Goßmannsdorf

Kahlschlag mit Methode

Neuer Lebensraum: Von Bäumen und Büschen befreit, sollen sich im alten rund zwei Hektar großen Steinbruch westlich von Goßmannsdorf wieder seltene Arten ausbreiten können. Beim Ortstermin von links Erhard Heinle, Landschaftsarchitekt Jürgen Faust, der Leiter des Fachbereichs Naturschutz am Landratsamt, Roland Möschle, Ochsenfurts zweite Bürgermeisterin Rosa Behon und Vanessa Klärle vom Bauamt der Stadt.
Foto: Gerhard Meißner | Neuer Lebensraum: Von Bäumen und Büschen befreit, sollen sich im alten rund zwei Hektar großen Steinbruch westlich von Goßmannsdorf wieder seltene Arten ausbreiten können.

Die großen Reisighaufen im alten Steinbruch westlich von Goßmannsdorf lassen auf einen radikalen Kahlschlag schließen. Allerdings waren hier nicht Umweltfrevler am Werk, sondern amtliche Naturschützer. Und die sind zufrieden mit ihrem Werk. Auf der ehemaligen Abbaufläche soll sich wieder eine landschaftstypische Lebensgemeinschaft seltener Arten entfalten können.

Die großflächige Rodung ist Teil des EU-Förderprogramms LIFE. Im Jahr 2012 war es mit dem Ziel ins Leben gerufen worden, Schutzgebiete – so genannte Flora-Fauna-Habitate – nachhaltig zu entwickeln. In Unterfranken ist daraus ein grenzüberschreitendes Projekt mit dem Titel „MainMuschelkalk“ entstanden. Es umfasst 4600 Hektar, verteilt auf die Landkreise Würzburg, Main-Spessart, Bad Kissingen und die Stadt Würzburg.

Auf insgesamt über 100 Hektar griff der Mensch in die Natur ein, um fast verschwundenen Biotoptypen wieder zum Durchbruch zu verhelfen. In vielen Fällen handelte es sich dabei um alte Steinbrüche und Magerrasenflächen, die von wucherndem Buschwerk befreit wurden.

Im Steinbruch in Goßmannsdorf wurde seit mehr als vier Jahrzehnten kein Stein mehr gebrochen. Ein verrosteter Dieselmotor und ein halb verfallenes Schotterwerk erinnert an die einstige Nutzung. Der private Eigentümer habe sich sehr kooperativ gezeigt und die Maßnahme unterstützt, lobt Erhard Heinle von der unteren Naturschutzbehörde am Landratsamt – ideale Voraussetzungen also.

Aber was macht die karge Rasenfläche so wertvoll im Vergleich zum dichten Buschwerk, das sich dort seit Jahrzehnten ausgebreitet hatte? Der Karlstadter Landschaftsarchitekt Jürgen Faust erinnert an den früheren Zustand solcher Brachflächen. Vor wenigen Jahrzehnten noch, waren die Hecken begehrte Reisiglieferanten. Regelmäßig wurden sie abgeholzt.

Auf den offenen Mager- und Trockenrasenflächen siedelten sich seltene Pflanzen an, Orchideen, Flechten, Gräser oder Blühpflanzen, die ausschließlich auf nährstoffarmen und extrem trockenen Standorten gedeihen. Einige davon seien so selten, dass Botaniker aus ganz Deutschland nach Mainfranken kommen, um sie zu studieren, sagt Jürgen Faust. So sei in Fachkreisen beispielsweise vom mainfränkischen Erdseggen-Faserschirm-Trockenrasen die Rede, ein endemischer Lebensraum, der nur entlang des Mains und einiger seiner Nebenflüsse anzutreffen sei.

Als das Reisig nicht mehr gebraucht wurde, breiteten sich Gehölze wie Schlehe und Hartriegel aus und erstickten solche Pflanzengemeinschaften regelrecht. Die Entbuschung, wie sie jetzt in Goßmannsdorf vollzogen wurde, soll dazu führen, dass sich die wenigen verbliebenen Pflanzen wieder entfalten und verbreiten können.

Was genau in ein paar Jahren im alten Steinbruch grünen und blühen wird, bleibt abzuwarten, sagt Naturschützer Erhard Heinle. Gleichzeitig muss die Naturschutzbehörde dafür Sorge tragen, dass sich die Gehölze nicht erneut ausbreiten und auch das Gras kurz gehalten wird. In Goßmannsdorf vertraut man dafür auf die Arbeit von Schäfer Robert Miles. Er treibt seine Herde künftig regelmäßig durch den rund zwei Hektar großen Steinbruch. Schafe und Ziegen seien hier die idealen Rasenmäher, sagt Erhard Heinle.

Zwei Jahre wird die Nachpflege noch von der EU gefördert. Mindestens weitere fünf Jahre muss der Landkreis Würzburg selbst für die Pflege aufkommen. Doch das LIFE-Projekt „MainMuschelkalk“ ist auf Dauer angelegt, sagt Jürgen Faust. Als freiberuflicher Landschaftsarchitekt hat er das Projekt „MainMuschelkalk“ von Anfang an betreut und begleitet.

Dass die Naturschutzbehörde in Goßmannsdorf die Öffentlichkeit sucht, um über die Pflegemaßnahmen und ihren dauerhaften Nutzen zu informieren, kommt nicht von ungefähr. Eine ähnliche Aktion hatte im vergangenen Jahr in Winterhausen viele empörte Bürger auf den Plan gerufen, die in der Abholzung ein Zerstörungswerk vermuteten.

Auch in Goßmannsdorf war das Echo auf das Entfernen des Gebüschs nicht ungeteilt positiv. So habe etwa der Jagdpächter kritisiert, dass mit den Hecken geschützter Brutraum für Fasane verloren ging, sagt Erhard Heinle. Eine Abwägung, die die Naturschützer zugunsten anderer Insekten- und Vogelarten entschieden haben, die sich auf dem sonnigen Trockenrasen wieder heimisch fühlen sollen.

MainMuschelkalk

Das „LIFE+-Förderprogramm“ wurde 2012 von der EU zur Entwicklung von Flora-Fauna-Habitat-Schutzgebieten (FFH) aufgelegt.

Im Rahmen dieses Programms wurde das Projekt „MainMuschelkalk“ initiiert. Es umfasst FFH-Gebiete von insgesamt 4640 Hektar entlang des Mains, der Fränkischen Saale und der Wern und tangiert die Landkreise Würzburg, Main-Spessart und Bad Kissingen sowie die Stadt Würzburg. Auf über 100 Hektar wurden Pflegemaßnahmen durchgeführt.

Das Projektbudget hat ein Volumen von 2,565 Millionen Euro. Die Hälfte davon zahlt die EU. Zusätzlich wurde das Projekt mit der Summe von 500 000 Euro aus dem Bayerischen Naturschutzfond gefördert. MEG

Seltene Art: Die Rentierflechte, die Erhard Heinle zeigt, gehört zu den Arten, die sich nur auf kargen, sonnenbeschienenen Flächen ausbreiten kann.
Foto: Gerhard Meißner | Seltene Art: Die Rentierflechte, die Erhard Heinle zeigt, gehört zu den Arten, die sich nur auf kargen, sonnenbeschienenen Flächen ausbreiten kann.
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