Würzburg

Leserforum: Wer kennt ihre Gesinnung genau?

Zum Thema "Straßennamen" erreichte die Redaktion folgender Leserbrief.

Die Umbenennung der Straßennamen von vielen verdienten Persönlichkeiten in Würzburg fordert enormes Fingerspitzengefühl heraus. Wollte man noch weiter in der Geschichte zurückgehen, so müsste vieles verändert werden. Wer kennt genau die Gesinnung der Personen, die sich auf Grund von Auseinandersetzungen im Privaten oder Politischen anpassen mussten?

Ein Tilman Riemenschneider, christlich geprägt im Schaffen seiner vielen Werke, schwenkt plötzlich um und stellt sich mit den Bauern gegen den Bischof und wurde daraufhin eingekerkert und schwer gewogen.

Ein Veit Stoß in Nürnberg wurde wegen eines Fehlverhaltens gebrandmarkt und in Nachhinein nach langer Zeit durch Kaiser Maximilian I. rehabilitiert, um wieder arbeiten zu können. So schuf er den berühmten Magdalenen-Altar in Münnerstadt.

Wenn man nun Personen wie Heiner Dikreiter, Nikolaus Fey (Heimatdichter), Hermann Zilcher (Gründer des Mozartfestes), Kardinal Faulhaber usw. analysiert, sollte man vieles überdenken. Lange habe ich überlegt, ob ich Ankläger bin oder mir ein Urteil erlauben kann. Wer kennt diese Personen noch persönlich oder sind es nur die vorhandenen Niederschriften?

Wer im sogenannten „Dritten Reich“ gelebt hat, musste sich einiges gefallen lassen, um weiter zu existieren. Die Leute wurden regelrecht gezwungen, der Partei beizutreten. Aus meiner Zeit von damals kann ich selbst viel Erlebtes berichten. Die Polizei war bei uns vorstellig und verlangte von meiner Mutter, dass sie künftig beim Gruß auf das „Grüß Gott“ verzichten soll. Dein Gruß heißt "Heil Hitler", so sagte der Beamte. Wir blieben dem alten Gruß treu.

Mein Onkel aus einer sehr christlichen Familie, er war ein angesehener Druckerei-Besitzer, und er wurde mehrmals gezwungen, der NSDAP beizutreten. Wenn er dies nicht befolge, werde er in seinen Aufträgen beschnitten, so der Kommentar. Nach langen Hin und Her ließ er sich überreden. Darauf bekam er den Auftrag über den Druck neuer Schulbücher, doch auch Propagandamaterial und Plakate musste er anfertigen.

So erging es sicher auch zum Beispiel Richard Rother, er musste für die Partei Druckköpfe aus Holz schneiden. Wäre er ein Nazi gewesen, bestimmt wären seine vielen christlichen Arbeiten nicht entstanden.

Wie weit war Nikolaus Fey belastet? Er hat viel weihnachtliche und auch andere fränkischen Mundartgedichte erstellt. Von ihm stammt auch das große Schauspiel „Die Königsboten“: ein Spiel über Kilian, Kolonat und Totnan, das damals hinter dem Dom aufgeführt wurde.

Dies ist nur einiges, was ich selbst erlebt habe, und es würde mich interessieren, wenn man diese jetzt zu beurteilenden Personen noch selbst befragen könnte. Warum wurde ihnen eine Straße gewidmet, wer war der Auftraggeber?

Georg Götz

97072 Würzburg

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