Würzburg

Khalid ist ein Ein-Euro-Jobber

Khalid Nikzad ist Flüchtling und will nicht herumsitzen. Der 31-jährige Afghane arbeitet in Würzburg als Ein-Euro-Jobber.
Foto: Patty Varasano | Khalid Nikzad ist Flüchtling und will nicht herumsitzen. Der 31-jährige Afghane arbeitet in Würzburg als Ein-Euro-Jobber.

Khalid Nikzad baut im Kreiswehrersatzamt Betten und Schränke auf. Einen Euro erhält er dafür in der Stunde. Der Afghane arbeitet als Ein-Euro-Jobber bei der Stadt Würzburg. Seit September räumt er einige Stunden am Tag in städtischen Flüchtlingsunterkünften auf, hilft Möbel zu transportieren oder Trennwände zu schreinern.

Zehn Flüchtlinge haben hier momentan Ein-Euro-Jobs. „Arbeit ist die beste Integration,“ sagt Siegfried Scheidereiter, Koordinator im städtischen Sozialreferat zum Sinn und Zweck dieser Arbeitsgelegenheiten.

Von denen gibt es in der Stadt bislang erst zehn. Doch bald sollen es mehr werden. Ende vergangener Woche hat die Bundesregierung beschlossen, heuer zusätzlich 100 000 solcher Arbeitsgelegenheiten für Migranten zu schaffen und die entsprechenden Mittel dafür zur Verfügung zu stellen. 300 Millionen Euro sind bereits für 2017 dafür geplant.

Verschiedene Organisationen könnten Ein-Euro-Jobs anbieten

„Wir können das Projekt ausbauen“, sagt Ehrenamtskoordinator Burkard Fuchs, der sich auch um Ein-Euro-Jobs für die momentan rund 250 Flüchtlinge in den dezentralen Unterkünften der Stadt kümmert. Es gäbe verschiedene gemeinnützige Organisationen in der Stadt, die weitere Ein-Euro-Jobs anbieten können.

So könnten demnächst Flüchtlinge in der Stadtbücherei Bücher einbinden. Oder in Altenheimen mithelfen. „Viele weibliche Flüchtlinge wollen einen Pflegeberuf“, sagt Scheidereiter. Eine Arbeitsgelegenheit im Krankenhaus oder auf der Pflegestation wären dazu der passende Einstieg.

Die Ein-Euro-Job-Initiative von Arbeitsministerin Andrea Nahles gefällt allerdings nicht allen: Sowohl Wohlfahrtsverbände als auch Wirtschaftsexperten halten sie für wenig sinnvoll und fordern stattdessen eine Beschleunigung der Asylverfahren, damit Migranten schneller eine reguläre Arbeit aufnehmen können.

Ein-Euro-Job bietet oft ersten Kontakt mit Deutschen außerhalb der Unterkunft

Scheidereiter und Fuchs halten die Ein-Euro-Jobs dagegen für einen sehr guten ersten Schritt für die Neuankömmlinge. „Oft ist es ihr erster Kontakt mit Deutschen außerhalb der Unterkunft.“ Auch die deutsche Arbeitsmentalität und -praxis würden sie so kennenlernen. „Wie wichtig bei uns Pünktlichkeit ist“, nennt Fuchs ein Beispiel.

Idealerweise würden auf die gemeinnützige Arbeit ein Praktikum in einem Unternehmen folgen. Diese Vorbereitung sei notwendig, bevor Flüchtlinge eine Arbeit annähmen. Der Glaube, dass dies schnell und einfach gelinge, sei leider falsch.

Dass der Flüchtlingszustrom den Facharbeitermangel nicht beheben wird, hat kürzlich Jürgen Weise, Chef der Bundesagentur für Arbeit sowie des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) erklärt. Denn nur 10 bis 15 Prozent der nach Deutschland kommenden Flüchtlinge sei so gut qualifiziert, dass sie relativ schnell Arbeit bekommen könnten.

Laut Scheidereiter sind Ein-Euro-Jobs aber noch mehr als ein Türöffner in die Arbeitswelt. „Wer über längere Zeit ohne Tätigkeit herumsitzt, fängt an, sein Leben zu reduzieren.“ Auch deshalb sei es wichtig, möglichst vielen eine Arbeitsmöglichkeit anbieten zu können.

"Nichtstun macht Menschen mürbe"

Nikzad kommt drei Mal wöchentlich in die Werkstätten an den Heuchelhof, um nicht länger in seiner Unterkunft herumzusitzen. „Nur nicht an den Tagen, an denen ich Sprachunterricht habe“, erzählt der Afghane in fließendem Englisch. In Kabul fertigte er in seiner Schneiderei Hemden an, am Heuchelhof säumt er an seiner Nähmaschine gerade Stoffreste. „Ich muss etwas tun“, sagt der 31-Jährige. „Sonst werde ich trübsinnig.“ Alexander Hinnrich nickt: „Nichtstun macht Menschen mürbe“, weiß der Werkstattleiter Alexander Hinnrich. „Gemeinsam mit anderen zu arbeiten, tut ihnen gut.“ Hinnrich leitet die Flüchtlinge aus Afghanistan, Syrien, Armenien und Somalia bei der Arbeit mit Holz, Metall oder Fahrrädern an. „Meistens mit Händen und Füßen“, sagt er zur Kommunikation. „Man kann aber auch viel zeigen.“

Doch Hinnrich zeigt nicht nur den Gebrauch mit den Werkstätten: Er zeigt konkret wie Integration geht. Der 56-Jährige ist 1990 als „Rußland-Deutscher“ nach Würzburg gekommen, hat auch mit Sprachbarrieren und fremder Mentalität gekämpft und es zu einem geschätzten Mitarbeiter der Stadt gebracht.

Jetzt hilft er ehrenamtlich im Integrationsverein Perspektive und ist der ideale Chef für die internationale Ein-Euro-Job-Truppe der Stadt. „Er kann sich gut in ihre Situation hineinfühlen und weiß, wie anstrengend ein Neuanfang in einer fremden Welt ist und wie lange er dauert“, sagt Scheidereiter. „Alexander ist das beste Beispiel für die Leute, dass sich das Durchhalten lohnt.“

Ein-Euro-Jobs sollten die Wiedereingliederung in das Erwerbsleben fördern

2005 wurden Ein-Euro-Jobs als Arbeitsgelegenheiten für Langzeitarbeitslose eingeführt, um deren Wiedereingliederung in das Erwerbsleben zu fördern. Mit der Belebung am deutschen Arbeitsmarkt wurden die Arbeitsgelegenheiten wieder zurückgefahren.

Seit Herbst 2015 wird dieses Modell dazu genutzt, Flüchtlinge an den Arbeitsmarkt heranzuführen. Finanziert werden die Aufwandsentschädigungen vom Staat. Reguläre Arbeitsplätze dürfen durch Ein-Euro-Jobs nicht verdrängt werden. Deshalb dürfen Ein-Euro-Jobber nur solche Aufgaben übernehmen, die private Betriebe nicht anbieten: Zum Beispiel das Einbinden von Büchern in der Stadtbücherei. Ausnahme sind Arbeiten in Flüchtlingsunterkünften, dort dürfen Ein-Euro-Jobber zum Beispiel auch putzen, was ansonsten Reinigungsfirmen übernehmen würden. Auf dieser Grundlage beschäftigt die Regierung von Unterfranken zum Beispiel Flüchtlinge in der Gemeinschaftsunterkunft in der Veitshöchheimer Straße. Flüchtlinge erhalten für diese Zusatzjobs neben den Zahlungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz eine Aufwandsentschädigung von etwa einem Euro pro Stunde. In Bayern haben zwischen August 2015 und Januar dieses Jahres 9157 Flüchtlinge in Ein-Euro-Jobs gearbeitet. 100 000 solcher Arbeitsgelegenheiten sollen in diesem Jahr (2016) bundesweit neu geschaffen werden.

Alexander Hinnrich ist städtischer Werkstattleiter, Gründer des Integrationsvereins Perspektive am Heuchelhof und der Probierwerkstatt.
| Alexander Hinnrich ist städtischer Werkstattleiter, Gründer des Integrationsvereins Perspektive am Heuchelhof und der Probierwerkstatt.
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