Würzburg

Muss Stromstoß-"Doktor" nicht ins Gefängnis?

Gutachter hält gefährliche Experimente an 88 Frauen für Auswirkungen einer autistischen Erkrankung und eines gestörten Sexuallebens des Angeklagten. 
Das Foto zeigt eine Apparatur, mit der sich Frauen Stromstöße verabreicht haben. Der aus Würzburg stammende Angeklagte soll sich  gegenüber jungen Frauen als Arzt ausgegeben und sie zu lebensgefährlichen Stromexperimenten gebracht haben.
Foto: Foto Polizeipräsidium Oberbayern Nord/dpa | Das Foto zeigt eine Apparatur, mit der sich Frauen Stromstöße verabreicht haben. Der aus Würzburg stammende Angeklagte soll sich gegenüber jungen Frauen als Arzt ausgegeben und sie zu lebensgefährlichen ...

Wegen 88 Fällen des versuchten Mordes steht der kontaktscheue Würzburger IT-Fachmann ab 12. November vor dem Landgericht München.  Hinter den Taten steckt wohl eine psychiatrische Erkrankung. 

Die Mädchen und jungen Frauen - auch aus Unterfranken - jagten sich bis zu 230 Volt durch den Körper. Sie schnitten Stromkabel ab und hielten sie an ihre Füße, klebten sich Elektroden an die Schläfe, steckten Nägel in Steckdosen oder fassten an Elektrozäune. Am Landgericht München II hat am Dienstag ein aufsehenerregender Prozess begonnen. Ein 30 Jahre alter Mann aus dem Raum Würzburg ist wegen versuchten Mordes an 88 Frauen und Mädchen angeklagt. Er soll sich als Arzt ausgegeben und behauptet haben, wissenschaftliche Studien zur Schmerztherapie durchzuführen. Per Videochat-Programm Skype brachte er - so die Anklage - seine Opfer dazu, sich selbst lebensgefährliche Stromschläge zuzuführen.

Er soll dafür jeweils Geld geboten haben - mal 200, mal 450 Euro, sogar 1500 oder 3000 Euro. In manchen Fällen sollen sogar die Eltern der Mädchen bei den angeblichen wissenschaftlichen Versuchen geholfen haben. Ein Vater, so heißt es in der Anklage, versetzte seiner Tochter demnach mehrfach Stromschläge mit einem Elektroschockgerät.

Die zuständige Staatsanwaltschaft München II spricht von einem "ungewöhnlichen Fall" und das Gericht schloss die Öffentlichkeit direkt zum Prozessauftakt für eine mögliche Einlassung des Angeklagten, Zeugenaussagen der minderjährigen Opfer sowie die Schlussplädoyers aus. Es folgte damit einem Antrag der Verteidigung.

Der Vorsitzende Richter begründete den Ausschluss damit, dass es um das "Sexualleben" des Angeklagten und "intime Wünsche" gehe. Die Anklage gehe von der "Befriedigung des Geschlechtstriebes" als Mordmerkmal aus und von einer "fetischistischen Komponente" im Tatmotiv. Laut Anklage soll es den Angeklagten sexuell erregt haben, wenn eine Frau durch einen Stromschlag Schmerzen erleidet. "Sowohl die Zufügung von Schmerzen mittels elektrischem Strom als auch nackte Füße an sich sowie Fesselungen sind ein Fetisch des Angeschuldigten", sagte der Staatsanwalt.

Von der U-Haft in die Forensik verlegt

Verteidiger Klaus Spiegel bestätigt auf Anfrage, dass der Angeklagte nach 15 Monaten Untersuchungshaft in der Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim am 1. Oktober 2019 zur weiteren Unterbringung in die Forsensik der Psychiatrie in München-Haar verlegt wurde. Zuvor war durch mehrere Gutachten unter anderem festgestellt worden, dass der Beschuldigte unter dem Asperger-Syndrom im Erwachsenenalter leide.

Bei den Taten des Angeklagten - so Spiegel auf Nachfrage - habe es sich um den „Versuch eines Kranken gehandelt, mit der Umwelt zu kommunizieren". Dieser Hintergrund sei erst während der Untersuchungshaft festgestellt worden, sagt Spiegel. Allerdings sei der Beschuldigte schon seit dem Kindergartenalter durchgehend „aufgefallen“ durch ein scheinbar „introvertiertes Verhalten“, ein Außenseiter-Dasein als Folge einer ängstlichen Unsicherheit. Die Entwicklung im intellektuellen Bereich sei davon nicht betroffen gewesen.

Experimente mit Strom schon im Kindesalter

Das Thema Strom beschäftigte den Angeklagten bereits als Kind beim Spiel mit der elektrischen Eisenbahn: Da soll er Drähte am Trafo entfernt, damit Blitze erzeugt oder sich die Drähte an den Oberschenkel gehalten haben. Auch an Weidezäunen soll der Angeklagte Stromstöße „gesucht“ haben.

Ein Gutachter ist nach vorliegenden Informationen Professor Henning Saß, Experte für forensische Psychiatrie am Universitäts- Klinikum Aachen. Er geht von einer "stabilen Autismus-Spektrum-Störung" aus. Der Sachverständige hält sowohl eine Distanzierung zum bisherigen Verhalten als auch eine Verringerung der Rückfallgefahr erst nach erheblicher therapeutischer Arbeit für denkbar.

Gutachter: Risiko der Wiederholung noch immer hoch

Das „Steuerungsvermögen“ des Angeklagten bei seinen Stromstoß-Attacken sei nicht aufgehoben, aber erheblich beeinträchtigt gewesen, schätzt der Gutachter. Das Risiko, dass der Angeklagte unter entsprechender Belastung erneut zu ähnlichem Verhalten wie in der Anklage kommt, sei derzeit noch hoch. Von daher liegen aus psychiatrischer Sicht die Voraussetzungen für die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus vor.

(Mit Informationen von dpa)

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