten hat Ebola in jüngster Zeit auch Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Und dann natürlich Influenza, daran muss man immer denken. Man hat ja das Gefühl, dadurch, dass jedes Jahr ein neuer Impfstoff kommt, wird das schon gut funktionieren. Aber die Influenza und damit auch die Schweinegrippe werden immer wieder auftreten, weil diese Erreger so variabel sind.

Stichwort Schweinegrippe: Mit ihr mussten Sie sich selbst intensiv beschäftigen, als Sie 2008 von Würzburg nach Berlin wechselten und Präsident des Robert Koch-Instituts wurden. Plötzlich hieß es: Da ist ein neu mutiertes Grippevirus vom Schwein auf den Menschen übergesprungen.

Hacker: Das waren beunruhigende Stunden zu Beginn. Wir wussten ja nichts. Es hieß, das Virus sei in Mexiko aufgetaucht und breite sich schnell aus, auch mit Todesfällen. Aber dann zeichnete sich glücklicherweise ab, dass die Symptome meist nicht so stark ausgeprägt waren, wie zunächst angenommen. Der Verlauf der Schweinegrippe oder neuen Grippe, wie wir sie nannten, erwies sich oft als mild. Aber das Virus macht immer den ersten Schritt. Es kann immer noch deutlich gefährlicher werden.

"Das waren beunruhigende Stunden zu Beginn."
Prof. Jörg Hacker über die Schweinegrippe 2008
Sie haben damals gleich in Pressekonferenz erklärt, worum es bei dem neuen Influenzavirus geht. Mussten alarmieren, ohne Panik zu machen - ab wann hatten Sie Corona im Blick? Ab wann wussten Sie, dass das dramatisch wird?

Hacker: Anfang des Jahres hat man schon mitbekommen, dass das etwas Besonderes und auch Gefährliches ist. Das wurde ja auch in der Öffentlichkeit schnell so wahrgenommen. Es war schnell klar, dass das ein weltweites Geschehen ist, das durchaus lebensgefährlich und tödlich sein kann.

Eine undatierte elektronenmikroskopische Aufnahme des 'U.S. National Institute of Health' zeigt das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 (orange), das aus der Oberfläche von im Labor kultivierten Zellen (grau) austritt. 
Foto: dpa | Eine undatierte elektronenmikroskopische Aufnahme des "U.S. National Institute of Health" zeigt das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 (orange), das aus der Oberfläche von im Labor kultivierten Zellen (grau) ...
Und dieses Ausmaß? Hatten Sie solch eine Pandemie mit all ihren Einschränkungen erwartet?

Hacker: Naja, das Ausmaß habe ich mir so nicht vorstellen können oder wollen. Es ist jetzt natürlich etwas Besonderes, durch diese starke Internationalisierung und Globalisierung.

Sind Sie froh, dass Sie nicht mehr jetzt RKI-Chef sind? Dass solch eine globale Pandemie nicht während Ihrer Zeit als Präsident des Robert Koch-Instituts passierte?

Hacker: Wollen wir mal so sagen: Man muss es nehmen, wie es kommt. Das werde ich natürlich oft gefragt. Auch damals bei der „neuen Grippe“ war die Situation schon gefährlich. Man wusste zu Anfang nicht, wie sich die Situation entwickeln wird. Mit der Entwicklung eines Impfstoffs hat sich das geändert. Wir hatten in Deutschland besonders Probleme, die Akzeptanz dieses Impfstoffs zu steigern. Weil sich schnell zeigte, dass es viele leichte und asymptomatische Fälle gibt, wie bei Corona ja auch.

Was bei Corona so sehr verwunderte: Warum das RKI im März, April so lange zögerte mit der Empfehlung, Maske zu tragen.

Hacker: Es ist schon richtig, es hat eine Weile gedauert, bis die Rolle der Masken so wahrgenommen wurde, wie es sinnvoll ist. Es geht ja zum einen um den Moment des Schutzes, die medizinische Seite. Aber Masken sind auch von Bedeutung als Signal, als Zeichen in der Öffentlichkeit.

Virologen sind eine sehr bekannte Berufsgruppe geworden. Mal Medienstar, mal Feindbild. Wie sehen Sie dieses Spannungsfeld Wissenschaft-Politik, Wissenschaft-Öffentlichkeit.

Hacker: Corona ist ein Beispiel, wie wichtig es ist, dass die Wissenschaft ein Ohr findet. Verglichen mit der Situation vor fünf oder zehn Jahren ist es ist besser geworden. Die Öffentlichkeit sieht, dass Wissenschaft nötig ist. Klar, die Virologen sind derzeit besonders gefordert. Aber wir merken generell, dass das Interesse an Wissenschaftlern zunimmt, weltweit. Und wir sehen auch: Wissenschaft ist nicht so ohne weiteres von außen manipulierbar. Ich habe schon das Gefühl, dass die Politik das, was aus der Wissenschaft kommt, stärker aufnimmt. Das ist gut und richtig.

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Sie arbeiten an einem neuen Buch, es wird „Pandemien“ heißen. Was sind denn „neue“ Pandemien? Was unterscheidet sie von den bisherigen, altbekannten?

Hacker: Sie sind vor allem globaler Art und sie entwickeln sich sehr schnell. Die länder- und kontinentübergreifende Ausbreitung von Infektionskrankheiten ist eine Folge der Globalisierung, vor allem des internationalen Flugtourismus. Das war schon vor dem Aufkommen des neuen Coronavirus bei einer ganzen Reihe von Infektionskrankheiten der Fall, wie beim Zikafieber oder der Neuen Grippe. Man muss unbedingt aufpassen, dass Seuchenbekämpfung auf der einen Seite und Nachhaltigkeit auf der anderen, nicht zu Konkurrenten werden. Es gibt Dinge, die früher nicht absehbar waren.

An was denken Sie da?

Hacker: Durch die Klimaerwärmung haben sich bestimmte Träger von Infektionserregern weiterentwickelt. Auch in Deutschland gibt es heute Mücken, die Viren transportieren. Man muss das Seuchengeschehen systemisch sehen. Es geht weit über die akuten Maßnahmen hinaus, worüber wir uns Gedanken machen müssen.

Auch in Europa immer gefährlicher: Mücken als Überträger von Infektionskrankheiten.
Foto: Getty Images | Auch in Europa immer gefährlicher: Mücken als Überträger von Infektionskrankheiten.
Sie haben gerade Zika genannt. Aus der öffentlichen Wahrnehmung bei uns ist das nach den Olympischen Spielen in Brasilien verschwunden. Wie ist die Situation?

Hacker: Bei Zika ist für uns von besonderer Wichtigkeit, dass versucht wird, die Vektoren, also Krankheitsüberträger, genetisch zu verändern. Also genetisch so zu verändern, dass sie keine Krankheitserreger mehr transportieren. Das scheint auch ganz gut zu funktionieren. Zika-Viren werden ja durch Aedes-Stechmücken übertragen. Man muss nur schauen, wie das auf ökologischer Seite dann aussieht.    

Was waren aus Ihrer Sicht bislang die größten, schlimmsten Pandemien in der Menschheitsgeschichte?

Hacker: Ganz sicher die Pest im Mittelalter, im 14. Jahrhundert, die auch starke gesellschaftliche Folgen hatte. Bis dahin, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen dafür verantwortlich gemacht wurden. Dann würde ich die Spanische Grippe von 1918/1919 auch unter die ganz schwerwiegenden Pandemien und Epidemien einordnen. Sicher auch Cholera. Cholera entwickelt sich nach wie vor weiter und taucht immer wieder auf im Zusammenhang mit Erdbeben oder gesellschaftlichen Ereignissen. Was man auch nennen muss: HIV. Gut, dass es inzwischen so gut behandelbar ist. Aber es gibt nach wie vor keinen Impfstoff gegen das HI-Virus und das wird häufig übersehen. Und was man inzwischen auch dazu zählen sollte: Antibiotika-Resistenzen. Und Ebola.

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Haben eigentlich in der Menschheitsgeschichte Bakterien oder Viren die eine größere Rolle gespielt?

Hacker: Interessante Frage. Ich glaube, dass die Viren eine größere Rolle gespielt haben und spielen, weil sie insgesamt flexibler sind was ihre Biologie angeht.

Wo wird SARS-CoV-2 einzuordnen sein? Welchen Platz wird diese Pandemie in der Geschichte der Seuchen bekommen?

Hacker: Das muss man sehen. Es wird sicher die Pandemie sein, die als erste einen ganz globalen Charakter hat. Und dann wird viel davon abhängen, ob und wann es einen Impfstoff und ein Medikament dagegen geben wird und wie hoch dann die Akzeptanz dafür ist.

"Es wird sicher die Pandemie sein, die als erste einen ganz globalen Charakter hat."
Prof. Jörg Hacker über die Bedeutung von SARS-CoV-2 
Was hätte man aus früheren Pandemien lernen können? Was sollte man aus der jetzigen lernen?

Hacker: Pandemiepläne sind wichtig! Dass man vor allem Plattformen entwickelt zum Informationsaustausch und auch zum wissenschaftlichen Austausch. Wichtig ist sicher, dass man Wissenschaftskommunikation stärker in den Mittelpunkt stellt und die Digitalisierung schneller vorantreibt.

Noch einmal den Infektionsbiologen Hacker gefragt: Wie gefährlich ist das Corona-Virus im Vergleich zu anderen Erregern?

Hacker: Es ist durchaus gefährlich! Man muss abwarten, welche Mutationen des Virus neu auftreten. Es kann sein, dass sich das Virus in ein paar Wochen als weniger krankmachend darstellt. Es kann aber auch noch gefährlicher werden. Das ist Evolution unter dem Mikroskop. Man kann fast zuschauen, wie sich da etwas verändert. Als Infektionsbiologe ist man geschult, Veränderungen nachweisen zu können und zu wissen, dass es kein stabiles, sondern ein sehr labiles Geschehen ist.

Was wird die größte Folge der Pandemie sein? Was wird nach Corona anders sein?

Hacker: Dass eine Infektion doch in alle Lebensbereiche hineindringt, gesamtgesellschaftlich gesehen, das wird lange im Gedächtnis bleiben, auch die AHA+L-Regeln: Abstand, Hygiene, Atemschutz und Lüften werden uns noch länger begleiten.

Prof. Jörg Hinrich Hacker

Der Mikrobiologe, Jahrgang 1952, ist in Mecklenburg aufgewachsen. Hacker studierte von 1970 bis 1974 Biologie in Halle (Saale), nach der Promotion 1979 ging er in den Westen. Er habilitierte am Institut für Mikrobiologie der Uni Würzburg war dort ab 1988 Professor. 1993 übernahm Hacker die Leitung des Würzburger Institutes für Molekulare Infektionsbiologie, wo er bis 2008 forschte und lehrte. Von 2003 bis 2009 war er Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Im Jahr 2008 ging Hacker nach Berlin und wurde Leiter des Robert Koch-Instituts (RKI). 2010 wurde der Mikrobiologe zum Präsidenten der Nationalen Akademie der Wissenschaften gewählt und führte die Geschicke der Leopoldina in zwei Amtszeiten bis Frühjahr 2020. Seine Hauptarbeitsgebiete waren und sind die molekularbiologische Analyse bakterieller Krankheitserreger, Untersuchungen zu deren Ausbreitung und Variabilität sowie Wechselwirkungen mit Wirtszellen.
Bücher von Jörg Hacker: "Pandemien - Corona und die neuen globalen Infektionskrankheiten", C.H.Beck Wissen, ca. 128 Seiten, 9,95 Euro. Erscheint am 27. Januar 2021
"Menschen, Seuchen und Mikroben - Infektionen und ihre Erreger", C.H.Beck Wissen 2003, 128 Seiten, 8,95 Euro.
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